Larve

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Thomas Rainer


Inhaltsverzeichnis

Antikes Gespenst

Das Wort leitet sich vom lateinischen larva(ae) her und meint zunächst gefährliche Gespenster, welche mit dem Reich der Toten assoziiert wurden. Apuleius (De deo Socratis, 152-153) rechnet die larvae einer eigenen Klasse Dämonen zu, die in der altlateinischen Sprache Lemuren bezeichnet würden. Sie repräsentierten die vom Körper der Verstorbenen losgelösten Seelen. Er unterscheidet zwischen den lares genannten friedlichen Ahnen, die ortsfest sind und über das Haus der Familie wachen, und den larvae, welche vagabundierend Unheil anrichten. Entscheidend für die Verwandlung des Verstorbenen in eine Larve sind nach antiker Auffassung seine Lebensführung und vor allem die Umstände seines Todes. Erfolgt dieser gewaltsam, schändlich und zu unpassender Zeit kann die Seele des Verstorbenen nicht problemfrei in das Totenreich übertreten und dieser wird zur Bedrohung für die Welt der Lebenden. Der Gefahr begegnet im römischen Bereich ein eigener Exorzismus. Im Zuge der am 9., 11. und 13. Mai gefeierten lemuria (od. lemuralia) verstreut der Hausvater Bohnen als besänftigende Gabe für die zur Oberwelt zurückgekehrten Larven und Lemuren und spricht eine Abschiedsformel, welche die Gespenster aus dem Haus treiben soll.

Sterbender

Die Larve personifiziert das Stadium des Übergangs, den Zeitraum vom Austritt der Seele aus dem Körper bis zu deren Aufnahme ins Totenreich. Dem entspricht ihr Aussehen, das analog den Symptomen Sterbender beschrieben wird. Ihr Körper ist bleich und abgemagert, ihr Verhalten unkoordiniert; starkes Schwitzen, wirres Plappern und der von panischer Todesangst gezeichnete Kampf gegen den eigenen Schatten charakterisieren bei Petronius (Sat. 62) die Verwandlung in eine Larve. Entsprechend der Nähe zu den maniae, den Sprösslingen der Mania bzw. Mater Larum, der römischen Göttin des Wahnsinns, von Sterben und Geburt, kann der Verrückte als larvatus bezeichnet werden.

Totenmaske

Antike Theatermasken, Illustration eines mittelalterlichen Terenzmanuskripts, Bodleian Library MS. Auct. F. 2.13, f. 3r, St. Albans Abbey, Mitte 12. Jh.
In den Quellen besonders hervorgehoben wird das leichenblasse Gesicht mit totenstarrem Blick. Dazu assoziiert man die Totenmaske. Im Begräbnisritus kann die Larve die plastische Nachbildung des Verstorbenen meinen, die den Leichnam während der Trauerperiode vertritt. Die kultische Funktion der im Rite de Passage vom Reich der Lebenden zu dem der Toten verwendeten imagines und jener, die im Mysterienkult das Absterben der alten Person und die Wiedergeburt zu einer Neuen symbolisieren, erklärt die spätere Begriffserweiterung, welche die Larve mit der Maske gleichsetzt (Giovanni Battista Bronzini, Dalla larva alla maschera, in: La maschera, il doppio e il ritratto. Strategie dell’identità, hg. v. Maurizio Bettini, Siena 1991, S.61-84) . Bei Horaz (Hor. Sat. 1,5,64) findet sich die Bezeichnung einer Theatermaske mit den furchterregenden Zügen eines Gespensts als Larve.

Christliche Entlarvung

Die Verbindung von Maske und Gespenst wurde von den christlichen Autoren übernommen und weiter verstärkt. Larvae werden böse Dämonen, die mit Illusionen und falschem Zauber den Gläubigen in die Irre führen. Sie sind trügerisch und gehören zur heidnischen Welt des Theaters, das im christlichen Verständnis für die Nichtigkeit der Welt und ihrer Vergnügungen steht. Die „Entlarvung“ wird zum bestimmenden Merkmal christlicher Weltaneignung. Dem äußeren Trug begegnet die Gewissheit des Glaubens, der das wahre Gesicht hinter den Larven erkennt: „Se tu avessi cento larve / sovra la faccia, non mi sarian chiuse / le tue cogitazion, quantunque parve“, schreibt Dante in der Divina Comedia, Purgatorio 15, 127 und Luther predigt „aber so sollen zu blinden und narren werden, die gottes wort verachten, und allein nach euszerlichen larven und gleiszen der werk die reinigkeit achten.“ In Überführung des mit dem Begriff verbundenen, moralischen Anspruchs in die Politik wird der Papst als „seelmörder und weltfresser“ zur bloßen Larve, dem zu gehorchen, nicht besser wäre, als den Dämonen zu folgen.

