Genie: Unterschied zwischen den Versionen
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Der Geniebegriff wird zum Qualitätsversprechen eines Werkes sowie der Künstlername zur Marke. In der Entwicklung eines säkularen, bürgerlichen Kunstmarktes spielen beim Verständnis des Geniebegriffs kapitalistische Aspekte wie Aufmerksamkeitsökonomie, Marketing oder Copyrigth eine immer wichtigere Rolle. Dämonische Transzendenzverheißungen werden ab nun markttechnisch instrumentalisiert, um die Kunst vor der Trivialität des Warenkonsums zu bewahren. Kunsttheorie beruft sich seit der Renaissance bis zu Schelling, Novalis und Schopenhauer auf den Geniebegriff, um die Kunst in dieser Ambivalenz zu festigen. Die Dekontextualisierung der Kunst aus dem Kultischen bewirkt einen Kult um den Künstler, der in Deutschland, nachdem Christian Wolff und Alexander Baumgarten "ingenium" definiert hatten, mit göttlicher Schöpferkraft und religiöser Erfahrung in Verbindung gebracht wurde. | Der Geniebegriff wird zum Qualitätsversprechen eines Werkes sowie der Künstlername zur Marke. In der Entwicklung eines säkularen, bürgerlichen Kunstmarktes spielen beim Verständnis des Geniebegriffs kapitalistische Aspekte wie Aufmerksamkeitsökonomie, Marketing oder Copyrigth eine immer wichtigere Rolle. Dämonische Transzendenzverheißungen werden ab nun markttechnisch instrumentalisiert, um die Kunst vor der Trivialität des Warenkonsums zu bewahren. Kunsttheorie beruft sich seit der Renaissance bis zu Schelling, Novalis und Schopenhauer auf den Geniebegriff, um die Kunst in dieser Ambivalenz zu festigen. Die Dekontextualisierung der Kunst aus dem Kultischen bewirkt einen Kult um den Künstler, der in Deutschland, nachdem Christian Wolff und Alexander Baumgarten "ingenium" definiert hatten, mit göttlicher Schöpferkraft und religiöser Erfahrung in Verbindung gebracht wurde. | ||
Im Sturm und Drang und weiterer Folge in der Romantik wurde die Totalität des Genies beschworen: der Künstler emanzipiert sich gemäss der "totalen Poetisierung der Welt" von allen gesellschaftlichen Zwängen und lebt reine Subjektivität, womit er zum Freiheitsideal des Bürgers wird. Friedrich Schlegel formulierte einen "kategorischen Imperativ der Genialität", denn sein Genie zu entdecken sei die Pflicht und das Ziel des Menschen. Das Genie als "Naturzustand des Menschen" erweist sich bei Schlegel trotz aller Überhöhung ambivalent, indem es gleichzeitig "nur das Übergewicht der einen Seelenkraft über die andere und insofern eine Krankheit, eine Abnormität, eigentlich nur eine Art des Wahnsinns, in der Methode ist".<ref>Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling, Vorlesungen über die Methode des akademischen Studium, Tübingen 1813, S. 133.</ref> | Im Sturm und Drang und in weiterer Folge in der Romantik wurde die Totalität des Genies beschworen: der Künstler emanzipiert sich gemäss der "totalen Poetisierung der Welt" von allen gesellschaftlichen Zwängen und lebt reine Subjektivität, womit er zum Freiheitsideal des Bürgers wird. Friedrich Schlegel formulierte einen "kategorischen Imperativ der Genialität", denn sein Genie zu entdecken sei die Pflicht und das Ziel des Menschen. Das Genie als "Naturzustand des Menschen" erweist sich bei Schlegel trotz aller Überhöhung ambivalent, indem es gleichzeitig "nur das Übergewicht der einen Seelenkraft über die andere und insofern eine Krankheit, eine Abnormität, eigentlich nur eine Art des Wahnsinns, in der Methode ist".<ref>Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling, Vorlesungen über die Methode des akademischen Studium, Tübingen 1813, S. 133.</ref> | ||
== Genie und Wahnsinn == | == Genie und Wahnsinn == | ||
Version vom 23. März 2010, 16:19 Uhr
Furor divinus

