Kierkegaard, Søren

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Das Dämonische bei Søren Kierkegaard

Das Dämonische nimmt bei Søren Kierkegaard (1813 – 1855) breiten Raum ein und beschäftigte ihn in zahlreichen seiner Werke: In „Der Begriff Angst“ (1844) und „Die Krankheit zum Tode“ (1849) finden sich theoretische Ausführungen, die sich mit dem Dämonischen analytisch beschäftigen und den Begriff psychologisch und soziologisch zu deuten suchen; in „Entweder-Oder“ (1843), „Stadien auf des Lebens Weg“ (1845), „Die Wiederholung“ (1843) und „Furcht und Zittern“ (1843) werden in epischen Darstellungen dämonische Persönlichkeiten geschildert.

Das Dämonische als Existenzform

Das Dämonische ist bei Kierkegaard eng mit dem Begriff Existenz verknüpft: Die Dämonie ist eine falsche Existenzform, eine Form der Unfreiheit, bei der man die Herrschaft über das eigene Innenleben verliert und zum Gefangenen wird. „Das Dämonische ist Angst vor dem Guten. In der Unschuld war die Freiheit nicht gesetzt als Freiheit, ihre Möglichkeit war in der Individualität Angst. Im Dämonischen hat sich das Verhältnis umgekehrt. Die Freiheit ist gesetzt als Unfreiheit; denn die Freiheit ist verloren. Die Möglichkeit der Freiheit ist hier wiederum Angst.“[1]

Dennoch erscheint der dämonische Mensch seinen Mitmenschen nicht als unfrei, im Gegenteil, er ist ihnen überlegen, da er von einer Idee besessen erscheint, die er konsequent verfolgt. Der Dämonische wirkt oft freier und die Idee, von der er besessen ist, muss an sich nicht verwerflich sein. Aber die Idee verwandelt den Besessenen zum Dämon, indem sie von seinem Leben Besitz ergreift. Das Dämonische gibt Kräfte und verleiht übermenschliche Macht, um den Besessenen gleichzeitig auszubrennen und zu entleeren. Der Dämonische besitzt Energie, die im Sinne des „Plötzlichen“ bei Kierkegaard ausbrechen kann.

In „Begriff Angst“ werden zwei Bereiche der Dämonie unterschieden, die somatisch-psychische Form, bei der das „Selbst“ als reine Endlichkeit und Leibhaftigkeit materialistisch begriffen wird, und die pneumatische Form, bei der eine unbegrenzte, unsterbliche Seele im Zentrum steht. Weiters umfasst das Dämonische bei Kierkegaard auch Bereiche der Neurosen und der ideologischen Verblendung, der Orthodoxie, Frömmelei und des Aberglaubens.

Dämonische Charaktere

Charakterisierungen dämonischer Persönlichkeiten finden sich vor allem in den roman- oder novellenhaften Schriften, wo Dämonie in Beziehung zur Erotik, zum Künstlergenie, zu Religion, und Politik ausgeführt wird. Meistens gehören die beschriebenen Charaktere dem pneumatischen Typus an.

Die erotische Dämonie führt Kierkegaard an der Figur des Don Juan aus. Der Frauenheld wird als sinnliches Genie oder Genius im Sinne eines triebhaften Lustprinzips, einer Naturmacht oder eines libidinösen Naturdämons beschrieben. Die Übermacht an libidinöser Macht, ist aber zugleich ein Mangel, eine Angst, von der sich das Dämonische nährt. Diese Angst ist für Don Juan seine Lebenslust: „Es ist eine Angst in ihm, aber diese Angst ist seine Energie.“ [2]

In „Stadien auf des Lebens Weg“ wird das Spektrum der Erotik ergänzt durch einen Modehändler, der die Damenwelt in Kopenhagen vereinnahmt und von seinen Kreationen abhängig macht. Der Dämon der Eitelkeit lässt die Frauen zum Spielball raffinierter Machtspiele werden. Im Gegensatz zu Don Juan verkörpert der Modehändler kein Naturprinzip, sondern ein Verführungsprinzip, das heute universell als Konsumversprechen wirksam ist. Das Dämonische liegt in der Macht, Menschen zu manipulieren und in Bezug auf Kleidung und Erscheinung zu formen. Auch wenn eine Dämonie in Bezug auf Schönheitschirurgie bis hin zu image- und medieninduzierten Erkrankungen der Dysmorphophobie im 19. Jh. noch nicht abschätzbar waren, antizipiert Kierkegaards Modehändler den Einfluss der Schönheitsindustrie und ihre „biopolitische“ Macht.[3]

