Der Vulkan muss ausbrechen

Aus Daimon

Wechseln zu: Navigation, Suche

Jonathan Meese

Der Vulkan muss ausbrechen

Auszüge aus einem Gespräch mit Thomas Feuerstein[1]


Dämon der Kunst

Kunst ist der erste und letzte Dämon. Alle anderen Dämonen sind der Kunst untergeordnet. Sobald die Machtübernahme der Kunst erfolgt ist, wird er verschwunden sein und wir werden spielen. Er ist ein Spieldämon, denn ich kann nur spielen und demütig sein. Mehr weiß ich nicht, mehr kann ich nicht und das ist auch gut so. Der Kunstdämon ist der einzige, den man respektieren muss. Das Menschengenie wird nicht benötigt. Es ist ein Zwischendämon, der an Ekelhaftigkeit nicht zu überbieten ist. Mein eigenes Genie stellt sich der Sache nur entgegen und verhindert ihre Machtergreifung. Die Sache selbst ist das Genie, der wunderbarste Ultimativdämon. Dort müssen wir hin, ansonsten tragen wir immer die Fratze der Individualität und machen alles Mögliche zum Dämon, das persönlicher Natur ist. Wir denken an uns selbst, wenn wir die Sonne oder Kunst sehen. Wir gehen in eine Ausstellung, sehen ein Bild und denken, das finde ich geil oder ungeil. Aber die Frage ist, ob sich das Ding geil fühlt. Der Dämon muss sich selbst geil fühlen, um zu existieren. Wenn der Künstler seinen eigenen Dämon schafft, ist er verloren in seiner Privatheit und gefangen in seiner Persönlichkeit. Er darf niemals selbst Dämonen erzeugen, ansonsten ist er ungefährlich für den Staat, ein privat Krieg führendes Nichts. Der ultimative Dämon ist die Kunst, und wenn ich demütig bin und ohne Ritual spiele, wird sich dieser Dämon auflösen, sobald die Machtübergabe an uns erfolgt ist. Im Atelier geht es um Neutralität. Dort herrscht der rechtsfreie Raum ohne Dämonen. Dämonen sind Hinterzimmer- und Knalltütenrevolutionäre, die keine Veränderung dulden. Sie rufen, es gibt nichts mehr zu tun, wir leben ja schon im Paradies; es gibt keine weißen Flecken mehr; seid zufrieden mit dem was da ist. Die übelsten Dämonen sagen, richte dir dein persönliches, kleines mickriges privates Nest ein. Genau dort bist du in der Totaldämonie gefangen. Du riechst nur mehr an deinem eigenen Dämonenfurz, der zum Maßstab von allem wird.


Ich-Dämonen

Es gibt die Erfindung der Ich-Dämonen. Sie stecken angeblich in uns, aber Dämonen sind immer außen. Man muss seinen Schweinehund überwinden, denn der Schweinehund ist der persönlichste und mickrigste Dämon. Erst wenn er ad acta liegt und man an ihm vorbeischaut, merkt man, dass man nicht das Zentrum ist und Ich-Dämonen Masken und Verlegenheitsgesten sind. Masken sind nur interessant, wenn sie spielerisch sind und in jeder Millisekunde wechseln. Man kann keine strategische Maske tragen, weil das menschen-dämonisch ist, um sich selbst ins Zentrum zu katapultieren und wichtig zu machen. Man muss alle Masken, die im Sandkasten der Kunst liegen, benutzen, aufsetzen, wieder wegreißen. Dann findet man zur Ruhe. Benutzt man Individualmasken, politische Masken oder Wirtschaftsmasken, ist man nostalgisch. Nur die Maske der Kunst ist die ultimative. Die Tatsache, dass wir Dämonen haben, ist Ausdruck von Individualität. Das muss beseitigt werden, weil das nichts bringt. Wir haben nichts innen, die Seele ist außen. Wir brauchen keine Projektionen von irgendwelchen Dämonen, die in uns sind. Es gibt keine Besessenheit, es gibt nur Demut. Ohne Demut gibt es nur Leute, die von sich besessen sind, weil sie sich zu wichtig nehmen. Es gibt nichts zu exorzieren. Exorzismus ist nur von Nöten, wenn Massenindividualität herrscht. Es gibt keine Gefühle, keine Seele, kein Innenleben. Das sind angedichtete Konventionen. Dichtung ist schön, aber Dichtung ist außen wie die Seele oder die Revolution. Deshalb muss das Ich zum Gegenstand werden. Dann bin ich auch viel liebevoller. In dem Moment, wo ich mich vom Gegenstand verabschiede, also nicht Objekt bin, bin ich zu wichtig. Ich nehme mich so wichtig, dass ich an Gott glaube. Begreife ich es als Spiel, dann glaubt Gott an mich. Götter sind für sich vorhanden, sie sind neutral und werden nur sich selbst gerecht. Ich-Dämonen sagen, spiele nicht weiter, konzentriere dich auf deine jämmerliche Existenz. Der eigene Furz wird zum Maßstab für andere, zum Dampfantrieb und sozialen Treibstoff. Es werden darauf Welten gebaut und Konstrukte geschaffen, die alle möglichen Leute versklaven sollen. Wir gucken uns in den Nabel, versenken uns und entdecken den mickrigsten Dämonen aller Zeiten, nämlich uns selbst. Diese Nabelbeschau wird heute als Meditation bezeichnet, aber von einer Million meditativer Menschen gibt es nur wenige Ausnahmen wie Caligula, Nero oder spielende Kinder. Die Frage ist, wie komme ich durch diesen massenindividuellen Dschungel. Jemand, der sich in sich versenkt, ist eine Selbstbefindlichkeitsmaschine, ein Granulat oder Skulptur seiner Zeit. Er bewegt sich nicht und ist wie in Pompeji zu spät weggekommen. Wir sind simulierte Nostalgie und das ist ekelhaft.


