Ästhetik

Aus Daimon

Wechseln zu: Navigation, Suche

Artikel.gif


Thomas Rainer


1986 gründete Hans Peter Zimmer (1936, Berlin – 1992, Braunschweig), Mitglied der Künstlergruppe Spur, die sich in den 60er Jahren der Situationistischen Internationale (SI) anschloss, an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig ein Institut für dämonologische Ästhetik. Dessen Programm macht ein Text desselben Jahres deutlich:

Hans Peter Zimmer, Bombenstilleben 1972, 130 x 160 cm, Öl u. Polsterung/L, Joachim Palm, München

An der HBK habe ich ein Institut für dämonologische Ästhetik gegründet. Alle fragen mich, was ist das? Dabei geht’s nicht um Hexenkult, Geisterbeschwörung, schwarze Messen, geheime Provokations-Riten, sektiererische Guru-Gebete oder Hühneropfer des Voodoo-Kults… Dämonologisch ist eben nicht dämonisch. Natürlich hat die Kunst dämonische Wurzeln, und um deren Untersuchung und Aufarbeitung geht es. Es geht um das Elementare, Phantastische, und nicht so sehr um modernes Design und wertfreie Fromexperimente. Das Institut soll ein Gegengewicht sein zu den technologischen und statistischen Experimenten. Das Unsagbare und die Aufklärung, das Unheimliche und das Schöne, das Böse und das Liebliche, das Grandiose und das Banale, das Unwahrscheinliche und das Mögliche, das Utopische und das Machbare. Das Reich der Dämonen als festumrissenes Zwischenreich, zwischen Göttern und Teufeln. Dämonen sind Nachbarn der Heiligen, und erst, als man ihnen ihr Zwischenreich streitig machte, flüchteten sie in Richtung Hölle. Meist als gefallene Engel, oder als Teufel mit Aufsteiger-Qualitäten. Die bürgerliche Gesellschaft mußte ihre Rückkehr und ihren Einbruch in den mittleren Bereich zwischen oben und unten mehrfach schmerzhaft erleben. Aber so ist das mit den Dämonen, sie sind nicht ganz ungefährlich. Die Nahtstellen, wo das rumorende Unterbewußte auf die rational-technische Industriekultur trifft, wo sich beide Bereiche berühren, da ist das Gebiet der dämonologischen Ästhetik. Da kann es zu Kurzschlüssen und Explosionen kommen. Nachdem die Kunst aufgehört hatte, die Götter zu verherrlichen, auch die in Staat und Parteien, und sich mit dem Teufel eingelassen hatte, um die Rückseite der Medaille zu studieren, hat sie nun den Pakt gekündigt und dient nicht mehr der alten Destruktion. Nun schließt sie nur noch Zweckbündnisse und Koalitionen auf Zeit.[1]

Einzelnachweise

  1. Ausst.-Kat. H P Zimmer, Bilder, Objekte, Räume, Kunstverein Wolfsburg 1986, S.58-59