In Zeiten der Romantik bildete das Künstlergenie ein zentrales Thema, das bei Kierkegaard allerdings nichts Heroisches an sich hatte. Das Dämonische im Genie liegt in seiner schöpferischen Kraft. Das Genie wird als Existenzform begriffen, die mit Intuition, Eingebung von Ideen und Geist zu tun hat: was sich andere mühsam erarbeiten müssen, fällt dem Genie zu. Dieser Vorzug ist gleichzeitig Mangel, denn es fehlen der Weg und die Reflexion, die zur Idee führen. Die Persönlichkeit des Genies bleibt naiv und auf einem niederen Entwicklungsstand, wodurch das Genie kindlich unberechenbar und zum Teil unheimlich wirkt. Damit das Genie seine Persönlichkeit entwickeln kann, muss es an sich selbst verzweifeln und wahnsinnig werden, da es sich an der Umwelt und den Mitmenschen nicht brechen kann. „Das Genie ist unmittelbar als solches überwiegend Subjektivität. Noch ist es nicht als Geist gesetzt; denn als solches wird es lediglich durch Geist gesetzt. Als unmittelbar kann es Geist sein (hier liegt die Täuschung, als wäre seine außerordentliche Begabung Geist gesetzt durch Geist), hat dann aber ein Anderes außerhalb seiner, welches nicht Geist ist, und steht selbst in einem äußerlichen Verhältnis zum Geist.“[4]

Der religiös dämonische Typus umfasst bei Kierkegaard den Abergläubischen, Orthodoxen Frömmler und Mystiker. Im Aberglauben wird der Mensch innerlich unfrei, denn sein Glück hängt von Hufeisen und schwarzen Katzen ab und ist nicht selbstbestimmt. Orthodoxe und Fundamentalisten sind dämonische Figuren, deren religiöse Unfreiheit eine innere Leere schafft. Religion wird zur Fassade, hinter der sich Gottesferne verbirgt: „Ein Anhänger der steifesten Orthodoxie kann dämonisch sein. Er weiß alles miteinander, er neigt sich vor dem Heiligen, die Wahrheit ist ihm ein Inbegriff von Zeremonien, er redet von der Begegnung vor Gottes Thron und weiß alles gleich dem, der einen mathematischen Satz beweisen kann, wenn man die Buchstaben A B C braucht, aber nicht, wenn man D E F dafür setzt. Deshalb wird ihm angst, sobald er etwas hört, das nicht Wort für Wort dasselbe ist.“[5]

Neben Erotik, Kunst und Religion sieht Kierkegaard in der politischen Macht einen Ausdruck der Dämonie. Das Politische ermöglicht wie kein anderes soziales Feld, den Menschen ein bestimmtes Verhalten vorzuschreiben. In mehreren psychologischen Studien beschreibt er Charaktertypen, die der Macht erliegen, von ihr besessen sind und durch sie geformt werden: etwa Periander, den Tyrannen von Korinth, von dem es hieß, „er redete wie ein Weiser und handelte immer wie ein Verrückter“.[6] Weiters nennt er Nero und Richard III., der sich aufgrund seiner körperlichen Behinderung gegen die Natur auflehnt, oder Caesar und Napoleon, die mit dem Schicksal im Bunde stehen, das sie für ihre Mitmenschen charismatisch und dämonisch macht.

Gemeinsam ist den Dämonischen ihre Besessenheit von einer Idee. Aus der klaren Verkörperlichung der Idee resultiert ihre Überlegenheit, Stärke und Macht, die auf ihre Opfer dämonisch wirken.

Einzelnachweise

  1. Søren Kierkegaard, Begriff Angst, Gesammelte Werke (GA), hg. v. E. Hirsch, H. Gerdes, H.M. Junghans, Düsseldorf 1951 - 1964, Abt. 11/12, S. 127
  2. Entweder-Oder, DR S. 156
  3. Vgl. Thomas Feuerstein, Am Ende der Selbstdarstellung, in: Gerhard Johann Lischka, Thomas Feuerstein (Hg.), Selbst: Darstellung, Bern 2003.
  4. Begriff Angst, GA Abt. 11/12 S. 101.
  5. Begriff Angst, GA Abt. 11/12, S. 145.
  6. Stadien auf des Lebens Weg, GW S. 292.


Literatur

Jan Cattepoel, Dämonie und Gesellschaft. Søren Kierkegaard als Sozialkritiker und Kommunikationstheoretiker, München 1992.