Geld

Aus Daimon

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Gerald Nestler


Daimon Geld

Die Menschen sind in Verhältnisse gesetzt, die ihren mind bestimmen, ohne daß sie es zu wissen brauchen. Jeder kann Geld als Geld brauchen, ohne zu wissen, was Geld ist. Die ökonomischen Kategorien spiegeln sich im Bewußtsein sehr verkehrt ab.[1]

Karl Marx


Während für Marx Geld Kapital ist, abstrakter, zirkulierender Tauschwert, der als Selbstzweck Ergebnis und Voraussetzung der Warenproduktion ist, und damit das Symbol der Entfremdung schlechthin, weil es allem und jedem seinen eigentlichen Wert nimmt, es bzw. ihn zur Ware macht, bildet es für John Maynard Keynes einfach eine Rechnungseinheit, in der Schulden, Preise und allgemeine Kaufkraft ausgedrückt werden. "Das "Ding", das zur Erfüllung von Verträgen in der jeweiligen Rechnungseinheit dient, ist "Geld" und wird vom Staat festgesetzt.[2] Im Unterschied zu Marx ist damit für Keynes klar, dass der Staat bzw. Institutionen eine wesentliche Rolle in der Bestimmung der Verhältnisse spielen und diese auch einzunehmen haben, es eine ihrer vornehmsten Aufgabe ist, die Wirtschaft mittels Geldpolitik so zu steuern, dass gesellschaftlicher Ausgleich bestmöglich erreicht wird. Für Marx hingegen ist es denkunmöglich, dass die Gesellschaft Geld kontrolliert, Geldpolitik macht. Es würde auch den vorhergesehenen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems verzögern bzw. aufheben, wenn der Warenfetisch und mit ihm der gesellschaftliche, entfremdete Produktionsprozess nicht fix im Geldfetisch gespiegelt würde, der die Verdinglichung des Menschen festschreibt. Die Bewegung, die er (an)erkennt, führt 'natürlich' zum Zusammenbruch der Warenförmigkeit aller produktiven Tätigkeit, somit zum Zusammenbruch des kapitalistischen Systems per se.

Trotz dieser ausgesprochen unterschiedlichen Beispiele für eine Definition des Geldes, lässt sich ein gemeinsamer Aspekt in den ökonomischen Theorien dieser vielleicht bedeutendsten Antipoden ausmachen: die daimonische Qualität des Geldes. Es lässt sich also wohl sagen, dass Geld in nuce daimonisch ist, ja das daimonische Element der modernen Gesellschaften darstellt, das das System bestimmt - ob als kybernetische, gesellschaftliche Recheneinheit, die politische Theorie positiv umsetzen lässt, also steuerbar, spekulativ und flexibel ist; oder als Bewegung eines ungesteuerten geschichtlichen Prozesses des Kapitalismus, der auf seine Auflösung hinsteuert. Bei Marx verbindet sich damit allerdings auch ein Dai(ä)monisches in christlich-jüdischer Hinsicht: Geld ist das entfremdete Wesen des Menschen. Es nimmt im Kapitalismus die Rolle Gottes ein, der Tod ist.

Geld hat also nicht nur daimonische Aspekte, es ist für die bürgerliche Gesellschaft und darüber hinaus Standard und Projektionsfläche schlechthin, sowohl für positive als auch negative Systeminterpretation. Es weist hohen Abstraktionsgrad und Systematisierung auf, die es verschwinden lassen, aber seine Wirksamkeit gerade dadurch erst bestätigen und ermöglichen. Die Proliferation des Geldes als standardisierte Ware, als sich vervielfältigender und in neuen, "selbstbewussten" Formen erstehender Daimon des Tausches wurde im Spannungsfeld dieser und anderer theoretischen Interpretationen im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert erst ermöglicht und "produziert". Auch das im Daimonischen angelegte Risikopotential entfaltet sich im Geld, findet darin seine Erfüllung. Geld kann somit als wertender Daimon der Krise beschrieben werden.

Vielleicht hat Geld im Sinne Marxens "die Nachfolge Gottes angetreten", da jener ja nicht über eine Epoche der Krise herrschen konnte, in der Austauschbeziehungen als Waren spekulativ gehandelt und verwertet werden? Diese Form der Entfremdung benötigt und verdient einen Daimon, der Wert flexibel und systematisch generieren und vernichten hilft und allem und jedem einen Preis zuweist.

Einzelnachweise

  1. Karl Marx, "Theorien über den Mehrwert", in: Harald Schärf, Marx und Keynes, Frankfurt, 1986.
  2. Vgl. John Maynard Keynes, Vom Gelde, Berlin 1983.