Genius

Aus Daimon

Genius , (Mz. Genien), lateinisch, "Erzeuger",

Im altrömischen Glauben die Personifikation der dem Mann innewohnenden zeugenden Kraft. Jeder Mann verehrte seinen speziellen Schutzgeist und brachte ihm Speise- und Räucheropfer dar. Der Genius wurde auch beim Eid als Schwurzeuge angerufen und die Schwurhand dabei zum Bezeugen der Wahrheit an die Genitalien gelegt. Dem Genius des Mannes entsprach die von Frauen verehrte Göttin * Juno, als Inbegriff der Gebärkraft. Später wurden die Genien ganz allgemein als Schutzgeister angesehen, der Familie, des Hauses oder eines bestimmten Ortes. Der Ausdruck "genius loci" bezieht sich auf den Schutzgeist eines bestimmten Ortes und verkörpert die an einen Ort gebundenen positiven Kräfte. In der Antike stellte man Genien zunächst als Schlangen oder als bärtige gepanzerte Männer mit * Füllhorn und * Zepter dar, später meist als geflügelte Lichtgestalten, die u. a. als Träger von Porträtmedaillons und Inschriftentafeln dienten, z. B. auf * Konsulardiptychen. Bei Objekten aus dem Spätmittelalter sind Genien vor allem auf Schatullen aus der * Embriachi-Werkstatt zu finden.

Die Genien oder Schutzgötter der Menschen waren es vorzüglich, wodurch in der Vorstellung der Alten die Menschheit sich am nächsten an die Gottheit anschloß. Die höchste Gottheit selber vervielfältigte sich gleichsam durch diese Wesen, insofern sie über jeden einzelnen Sterblichen wachte und ihn von seiner Geburt an bis zum Tode an ihrer Hand durchs Leben führte. In diesem schönen Sinne war es, daß die Männer bei ihrem Jupiter und die Frauen bei ihrer Juno schwuren, indem sie unter dieser Benennung sich ihren eigenen Genius oder ihre besondre schützende Gottheit dachten.

An ihren Geburtstagen brachten die Alten ihrem Genius Opfer, der unter der Gestalt eines schönen Jünglings abgebildet war, dessen Haupt sie mit Blumen umkränzten.

Ein jeder verehrte auf diese Weise, durch ein zartes Gefühl gedrungen, in sich etwas Göttliches und Höheres, als er in seiner Beschränktheit und Einzelnheit selber war und dem er nun wie einer Gottheit Opfer brachte und gleichsam durch Verehrung das zu ersetzen suchte, was ihm an deutlicher Erkenntnis seines eigenen Wesens und seines göttlichen Ursprungs abging. Nach einer andern Dichtung sind die Seelen der Verstorbenen, aus dem Goldenen Zeitalter der Menschen, als untadlige, in die Gottheit übergegangene Wesen die Schutzgötter der Lebenden.


E. RINK, Die bildlichen Darstellungen des röm. G., Berlin 1933; A. BLANCHET, Le G. populi Romani. Remarques et hypothèses, in: Comptes-Rendus des Séances. Acad. des Inscriptions et Belles-Lettres, Paris 1943; H. KUNCKEL, Der röm. Genius, Heidelberg 1974.