Auf Platon geht die Vorstellung zurück, dass jede Inspiration göttlichen Ursprungs sei und aus dem Genie unbewusst ein göttlicher Wahnsinn spricht. Dieser furor divinus oder göttlich schöpferische Taumel begründet den kunsthistorischen Archetypus von Genie und Wahnsinn, den Seneca auf den Punkt bringt: "Nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae fuit." (Keiner der großen/schöpferischen Geister war frei von Wahnsinn.)[2]
Genie und Subjekt
Das Bild des Künstlers als exzentrisches Genie wird im Kunstverständnis der Renaissance zum grundlegenden Motiv einer individuellen und originären Schaffenskraft. Allerdings verliert der Geniebegriff seinen transzendenten Aspekt und wird wie der Kunsthistoriker Arnold Hauser schreibt zu einem bis dahin unvorstellbaren Konzept geistiger Originalität. Die Idee vom Genie wurde zum logischen Resultat des neuen Kultes um die Individualität. "Die Entwicklung des Geniebegriffs beginnt mit der Konzeption des geistigen Eigentums. Im Mittelalter fehlt sowohl diese Vorstellung als auch der Wille zur Originalität (...). Solange die Kunst nichts als die Darstellung der Idee Gottes und der Künstler nur das Medium ist, durch welches die ewige, übernatürliche Ordnung der Dinge sichtbar wird, kann weder von einer Autonomie der Kunst noch von dem Eigentum des Künstlers an seinem Werk gesprochen werden."[3] Der Geniebegriff wird zum Qualitätsversprechen eines Werkes sowie der Künstlername zur Marke. In der Entwicklung eines säkularen, bürgerlichen Kunstmarktes spielen beim Verständnis des Geniebegriffs kapitalistische Aspekte wie Aufmerksamkeitsökonomie, Marketing oder Copyrigth eine immer wichtigere Rolle. Dämonische Transzendenzverheißungen werden ab nun markttechnisch instrumentalisiert, um die Kunst vor der Trivialität des Warenkonsums zu bewahren. Kunsttheorie beruft sich seit der Renaissance bis zu Schelling, Novalis und Schopenhauer auf den Geniebegriff, um die Kunst in dieser Ambivalenz zu festigen. Die Dekontextualisierung der Kunst aus dem Kultischen bewirkt einen Kult um den Künstler, der in Deutschland, nachdem Christian Wolff und Alexander Baumgarten "ingenium" definiert hatten, mit göttlicher Schöpferkraft und religiöser Erfahrung in Verbindung gebracht wurde.
Im Sturm und Drang und in weiterer Folge in der Romantik wurde die Totalität des Genies beschworen: der Künstler emanzipiert sich gemäss der "totalen Poetisierung der Welt" von allen gesellschaftlichen Zwängen und lebt reine Subjektivität, womit er zum Freiheitsideal des Bürgers wird. Friedrich Schlegel formulierte einen "kategorischen Imperativ der Genialität", denn sein Genie zu entdecken sei die Pflicht und das Ziel des Menschen. Das Genie als "Naturzustand des Menschen" erweist sich bei Schlegel trotz aller Überhöhung ambivalent, indem es gleichzeitig "nur das Übergewicht der einen Seelenkraft über die andere und insofern eine Krankheit, eine Abnormität, eigentlich nur eine Art des Wahnsinns, in der Methode ist".[4]
Genie und Wahnsinn
Schopenhauer setzte dem Genie wieder den «gewöhnlichen Menschen», «diese Fabrikware der Natur» entgegen und der Kunst als Kontemplation der Ideen die Musik als «Abbild des ganzen Willens». Letzteren Gegensatz nahm Nietzsche auf: Apollo ist der «verklärende Genius des principii individuationis», Dionysus (Richard Wagner) «der in völliger Selbstvergessenheit mit dem Urgrunde der Welt eins gewordene Mensch». Bekanntlich hat Nietzsche Wagner bald als «grossen Schauspieler» erkannt und eingestanden: «Alles, was ich über Richard Wagner gesagt hatte, ist falsch». Wagner «macht alles krank». Damit wird das Genie zum «blinden Seekrebs», der gelegentlich etwas fängt. Unbeschadet dieser Ernüchterung in den 1880er Jahren und unbeeinflusst von den psychopathologischen und bald auch soziologischen Deutungen haben die Philosophen noch einige Zeit weiter über das Genie theoretisiert und disputiert.