Demokratie-Dämon

Wir werden umrahmt vom Dämonischen. Die Demokratie ist ein Dämon geworden, eine Glaubensveranstaltung. Demokratie ist deshalb so entsetzlich, weil sie ein ritualisiertes Spiel ist. Es gibt nur noch Gesetze, Limitierungen, Bevormundungen. Es gibt keine Wahl mehr. Die einzige Alternative ist die Diktatur der Kunst. Erst dann gibt es keine Dämonen mehr. Wir sind bevölkert von Milliarden von Individualdiktatoren und Ich-Dämonen. Es sind gezüchtete Gleichheitswesen, die glauben, sich von der Diktatur emanzipiert zu haben. In Wirklichkeit aber sind sie so diktatorisch wie niemals zuvor. Das ist eine Riesenchance, die Dämonen endlich abzulegen. In der Diktatur der Kunst brauchen wir den Schutz der Dämonen nicht mehr, denn die Kunst ist der Schutzraum. Die Diktatur der Kunst ist der Bunker der Anti-Realität, ein Sandkasten, der alle Ketten sprengt und das rituallose Spielen ermöglicht. Wir leben in einer heillosen Nostalgie. Das Losungswort heute heißt Demokratie, also Total-Dämonisierung. Du bist den Total-Dämonen deiner selbst komplett ausgeliefert. Du bist in Ohnmacht und stinkst wie der stinkendste Fisch, der jemals an den Strand gespült wurde. Du riechst dich selbst nicht mehr, weil du in deiner Selbstverwirklichungsphantasie verhaftet bist. Du stinkst so sehr, dass nicht einmal deine Mutter dich riechen kann. Du bist ein Nichts, aber die Leute merken nicht einmal, dass sie in einer Sekte leben, die Demokratie heißt. Man muss abwarten bis die Diktatur der Kunst kommt und dann ist all das erledigt. Heutzutage werden Kriege geführt, weil jemand zu toll gefurzt hat. Religiös stimulierte Unterschiede geben den Ausschlag für Realkriege, aber diese Unterschiede sind nicht zu spüren. Es gibt heute weltweit keine politische Partei, die radikal genug ist, einen Unterschied zu machen. Nur Kunst ist radikal, weil die Anti-Realität immer stärker als die Realität ist. Wir glauben zwischen A, B, C, D und Z wählen zu können, aber im Grunde ist alles nur A. Das sind minimale Unterschiede, aber sie werden uns als das ultimativ Andere verkauft. Es gibt keine Unterschiede und das ist die Chance. Wir sind Atmung, Stoffwechsel, Blutrauschen, Verdauung und all das ist nichts Dämonisches. Wir sind total normal, wir sind alle gleich. Die Dämonen sind außen und deshalb können sie auch so wahrgenommen und in ihre Grenzen entlassen werden. Sie wollen leben, aber bitte nicht in uns, sondern ganz fern auf einem anderen Planeten. Wenn wir Dämonen in die Realität entlassen und darauf Weltreligionen aufbauen, ist das als Spiel in Ordnung. Aber in dem Moment, wo sie zur Waffe werden und Mickrigkeit darstellen, werden sie real gefährlich und es zieht uns immer weiter in unseren Massen-Individualismus hinein. Die meisten Menschen spielen das mickrige Ritual der Individualität und kehren immer wieder zurück in den ewigen Kreislauf des stinkenden Nichts. Deshalb gibt es Religionen, die auf die Wiederkehr der Person und nicht der Sache beharren. Das heißt, nicht der Unmensch regiert uns, sondern abstrakt gesehen etwas, das nichts mit uns zu tun hat. Der Unmensch, der uns regiert, will etwas mit uns direkt zu tun haben und dadurch wird er uns auf kurz oder lang versklaven. Nur das Unmenschliche - die Natur und die Kunst - kann uns ultimativ auf alle Ewigkeiten spielerisch regieren, weil es nichts von uns will. In dem Moment wo ein Bezug hergestellt wird, ist die Regierungsform menschlich diktatorisch und der Dämon der Selbstbefindlichkeit ist wieder da.


