Kreativität: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Daimon

Jaune (Diskussion | Beiträge)
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Jaune (Diskussion | Beiträge)
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Zeile 28: Zeile 28:
ausgewählt, die zur Vergrößerung der Ordnung des Systems beitrugen.“
ausgewählt, die zur Vergrößerung der Ordnung des Systems beitrugen.“
(a.a.O.). Soweit das Experiment. Dass Heinz von Foerster hier die Metapher
(a.a.O.). Soweit das Experiment. Dass Heinz von Foerster hier die Metapher
von „Dämonen“ - in Anlehnung an [[Maxwellscher Dämon | Maxwells Dämon]] einführt, macht uns
von „Dämonen“ - in Anlehnung an [[Maxwellscher Dämon | Maxwells Dämon]] - einführt, macht uns
darauf aufmerksam, dass bei der rein quantitativen (i.e. Ratio im mathematischphysikalischen
darauf aufmerksam, dass bei der rein quantitativen (i.e. Ratio im mathematischphysikalischen
Sinn) Betrachtung leicht vergessen wird, dass wir als Ergebnis des
Sinn) Betrachtung leicht vergessen wird, dass wir als Ergebnis des

Version vom 9. Juni 2007, 12:16 Uhr

Heinz von Foerster, Abb. links: Ausgangsordnung vor der Intervention; Abb. rechts: Neu entstandene Ordnung nach der Intervention

Bei Heinz von Foerster findet sich ein "Kreativitäts-Dämon" als grundlegendes Handlungs- und Denkprinzip. Um die Wirksamkeit des Dämons zu illustrieren beschreibt Foerster ein Experiment, das in Kürze wie folgt abläuft:

Zunächst wird eine Menge magnetisierter Würfel (alle Flächen Nordpol nach außen gerichtet) ohne Ordnungsprinzip in eine Kiste voller Glaskiesel – damit sich die Würfel darauf bewegen können – gelegt und die Kiste dann geschüttelt, so dass sich die Würfel unter Reibung darauf bewegen (siehe Abb. links). Die Würfel ordnen sich entsprechend ihrer Abstoßungskräfte in der Kiste an, die Entropie des Gesamtsystems bleibt konstant oder nimmt geringfügig zu. Wird jetzt im zweiten Teil des Experiments bei der Hälfte der Würfel die nach außen gerichtete Magnetisierung einer Fläche der Würfel verändert, in die Kiste zurückgelegt und wieder geschüttelt, dann wird sich mit überwältigender Wahrscheinlichkeit eine Paarung der unterschiedlich gepolten Würfel ergeben, bis fast alle gepaart sind. Nach dem Schütteln ist mehr Ordnung (Negentropie) entstanden, die Entropie des Systems hat sich gering verringert.

Im dritten Teil des Experimentes werden nur Würfel genommen, deren gegenüberliegende Flächen des Würfels jeweils entgegengesetzt polarisiert sind. Diese werden wieder in die Kiste gelegt und diese wird durchgeschüttelt. Als Ergebnis „findet sich, auch wenn Sie Ihren Augen kaum trauen, ein unglaublich geordnetes Gefüge, das sich... in einer Ausstellung surrealistischer Kunstwerke präsentiert“ (a.a.O., S. 126) werden könnte. Dem System wurde keine Ordnung zugegeben, sondern durch das Schütteln nur „billige ungerichtete Energie; dank der kleinen Dämonen in der Kiste wurden schließlich aber nur jene Störelemente ausgewählt, die zur Vergrößerung der Ordnung des Systems beitrugen.“ (a.a.O.). Soweit das Experiment. Dass Heinz von Foerster hier die Metapher von „Dämonen“ - in Anlehnung an Maxwells Dämon - einführt, macht uns darauf aufmerksam, dass bei der rein quantitativen (i.e. Ratio im mathematischphysikalischen Sinn) Betrachtung leicht vergessen wird, dass wir als Ergebnis des Durchschüttelns eine andere, eine neue Ordnung zustande bringen, die nicht vorhersehbar, nicht berechen- oder determinierbar war, also im ursprünglichen Sinne nicht rational. Es gibt im Prinzip unendlich viele unterschiedliche Konstellationen, die dasselbe Maß an Entropie erfüllen, d.h. die in ihrer Unterschiedlichkeit nicht durch den mathematischen Maßstab H erfasst werden. Wenn Unterschiede, die einen Unterschied machen, Information sind – wie Bateson uns gelehrt hat – dann ist diese Information nicht in H abbildbar. Die quantitative Zunahme von Negentropie lässt sich möglicherweise vorherberechnen, nicht aber die in diesem autopoietischen Akt entstehende Figur. Wir haben also einen Übergang von Quantität zur Qualität, der in der Maßzahl für die Entropie des Systems nicht zum Ausdruck kommen kann. Das Durchschütteln (physikalisch ungerichtete Energie) erweist sich als ein poietischen Akt, der die Autopoiese des Systems anregt oder metaphorisch gesprochen, bei dem Dämonen im Innern des am Werk zu sein scheinen. Das für mich zentrale Phänomen deutet Heinz von Foerster eher beiläufig an, nämlich dass die neu entstandene Figur durchaus als „surrealistisches Kunstwerk“ durchgehen könnte.

Das willentlich vorgenommene Durchschütteln (physikalisch: Einführung ungerichteter Energie) erweist sich einerseits als destruktiv, die alte Ordnung wird zerstört, wie von der unsichtbaren Hand eines Dämons geführt, kommt aber auch etwas konstruktives im wörtlichen Sinne zustande, nämlich eine neue Ordnung aus alten Bestandteilen. Wir haben hier Intentionalität (das willentlich vorgenommene schütteln der Kiste) und Kausalität, die aufgrund der magnetischen Kräfte neu organisierten Würfel, verschränkt.

Von Foerster, Heinz von (1985): Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie. Braunschweig, Vieweg. von Foerster, Heinz von (1960): Über selbst-organisierende Systeme und ihre Umwelten. In von Foerster, Heinz (1985), S. 115-130.