1859 führte dann J. Moreau de Tours Genie auf die «gleichen organischen Veränderungen» zurück, deren «vollständigster Ausdruck Wahnsinn und Idiotie» sind. Cesare Lombroso gelangte fünf Jahre später in seinem berüchtigt gewordenen Buch «Genio e Follia» zur These, dass «das geniale Schaffen Ausfluss einer degenerativen Form von Psychose» aus der «Familie der Epilepsie» sei. Er hat eine grosse Zahl von Nachfolgern gefunden, am bekanntesten darunter wurden Otto Weininger und Wilhelm Lange-Eichbaum, welch letzterer in «Genie, Irrsinn und Ruhm» (1928) auch die Verehrergemeinde des «Genies» kritisch unter die Lupe nahm.
Phantasie, die er vielmehr einmal "unseren guten Genius oder Dämon", die Quelle aller unserer entzückendsten Freuden, ingleichen unserer Leiden nennt (XV, 144). Aber freilich, er verlangt ihre "Disziplin". Und ebensowenig unempfindlich blieb er gegen die Allgewalt des Genies.
Um 1776—1778 schreibt Kant, zu Anfang wohl an Hamanns Auffassung des sokratischen Daimonion anknüpfend: "Genie ist nicht etwa ein Dämon, der Eingebungen und Offenbarungen erteilt. Man muß sonst manches gelernt oder förmlich und methodisch studiert haben, wenn Genie einen Stoff haben soll. Genie ist auch nicht eine besondere Art und Quelle der Einsicht; sie muß jederman können mitgeteilt und verständlich gemacht werden. Nur dass Genie darauf kommt, wozu Talent und Fleiß nicht bringen würde; wenn aber die vorgegebenen Erleuchtungen das Dunkle lieben [Kant: amant obscurum] und sich gar nicht beim Licht wollen besehen und prüfen lassen, wenn sie auf keine faßliche Idee auslaufen: so schwärmt die Einbildung und, weil das Produkt Nichts ist, so war es auch gar nicht aus dem Genie entsprungen, sondern Blendwerk (S. 393).
Picasso habe die Kunstwelt völlig auf den Kopf gestellt, meint der spanische Schriftsteller Manuel Vicent, der ihn als ein "Dämon der Malerei" beschreibt. "Er erfand neue Formen, die Wirklichkeit zu sehen und stieg dafür in Abgründe herab, die in die Hölle führten. Dort wurde Picasso König."
Weblinks
Carolin Artz, Ufos, Medien, Poltergeister
Einzelnachweise
- ↑ Polke, S., Heubach, F. W.: "Sigmar Polke – Frühe Einflüsse, späte Folgen oder: Wie kamen die Affen in mein Schaffen? Und andere ikono-biographische Fragen" (1976). In: Sigmar Polke, Die drei Lügen in der Malerei, Ostfildern-Ruit, 1997, S. 66.
- ↑ Seneca, Tuskulanische Gespräche I, De tranquillitate animi, 10; nach Aristoteles bei Cicero, XXXIII, 80.
- ↑ Arnold Hauser, Sozialgeschichte der Kunst und Literatur, München 1983, S. 349.
- ↑ Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling, Vorlesungen über die Methode des akademischen Studium, Tübingen 1813, S. 133.