Gendarm: Unterschied zwischen den Versionen

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In ''Die Hoffnung der Pandora'' beschreibt Bruno Latour anhand der Fahrbahnschwelle, die in Frankreich "schlafender Gendarm" genannt wird, die Überquerung der Grenze zwischen Zeichen und Dingen. Sie ersetzt Verkehrszeichen und Warntafeln in eine Handlung und schafft eine "Veränderung der Ausdrucksmaterie". Techniken sind nach Latour "Gestaltveränderer", die "einen Haufen feuchten Betons in einen Gendarmen" verwandeln und "einem Polizisten die Dauerhaftigkeit und Hartnäckigkeit von Stein" verleihen.<ref>Bruno Latour, ''Die Hoffnung der Pandora'', Frankfurt a. Main 200, S. 231.</ref> Die Bodenschwelle versammelt unterschiedliche Handlungsprogramme: die Moral (Fahre langsam und gefährde nicht andere!), die Verkehrskontrolle und den [[Polizist | Polizisten]], den Fahrer, der an die Stoßdämpfer seines Fahrzeugs denkt, die Anrainer, die sich um ihre Kinder sorgen, das Gesetzeswerk der Straßenverkehrsordnung, die Techniken und Normen der Automobil- und Straßenbauingenieure, politische Entscheidungen und dergleichen mehr. Durch dieses versammelte "Kollektiv" aus Menschen, Dingen und Programmen wird eine Handlung formiert. Der "schlafende Gendarm" wird zu einem Aktanten, in dem sich Menschliches und Dingliches mischt. "Die Menschen sind nicht mehr ''unter sich''. Wir haben schon zu viele Handlungen an andere Aktanten delegiert, die nun unsere menschliche Existenz teilen. (...) Letzten Endes besteht die Straßenschwelle eben doch ''nicht'' aus Materie; sie steckt voller Ingenieure und Rektoren und Gesetzgeber, deren Willen und Geschichten hier untrennbar verwoben sind mit denen von Kies, Beton, Farbe und statistischen  Berechnungen. In diesem blinden Fleck, in dem Gesellschaft und Materie ihre Eigenschaften austauschen, findet die Vermittlung, die technische Übersetzung statt, die ich zu verstehen suche." In dieser Zone, in der Eigenschaften des Menschen verdinglicht werden bzw. der Polizist zu Asphalt wird und umgekehrt, resultieren rekursive Verschachtelungen von Subjekt und Objekt. Es entstehen Dämonen, die nicht aus einer Schattenwelt in den Alltag hereinbrechen, sondern den Alltag bedingen. Sie sind Teil unseres Denkens und Handelns, ohne dass sich notwendigerweise Formen der [[Besessenheit]], der [[Entfremdung]] oder des [[Fetischismus]] einstellen müssen. Der "schlafende Gendarm" als Aktant, ist gleichzeitig das passive Produkt und der aktive "Automat" von [[Zu- und Verteilung | Zu- und Verteilungen]] innerhalb von Handlungsschemata. Damit gelingt Latour die Beschreibung kultureller Artefakte auf einer intersubjektiven Ebene, auf der das Verhältnis zwischen Menschen und Dingen, Werkzeugen, Maschinen, Arbeitsumwelten etc. bei weitem nicht sauber und rein geklärt ist, wie es vordergründig den Anschein nimmt. Die Dämonen stecken in allen Artefakten, sind von einer "omnipräsenten Latenz" und beeinflussen als Handlungsprogramme und Alltagsroutinen den Lebensablauf.  
In ''Die Hoffnung der Pandora'' beschreibt Bruno Latour anhand der Fahrbahnschwelle, die in Frankreich "schlafender Gendarm" genannt wird, die Überquerung der Grenze zwischen Zeichen und Dingen. Sie ersetzt Verkehrszeichen und Warntafeln in eine Handlung und schafft eine "Veränderung der Ausdrucksmaterie". Techniken sind nach Latour "Gestaltveränderer", die "einen Haufen feuchten Betons in einen Gendarmen" verwandeln und "einem Polizisten die Dauerhaftigkeit und Hartnäckigkeit von Stein" verleihen.<ref>Bruno Latour, ''Die Hoffnung der Pandora'', Frankfurt a. Main 200, S. 231.</ref> Die Bodenschwelle versammelt unterschiedliche Handlungsprogramme: die Moral (Fahre langsam und gefährde nicht andere!), die Verkehrskontrolle und den [[Polizist | Polizisten]], den Fahrer, der an die Stoßdämpfer seines Fahrzeugs denkt, die Anrainer, die sich um ihre Kinder sorgen, das Gesetzeswerk der Straßenverkehrsordnung, die Techniken und Normen der Automobil- und Straßenbauingenieure, politische Entscheidungen und dergleichen mehr. Durch dieses versammelte "Kollektiv" aus Menschen, Dingen und Programmen wird eine Handlung formiert. Der "schlafende Gendarm" wird zu einem Aktanten, in dem sich Menschliches und Dingliches mischt. "Die Menschen sind nicht mehr ''unter sich''. Wir haben schon zu viele Handlungen an andere Aktanten delegiert, die nun unsere menschliche Existenz teilen. (...) Letzten Endes besteht die Straßenschwelle eben doch ''nicht'' aus Materie; sie steckt voller Ingenieure und Rektoren und Gesetzgeber, deren Willen und Geschichten hier untrennbar verwoben sind mit denen von Kies, Beton, Farbe und statistischen  Berechnungen. In diesem blinden Fleck, in dem Gesellschaft und Materie ihre Eigenschaften austauschen, findet die Vermittlung, die technische Übersetzung statt, die ich zu verstehen suche." In dieser Zone, in der Eigenschaften des Menschen verdinglicht werden bzw. der Polizist zu Asphalt wird und umgekehrt, resultieren rekursive Verschachtelungen von Subjekt und Objekt. Es entstehen Dämonen, die nicht aus einer Schattenwelt in den Alltag hereinbrechen, sondern den Alltag bedingen. Sie sind Teil unseres Denkens und Handelns, ohne dass sich notwendigerweise Formen der [[Besessenheit]], der [[Entfremdung]] oder des [[Fetisch | Fetischismus]] einstellen müssen. Der "schlafende Gendarm" als Aktant, ist gleichzeitig das passive Produkt und der aktive "Automat" von [[Zu- und Verteilung | Zu- und Verteilungen]] innerhalb von Handlungsschemata. Damit gelingt Latour die Beschreibung kultureller Artefakte auf einer intersubjektiven Ebene, auf der das Verhältnis zwischen Menschen und Dingen, Werkzeugen, Maschinen, Arbeitsumwelten etc. bei weitem nicht sauber und rein geklärt ist, wie es vordergründig den Anschein nimmt. Die Dämonen stecken in allen Artefakten, sind von einer "omnipräsenten Latenz" und beeinflussen als Handlungsprogramme und Alltagsroutinen den Lebensablauf.  