Maschinen

Wir müssen anstatt uns die Maschine auf Reisen schicken. Sie soll unbemannt mit Skeletten als Urform des Menschen ins Weltall fliegen. Wir müssen die Maschine entdämonisieren, indem sie eine neue Haut bildet, die nicht individueller, sondern kollektiver Natur ist. Bemannte Maschinen sind Hochmut und das wird immer bestraft. Wir werden die Sonne nie besiedeln, das kann nur die Kunst. Die Maschine ist niemals menschlichen Ursprungs, sie ist immer Stellvertreter wie Philosophie, Tanz, Voodoo. Wir denken, Maschinen wären für uns persönlich da. Es ist völlig belanglos, dass wir Maschinen bauen oder dass Kunst von Menschenhand entsteht. Die Maschine ist Zukunft, der Mensch in seinem Selbstbezüglichkeits- und Befindlichkeitsfanatismus hat dagegen keine. Die Maschine ist niemals befindlich. Das ist eine Riesenchance. Es muss eine Maschine gebaut werden, die zur Sonne fliegt. Die industrielle Revolution war absolut vernünftig, nur wurde sie nie bis zum Exzess betrieben. Die Überwindung des Individuums durch die Maschine ist ebenfalls vernünftig. Die Maschine baut sich selbst, sie braucht den Menschen nicht. Der Mensch baut Minimalmaschinen und werden die Maschinen größer, haben wir plötzlich Angst vor unserer eigenen Courage. Wir meinen den Prozess stoppen zu müssen, aber nein, weiter, weiter, weiter, die Maschine muss sich selbst überlassen werden. Nur so kommt es zum ultimativen Spiel der Kunst. Kunst ist letztendlich ein Ausgleich von Druckverhältnissen. Der Vulkan der Kunst bricht aus und zwar nicht, weil er es will oder wir es wollen, sondern weil der Druck zu hoch ist. Steigt der Druck, spürt man, dass die Zeit reif ist. So individuell und mickrig wie heute war es noch nie. Die Chance war noch nie so groß, dass die Revolution der Kunst ausbricht. Die Kunst wird Maschine sein und wir nehmen sie wahr wie ein schillerndes Baby, ein Metallkind mit Tierbabygesicht. Keine Fratze, sondern das pure Lächeln. Sie ist nicht mehr maschinell, sondern das ultimative Ding. Das ultimative Kunstwerk ist die Diktatur der Kunst. Etwas Niedrigeres und Höheres liegt nicht im Bereich des Möglichen, weil es keine Alternative gibt. Was wäre extremer als die Diktatur der Kunst? Menschenmickrige Diktatorenmaschinen und mickrige Menschendämonen haben wir schon gehabt. Die individuellen Zeiten sind vorbei, wir müssen jetzt etwas anderes machen.


