Parasit: Unterschied zwischen den Versionen
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Unter Parasit (griech. pará-sitos: neben, mit oder bei einem anderen essend; lat. parasitus: Tischgenosse) verstand man in der Antike einen geachteten religiösen Beamten, der zusammen mit den Priestern und Göttern das kultische Opfermahl einnimmt. Parallel dazu traten Parasiten als weltliche Unterhalter auf, die – vergleichbar der Rolle des Künstlers, Dichters und Intellektuellen in der abendländischen Salonkultur – herrschaftliche Gastmähler durch ihre Anwesenheit gesellig gestalteten. Der Niedergang des Begriffs Parasit im Sinne des „arbeitsscheuen Lebenskünstlers” beginnt in der griechischen Komödie, wo er auf Menschen angewandt wurde, die auf Kosten anderer leben. In dieser Bedeutung wird der Begriff im späten Mittelalter aus dem Lateinischen entlehnt. | |||
In die Naturwissenschaften hält der Begriff 1646 mit Sir Thomas Browne Einzug, der Misteln als „parasitical plants” beschreibt. Mit den Seuchen des 18. und 19. Jahrhunderts drängen Parasiten ins medizinische Bewusstsein und werden zum universellen Synonym für alle erdenklichen Krankheiten. Sie gelten als Verursacher von Pocken, Masern, Röteln, Scharlach, Typhus, Influenza, Ruhr, Cholera oder Pest. Aufgeladen mit Assoziationen an Eingeweidewürmern und Seuchen wurde der Begriff erneut auf Menschen angewandt und benannte vermeintlich „defekte Menschen”, welche die soziale und kulturelle Symmetrie stören. Johann Gottfried Herder erklärte etwa die Juden zu einer „parasitären Pflanze auf den Stämmen anderer Nationen” und mit Gründung der christlich-sozialen Partei 1878 in Deutschland, wo der moderne Antisemitismus in Erscheinung trat, wurde schließlich der „jüdische Parasit” kreiert. Die NS-Parteiideologen Arno Schickedanz<ref>Arno Schickedanz, ''Sozialparasitismus im Völkerleben'', Leipzig 1927.</ref> und Alfred Rosenberg dämonisierten Juden als Schmarotzer und Parasiten: "Wenn irgendwo die Kraft eines nordischen Geistesfluges zu erlahmen beginnt, so saugt sich das erdenschwere Wesen Ahasvers an die erlahmenden Muskeln; wo irgendeine Wunde aufgerissen wird am Körper einer Nation, stets frißt sich der jüdische Dämon in die kranke Stelle ein und nutzt als Schmarotzer die schwachen Stunden der Großen dieser Welt. Nicht als Held sich Herrschaft erkämpfen ist sein Sinnen, sondern sich die Welt 'zinsbar' zu machen, leitet den traumhaft starken Parasiten."<ref>Alfred Rosenberg, ''Der Mythus des 20. Jahrhunderts'', Wolfratshausen bei München 1930, S. 460.</ref> In der Rede ''Die Wahrheit über Spanien'' (1937) von Joseph Goebbels wurden Jude, Parasit und Dämon zu Synonymen: "Sehet, das ist der Feind der Welt, der Vernichter der Kulturen, der Parasit unter den Völkern, der Sohn des Chaos, die Inkarnation des Bösen, das Ferment der Dekomposition, der plastische Dämon des Verfalls der Menschheit."<ref>Zit.n. Renate Schäfer, ''Zur Geschichte des Wortes 'zersetzen'''. In: ZDW 18/1962, S. 66.</ref> Bis heute dienen Parasiten zur Beschreibung sozialer Probleme und bezeichnen „Schädlinge am Volkskörper”. Politik wird zu einer „medizinischen” Disziplin, die den Staatskörper vor „Sozialschmarotzern” reinigt und heilt. Die metaphorische Verwendung des Begriffs Parasit kehrt mit Michel Serres (Le parasite, 1980) in die Philosophie und mit Richard Dawkins (The Selfish Gene, 1976) und seiner Vorstellung der „egoistischen Gene” in die Biologie zurück. 1982 publizierte der Mitentdecker der DNS, Francis H. C. Crick, gemeinsam mit L. E. Orgel in der Zeitschrift Nature den viel diskutierten Artikel Selfish DNA: the Ultimate Parasite, in dem jener Teil der DNS, der keine Proteine produziert, als „junk” definiert wird. | |||
== Einzelnachweise == | |||
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Version vom 21. September 2009, 13:30 Uhr

Unter Parasit (griech. pará-sitos: neben, mit oder bei einem anderen essend; lat. parasitus: Tischgenosse) verstand man in der Antike einen geachteten religiösen Beamten, der zusammen mit den Priestern und Göttern das kultische Opfermahl einnimmt. Parallel dazu traten Parasiten als weltliche Unterhalter auf, die – vergleichbar der Rolle des Künstlers, Dichters und Intellektuellen in der abendländischen Salonkultur – herrschaftliche Gastmähler durch ihre Anwesenheit gesellig gestalteten. Der Niedergang des Begriffs Parasit im Sinne des „arbeitsscheuen Lebenskünstlers” beginnt in der griechischen Komödie, wo er auf Menschen angewandt wurde, die auf Kosten anderer leben. In dieser Bedeutung wird der Begriff im späten Mittelalter aus dem Lateinischen entlehnt.
