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[[Bild:foerster.jpeg|thumb|Heinz von Foerster, Abb. links: Ausgangsordnung vor der Intervention; Abb. rechts: Neu entstandene Ordnung nach der Intervention]]
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Jenseits der physikalischen und informationstheoretischen Debatte um den
Entropie und Negentropiebegriff möchte ich mein Augenmerk auf das
Experiment richten, mit dem Heinz von Foerster das Prinzip illustriert, um zu
verdeutlichen, dass damit ein Handlungs- bzw. Denkprinzip gemeint ist, das
nicht nur die Physik sondern die Metaphysik oder weniger doppelbödig
formuliert: die Logik kreativen Denkens betrifft.
Ich möchte das Experiment auf die für meine Interpretation wesentlichen
Spielzüge reduzieren, d.h. es geht mir nicht um eine exakte physikalische
Beschreibung des Experiments.
Zunächst wird eine Menge magnetisierter Würfel (alle Flächen Nordpol nach
außen gerichtet) ohne Ordnungsprinzip in eine Kiste voller Glaskiesel – damit
sich die Würfel darauf bewegen können – gelegt und die Kiste dann geschüttelt,
so dass sich die Würfel unter Reibung darauf bewegen.
Abb. 3: Ausgangsordnung, vor der Intervention (Quelle Heinz von Foerster)
Die Würfel ordnen sich entsprechend ihrer Abstoßungskräfte in der Kiste an, die
Entropie des Gesamtsystems bleibt konstant oder nimmt geringfügig zu. Wird
jetzt im zweiten Teil des Experiments bei der Hälfte der Würfel die nach außen
gerichtete Magnetisierung einer Fläche der Würfel verändert, in die Kiste
zurückgelegt und wieder geschüttelt, dann wird sich mit überwältigender
Wahrscheinlichkeit eine Paarung der unterschiedlich gepolten Würfel ergeben,
bis fast alle gepaart sind. Nach dem Schütteln ist mehr Ordnung (Negentropie)
entstanden, die Entropie des Systems hat sich gering verringert. Im 3. Teil des
Experimentes werden nur Würfel genommen, deren gegenüberliegende Flächen
des Würfels jeweils entgegengesetzt polarisiert sind. Diese werden wieder in die
Kiste gelegt und diese wird durchgeschüttelt. Als Ergebnis „findet sich, auch
wenn Sie Ihren Augen kaum trauen, ein unglaublich geordnetes Gefüge, das
sich... in einer Ausstellung surrealistischer Kunstwerke präsentiert“ (a.a.O., S.
126) werden könnte. Dem System wurde keine Ordnung zugegeben, sondern
durch das Schütteln nur „billige ungerichtete Energie; dank der kleinen
Dämonen in der Kiste wurden schließlich aber nur jene Störelemente
ausgewählt, die zur Vergrößerung der Ordnung des Systems beitrugen.“
(a.a.O.). Soweit das Experiment. Dass Heinz von Foerster hier die Metapher
von „Dämonen“ (in Anlehnung an Maxwells Dämon) einführt, macht uns
darauf aufmerksam, dass bei der rein quantitativen (i.e. Ratio im mathematischphysikalischen
Sinn) Betrachtung leicht vergessen wird, dass wir als Ergebnis des
Durchschüttelns eine andere, eine neue Ordnung zustande bringen, die nicht
vorhersehbar, nicht berechen- oder determinierbar war, also im ursprünglichen
Sinne nicht rational. Es gibt im Prinzip unendlich viele unterschiedliche
Konstellationen, die dasselbe Maß an Entropie erfüllen, d.h. die in ihrer
Unterschiedlichkeit nicht durch den mathematischen Maßstab H erfasst werden.
Wenn Unterschiede, die einen Unterschied machen, Information sind – wie
Bateson uns gelehrt hat – dann ist diese Information nicht in H abbildbar. Die
quantitative Zunahme von Negentropie lässt sich möglicherweise
vorherberechnen, nicht aber die in diesem autopoietischen Akt entstehende Figur. Wir haben also einen Übergang von Quantität zur Qualität, der in der
Maßzahl für die Entropie des Systems nicht zum Ausdruck kommen kann. Das
Durchschütteln (physikalisch ungerichtete Energie) erweist sich als ein
poietischen Akt, der die Autopoiese des Systems anregt oder metaphorisch
gesprochen, bei dem Dämonen im Innern des am Werk zu sein scheinen. Das
für mich zentrale Phänomen deutet Heinz von Foerster eher beiläufig an, nämlich dass die neu entstandene Figur durchaus als „surrealistisches
Kunstwerk“ durchgehen könnte.
Das willentlich vorgenommene Durchschütteln (physikalisch: Einführung
ungerichteter Energie) erweist sich einerseits als destruktiv, die alte Ordnung
wird zerstört, wie von der unsichtbaren Hand eines Dämons geführt, kommt
aber auch etwas konstruktives im wörtlichen Sinne zustande, nämlich eine neue
Ordnung aus alten Bestandteilen. Wir haben hier Intentionalität (das willentlich
vorgenommene schütteln der Kiste) und Kausalität, die aufgrund der
magnetischen Kräfte neu organisierten Würfel, verschränkt.
Von Foerster, Heinz von (1985): Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen
Erkenntnistheorie. Braunschweig, Vieweg.
von Foerster, Heinz von (1960): Über selbst-organisierende Systeme und ihre Umwelten. In
von Foerster, Heinz (1985), S. 115-130.