Haifischtext

Wir müssen auf den Haifischtext warten, aus dem der Hai spricht. Wir schreiben selbst den Text und glauben, der Hai spricht durch uns. Das geht aber nicht und deshalb sind Urvölker auch mit Vorsicht zu genießen, wenn sie mit dem Büffel-Wort sprechen. Nur der Büffel kann mit seinem Gott sprechen. Wenn ich mit dem Tier rede, das ich jage, werde ich zum Schamanen, zum ersten Massenindividualisten. Ich werde der Sache völlig ungerecht, wenn ich mich erhöhe und so tue so, als ob ich mit irgendetwas in Verbindung treten könnte, was mit mir überhaupt nichts zu tun hat. Der Hai hat seine Sprache, möglicherweise seine Götter, aber ich kann mit ihm nicht sprechen. Ich kann auch keine Walfische retten, weil ich nicht weiß, was der Wal will. Ich bin ein Mensch und spreche nicht die Sprache des Windes. Mit der Natur zu reden, wäre ein konstruierter endparadiesischer Zustand und ist reine Spekulation. Menschen reagieren darauf in ihrem Selbstfanatismus und schreiben Bücher, wie sie ihr Seelenheil auf Tiere projizieren. Das ist grauenerregend. Deshalb ist es auch richtig, dass alles ausstirbt wie gewisse Tiere und letztlich der Mensch. Das ist einfach im Sud, im Prozess, in der Spirale des Herzens der Revolution, einfach ein Gesetz der Sache. Wir sind Zwischenformen. Wir haben nicht das Recht mit Tiergottheiten oder Tieren zu sprechen. Der Schamane ist der erste Tyrann, der Anfang vom Ende und deshalb sind Künstler keine Schamanen. Der einzige Geist, der interessant ist, ist der Revolutionsgeist. Mit dem kann ich aber nicht reden. Es gibt keinen Menschengeist, denn Menschen können nicht mit Toten sprechen. Das ist alles Befindlichkeit, Ausdruck von Massenindividualität. Kein Bild kann meine Seele ausdrücken, da es erstens keine Seele gibt und zweitens drückt dieses Bild nur sich selbst aus. Eine Stimmung kann ein Bild schon gar nicht ausdrücken, weil es etwas ganz anderes ist. Wir vermischen ständig individuelle Wünsche und Prägungen mit dem, was Sache ist, und die Sache ist niemals dämonische Projektion. Wir müssen dem Haifisch gestatten, seinen Text in der Sprache zu verfassen, die ihm angemessen ist. Gott schreibt die ganze Zeit Texte, nur wir haben sie bisher noch nicht zu Gesicht bekommen, weil alle bekannten Gottestexte menschliche Befindlichkeitstexte sind. Ich wäre dankbar, wenn man mir diesen Text zeigen würde. Ich würde ihn lesen und vor Jubel vergehen. In einem göttlichen Text kann der Mensch keine Fehler machen. Alle Texte göttlichen Ursprungs sind wunderbare Texte, aber sie sind menschlichen Ursprungs, weil es um Menschen geht. Wenn es ein göttlicher Text wäre, oder ein Haifischtext oder ein Text über den Mount Everest, würde es nur um den Mount Everest, um den Haifisch oder Gott gehen. Aber da wir die Hauptpersonen dieser Texte sind, muss man davon ausgehen, dass sie nicht göttlichen Ursprungs sind. Außer wir sind Gott, aber dann sollte man Texte von Diktatoren nehmen oder von Maschinen. Wir sind alle gleich, warum gehen wir dann nicht alle in die Suppe. Alle wollen ihre private Ursuppe kochen, alle meinen, den göttlichen Urtext gefunden zu haben, alle meinen, sie hätten das Leben wie einen großen Fisch an der Angel. Sie ziehen an der Leine bis zur Unendlichkeit und ziehen letztendlich nur sich selbst hoch. Die Suppe heißt Kunst. Kunst ist ein Einparteienstaat. Ich brauche keine andere politische Partei. Es war ein Fehler von großen Künstlern, die Kunst zur Politik gebracht zu haben wie einen Fetisch. Kunst ist der ultimative Fetisch. Das Komische ist, dass Künstler bisher noch nie auf die Idee gekommen sind, zumindest gibt es keine Belege dafür, dass es nicht um sie geht. Bisher haben alle Künstler von sich als Diktator der Kunst gesprochen. Philosophen haben noch nie aus der neutralen Menschensicht geschrieben. Es gab noch nie eine Staatstheorie, die nicht den Menschen zum Ausgangspunkt hatte. Es gibt keine poetischen Schriften, wo es nicht um den Menschen geht. Selbst in der Science-Fiction-Literatur wird der Mensch metaphorisch gespiegelt. Wir warten auf die ultimativen Texte oder auf das Spielzeug, welches durch sich selbst für sich entstanden ist und sich selbst demutsvoll spielt. Dann bin ich lieb und das Spielzeug dieser Macht, die sich selbst darstellt. Wie das aussieht, wissen wir nicht, weil es nicht nostalgisch ist. Nostalgie ist das Endergebnis. Deshalb streben so viele nach Nostalgie, weil sie glauben, sie sei Schutz. Das was uns am meisten beschützt, kennen wir noch nicht und werden es niemals kennen. Es beschützt uns nur das, was nichts von uns will. Es gibt keine göttlichen Zeichen, weil wir sie gar nicht wahrnehmen können. Sie sind unmöglich zu lesen, deshalb sollte man darüber auch gar nicht sprechen.