In die Naturwissenschaften hält der Begriff 1646 mit Sir Thomas Browne Einzug, der Misteln als „parasitical plants” beschreibt. Mit den Seuchen des 18. und 19. Jahrhunderts drängen Parasiten ins medizinische Bewusstsein und werden zum universellen Synonym für alle erdenklichen Krankheiten. Sie gelten als Verursacher von Pocken, Masern, Röteln, Scharlach, Typhus, Influenza, Ruhr, Cholera oder Pest. Aufgeladen mit Assoziationen an Eingeweidewürmern und Seuchen wurde der Begriff erneut auf Menschen angewandt und benannte vermeintlich „defekte Menschen”, welche die soziale und kulturelle Symmetrie stören. Johann Gottfried Herder erklärte etwa die Juden zu einer „parasitären Pflanze auf den Stämmen anderer Nationen” und mit Gründung der christlich-sozialen Partei 1878 in Deutschland, wo der moderne Antisemitismus in Erscheinung trat, wurde schließlich der „jüdische Parasit” kreiert. Die NS-Parteiideologen Arno Schickedanz[1] und Alfred Rosenberg dämonisierten Juden als Schmarotzer und Parasiten: "Wenn irgendwo die Kraft eines nordischen Geistesfluges zu erlahmen beginnt, so saugt sich das erdenschwere Wesen Ahasvers an die erlahmenden Muskeln; wo irgendeine Wunde aufgerissen wird am Körper einer Nation, stets frißt sich der jüdische Dämon in die kranke Stelle ein und nutzt als Schmarotzer die schwachen Stunden der Großen dieser Welt. Nicht als Held sich Herrschaft erkämpfen ist sein Sinnen, sondern sich die Welt 'zinsbar' zu machen, leitet den traumhaft starken Parasiten."[2] In der Rede Die Wahrheit über Spanien (1937) von Joseph Goebbels wurden Jude, Parasit und Dämon zu Synonymen: "Sehet, das ist der Feind der Welt, der Vernichter der Kulturen, der Parasit unter den Völkern, der Sohn des Chaos, die Inkarnation des Bösen, das Ferment der Dekomposition, der plastische Dämon des Verfalls der Menschheit."[3] Bis heute dienen Parasiten zur Beschreibung sozialer Probleme und bezeichnen „Schädlinge am Volkskörper”. Politik wird zu einer „medizinischen” Disziplin, die den Staatskörper vor „Sozialschmarotzern” reinigt und heilt. Die metaphorische Verwendung des Begriffs Parasit kehrt mit Michel Serres (Le parasite, 1980) in die Philosophie und mit Richard Dawkins (The Selfish Gene, 1976) und seiner Vorstellung der „egoistischen Gene” in die Biologie zurück. 1982 publizierte der Mitentdecker der DNS, Francis H. C. Crick, gemeinsam mit L. E. Orgel in der Zeitschrift Nature den viel diskutierten Artikel Selfish DNA: the Ultimate Parasite, in dem jener Teil der DNS, der keine Proteine produziert, als „junk” definiert wird.
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