Version vom 9. Juni 2007, 12:08 Uhr

Heinz von Foerster, Abb. links: Ausgangsordnung vor der Intervention; Abb. rechts: Neu entstandene Ordnung nach der Intervention

Jenseits der physikalischen und informationstheoretischen Debatte um den Entropie und Negentropiebegriff möchte ich mein Augenmerk auf das Experiment richten, mit dem Heinz von Foerster das Prinzip illustriert, um zu verdeutlichen, dass damit ein Handlungs- bzw. Denkprinzip gemeint ist, das nicht nur die Physik sondern die Metaphysik oder weniger doppelbödig formuliert: die Logik kreativen Denkens betrifft. Ich möchte das Experiment auf die für meine Interpretation wesentlichen Spielzüge reduzieren, d.h. es geht mir nicht um eine exakte physikalische Beschreibung des Experiments. Zunächst wird eine Menge magnetisierter Würfel (alle Flächen Nordpol nach außen gerichtet) ohne Ordnungsprinzip in eine Kiste voller Glaskiesel – damit sich die Würfel darauf bewegen können – gelegt und die Kiste dann geschüttelt, so dass sich die Würfel unter Reibung darauf bewegen.

Abb. 3: Ausgangsordnung, vor der Intervention (Quelle Heinz von Foerster)

Die Würfel ordnen sich entsprechend ihrer Abstoßungskräfte in der Kiste an, die Entropie des Gesamtsystems bleibt konstant oder nimmt geringfügig zu. Wird jetzt im zweiten Teil des Experiments bei der Hälfte der Würfel die nach außen gerichtete Magnetisierung einer Fläche der Würfel verändert, in die Kiste zurückgelegt und wieder geschüttelt, dann wird sich mit überwältigender Wahrscheinlichkeit eine Paarung der unterschiedlich gepolten Würfel ergeben, bis fast alle gepaart sind. Nach dem Schütteln ist mehr Ordnung (Negentropie) entstanden, die Entropie des Systems hat sich gering verringert. Im 3. Teil des Experimentes werden nur Würfel genommen, deren gegenüberliegende Flächen des Würfels jeweils entgegengesetzt polarisiert sind. Diese werden wieder in die Kiste gelegt und diese wird durchgeschüttelt. Als Ergebnis „findet sich, auch wenn Sie Ihren Augen kaum trauen, ein unglaublich geordnetes Gefüge, das sich... in einer Ausstellung surrealistischer Kunstwerke präsentiert“ (a.a.O., S. 126) werden könnte. Dem System wurde keine Ordnung zugegeben, sondern durch das Schütteln nur „billige ungerichtete Energie; dank der kleinen Dämonen in der Kiste wurden schließlich aber nur jene Störelemente ausgewählt, die zur Vergrößerung der Ordnung des Systems beitrugen.“ (a.a.O.). Soweit das Experiment. Dass Heinz von Foerster hier die Metapher von „Dämonen“ (in Anlehnung an Maxwells Dämon) einführt, macht uns darauf aufmerksam, dass bei der rein quantitativen (i.e. Ratio im mathematischphysikalischen Sinn) Betrachtung leicht vergessen wird, dass wir als Ergebnis des Durchschüttelns eine andere, eine neue Ordnung zustande bringen, die nicht vorhersehbar, nicht berechen- oder determinierbar war, also im ursprünglichen Sinne nicht rational. Es gibt im Prinzip unendlich viele unterschiedliche Konstellationen, die dasselbe Maß an Entropie erfüllen, d.h. die in ihrer Unterschiedlichkeit nicht durch den mathematischen Maßstab H erfasst werden. Wenn Unterschiede, die einen Unterschied machen, Information sind – wie Bateson uns gelehrt hat – dann ist diese Information nicht in H abbildbar. Die quantitative Zunahme von Negentropie lässt sich möglicherweise vorherberechnen, nicht aber die in diesem autopoietischen Akt entstehende Figur. Wir haben also einen Übergang von Quantität zur Qualität, der in der Maßzahl für die Entropie des Systems nicht zum Ausdruck kommen kann. Das Durchschütteln (physikalisch ungerichtete Energie) erweist sich als ein poietischen Akt, der die Autopoiese des Systems anregt oder metaphorisch gesprochen, bei dem Dämonen im Innern des am Werk zu sein scheinen. Das für mich zentrale Phänomen deutet Heinz von Foerster eher beiläufig an, nämlich dass die neu entstandene Figur durchaus als „surrealistisches Kunstwerk“ durchgehen könnte.

Das willentlich vorgenommene Durchschütteln (physikalisch: Einführung ungerichteter Energie) erweist sich einerseits als destruktiv, die alte Ordnung wird zerstört, wie von der unsichtbaren Hand eines Dämons geführt, kommt aber auch etwas konstruktives im wörtlichen Sinne zustande, nämlich eine neue Ordnung aus alten Bestandteilen. Wir haben hier Intentionalität (das willentlich vorgenommene schütteln der Kiste) und Kausalität, die aufgrund der magnetischen Kräfte neu organisierten Würfel, verschränkt.

Von Foerster, Heinz von (1985): Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie. Braunschweig, Vieweg. von Foerster, Heinz von (1960): Über selbst-organisierende Systeme und ihre Umwelten. In von Foerster, Heinz (1985), S. 115-130.