Diktatur der Kunst

Kunst ist Revolution und ultimative Diktatur, die alle anderen Diktaturen in sich aufsaugt. Kunst ist das System, das immer schon da war. Der Mensch ist die Hürde, die Minimalblockade. Die Natur benimmt sich der Kunst gegenüber komplett demütig. Sie formiert sich so wie sie sich formieren muss. Die Diktatur der Kunst ist die Löschung des Individuums. Die widerlich ekelige Maske der Selbstbefindlichkeit wird vom Gesicht gerissen und etwas Neues kommt zum Vorschein. Erst dann kommt man zum äußeren Dämon. Ist die Diktatur der Kunst erreicht, gibt es keine Maschinen, keinen Wunsch nach Kunst und keinen Willen. Man spielt und es geht nur noch um Demut. Man produziert automatisch immer weiter Spielzeuge, wird nichts persönlich nehmen, keine Angst empfinden und demütig sein. Die Kunst sagt, spiele in Demut, sowie Kunst gespielt werden muss. Kunst ist ein Ordnungsprinzip. Wenn der Mensch demutsvoll und rituallos spielt, dann gibt es keine Gewinner und Verlierer mehr, dann wird instinktiv verteilt, sozusagen spielzeugartig, wie es zu verteilen ist. Dann wird einfach losgelegt und gespielt. Man spielt im rechtsfreien Raum und je hemmungsloser und demutsvoller man spielt, desto mehr dehnt sich dieser Raum aus. Es gibt kein Regelwerk, es ist nur Sand, der durch die Finger rinnt. Bevor das Regelwerk sich bildet, bevor die Maske versteinert, rinnt das Ding weiter. Es ist wie Eis, wie Flüssigkeit, unaufhaltsam. Es ist wie eine Drüsenfunktion, die wie das Herz pumpt. In dem Moment, wo ich zu sehr an das Herz denke, explodiert es. In dem Moment, wo wir nicht mehr spielen können, versagt es. Wenn es ernst wird, wenn das Ritual greift, ist man tot. Wenn die Diktatur der Kunst da ist, wird man nur noch hemmungslos spielen. Man wird das Ding speisen, ohne dass man es merkt und man wird nicht mehr auf die Regelwerke hören. Regeln gibt es nur, wenn man innehält und real wird. Wenn man in der Anti-Realität aufgeht, ist man ein Brei, der immer weiter geht wie eine Verflüssigung. Es gibt nur ein Parlament und eine Diktatur für die Dinge, nicht aber für Menschen. Das Parlament wird real sein, die Menschen werden rausströmen, weil sie aus Demut und freien Stücken die Macht der Kunst übertragen. Sie werden den Vulkanausbruch spüren und die Regierungsform wird sich setzen wie Staub. Dann wird sich diese Maschine wie eine Drüse nach vorne pumpen und es wird Gesetze geben, die keine Rituale mehr sind. Wir werden lachen und eine neue Umwälzung wird stattgefunden haben. Die Kunst wird sich endlich verselbständigt haben und das erzeugen, was notwendig ist, nämlich ein revolutionäres Dasein. Wir werden Tierkinder sein, die einfach ohne religiöse Zeichen spielen. Wir müssen den Nullpunkt setzen, damit eine neue Zeitrechnung beginnt. Und die beginnt mit der Machtübernahme der Kunst. Der Vulkan muss ausbrechen.

Einzelnachweise

  1. Das Gespräch zwischen Thomas Feuerstein und Jonathan Meese fand im November 2007 im Kunstraum Innsbruck statt.