== Einzelnachweise ==
== Einzelnachweise ==

Version vom 17. Mai 2008, 18:46 Uhr

In Die Hoffnung der Pandora beschreibt Bruno Latour anhand der Fahrbahnschwelle, die in Frankreich "schlafender Gendarm" genannt wird, die Überquerung der Grenze zwischen Zeichen und Dingen. Sie ersetzt Verkehrszeichen und Warntafeln in eine Handlung und schafft eine "Veränderung der Ausdrucksmaterie". Techniken sind nach Latour "Gestaltveränderer", die "einen Haufen feuchten Betons in einen Gendarmen" verwandeln und "einem Polizisten die Dauerhaftigkeit und Hartnäckigkeit von Stein" verleihen.[1] Die Bodenschwelle versammelt unterschiedliche Handlungsprogramme: die Moral (Fahre langsam und gefährde nicht andere!), die Verkehrskontrolle und den Polizisten, den Fahrer, der an die Stoßdämpfer seines Fahrzeugs denkt, die Anrainer, die sich um ihre Kinder sorgen, das Gesetzeswerk der Straßenverkehrsordnung, die Techniken und Normen der Automobil- und Straßenbauingenieure, politische Entscheidungen und dergleichen mehr. Durch dieses versammelte "Kollektiv" aus Menschen, Dingen und Programmen wird eine Handlung formiert. Der "schlafende Gendarm" wird zu einem Aktanten, in dem sich Menschliches und Dingliches mischt. "Die Menschen sind nicht mehr unter sich. Wir haben schon zu viele Handlungen an andere Aktanten delegiert, die nun unsere menschliche Existenz teilen. (...) Letzten Endes besteht die Straßenschwelle eben doch nicht aus Materie; sie steckt voller Ingenieure und Rektoren und Gesetzgeber, deren Willen und Geschichten hier untrennbar verwoben sind mit denen von Kies, Beton, Farbe und statistischen Berechnungen. In diesem blinden Fleck, in dem Gesellschaft und Materie ihre Eigenschaften austauschen, findet die Vermittlung, die technische Übersetzung statt, die ich zu verstehen suche." In dieser Zone, in der Eigenschaften des Menschen verdinglicht werden bzw. der Polizist zu Asphalt wird und umgekehrt, resultieren rekursive Verschachtelungen von Subjekt und Objekt. Es entstehen Dämonen, die nicht aus einer Schattenwelt in den Alltag hereinbrechen, sondern den Alltag bedingen. Sie sind Teil unseres Denkens und Handelns, ohne dass sich notwendigerweise Formen der Besessenheit, der Entfremdung oder des Fetischismus einstellen müssen. Der "schlafende Gendarm" als Aktant, ist gleichzeitig das passive Produkt und der aktive "Automat" von Zu- und Verteilungen innerhalb von Handlungsschemata. Damit gelingt Latour die Beschreibung kultureller Artefakte auf einer intersubjektiven Ebene, auf der das Verhältnis zwischen Menschen und Dingen, Werkzeugen, Maschinen, Arbeitsumwelten etc. bei weitem nicht sauber und rein geklärt ist, wie es vordergründig den Anschein nimmt. Die Dämonen stecken in allen Artefakten, sind von einer "omnipräsenten Latenz" und beeinflussen als Handlungsprogramme und Alltagsroutinen den Lebensablauf.

Einzelnachweise

  1. ↑ Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora, Frankfurt a. Main 200, S. 231.

Literatur

Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Frankfurt a. Main 1998.

Bruno Latour, Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Frankfurt a. Main 2001.