Aufklärung

Die Rhetorik der Aufklärung rezipiert die christliche Weltaneignung als „Entlarvung“, und die damit verbundene moralisch-politische Kategorie lebt noch in der modernen Wahlauseinandersetzung im Vorwurf der Verstellung, dem ein „entlarvender“ Aufklärungsjournalismus antwortet, fort. Die „Wahrheit“ spricht 1735 beim deutschen Dichter Johann Christian Günther, „ mein glanz entspringt vom reinsten lichte, / er reiszt der tollen heuchelei / die schnöden Larven vom Gesichte“. Dieser Heldenpose der Aufklärung, die einem auf schonungslose Selbstbefragung zurückgeworfenen, christlichen Weltzweifel entspringt, und ausruft, „ Ha blindes Fabel-Werck! Ich seh dein Larven-Spiel, / Dies geb ich auch noch zu: Es ist ein ewig Wesen, / das seine gröste Macht an mir nur zeigen will, / und das mich obenhin zur Marter außerlesen; (Johann Christian Günther, 1720)“ ist schon Descartes „cogito ergo sum“ verpflichtet. Die zentrale Erkenntnis des großen Philosophen basiert auf der christlichen Verdammnis des Larvenspiels der Welt, dem als einzige Sicherheit der Rückzug ins eigene Denken antwortet, welcher dem Philosophen die Existenz Gottes beweist.

Larvatus prodeo

Dass diese Position überaus prekär ist, reflektiert Descartes berühmtes Diktum: „Larvatus prodeo.“ „Mit einer Maske trete ich hervor“ schreibt er in den Préambules seiner Cogitationes privatae von 1619 und begründet dieses Vorgehen mit einem Vergleich zum Theater: „Auf die Bühne gerufen, legen die Schauspieler eine Maske an (personam induunt), um zu vermeiden, dass man die Röte auf ihrem Gesicht sieht. Wie sie, trete ich in dem Augenblick, da ich – bisher ein bloßer Zuschauer – die Bühne des Welttheaters betrete, maskiert hervor (larvatus prodeo).“ Die Röte im Gesicht der Schauspieler, welche die Larve verdeckt, entspricht Descartes menschlicher Scham in seiner Rolle als ein Mittler Gottes, der als Agens eines Offenbarungsakts die Weltbühne betritt. Gleicht er nicht verdächtig Christus, von dem Honorius Augustodinensis schreibt: „quia homines eius claritatem ferre non poterant sub larva apparuit.“ – weil die Menschen dessen Glanz nicht ertragen konnten, ist er unter einer Larve erschienen. Wie die jüngere französische Philosophie erkannte (J.-L. Nancy, J.-L. Marion und E. Falque), verbirgt sich im „larvatus prodeo“ ein Wortspiel – larvatus pro Deo.

Biologisches Entwicklungsstadium

Dass der Begriff der Larve in der Philosophie der Aufklärung letztlich diesem christlichen Muster folgt, das die Larve als Instrument zur Wahrheitsvermittlung einer übergeordneten Autoreninstanz begreift, gleichgültig ob es sich um einen göttlichen oder menschlichen Autor handelt, macht ihre Schwierigkeit mit den der Introspektion enthobenen Larven deutlich. Das Leben, hinter dem sich nichts verbirgt, das einer philosophischen Einsicht unfähig ist, wird in den Bereich des Biologischen abgeschoben. Es ist dort, wo die Larve ihr ursprünglich antikes Gesicht zurückgewinnt. Seit dem 18. Jh. versteht man unter dem Begriff „die gestalt eines der verwandlung unterworfenen insects von dem augenblicke an, da es aus dem ei kriecht, bis es sich in eine pupe oder in eine nymphe verwandelt“ (Nemnich, 1793-1798). Die Larve erscheint als Nebelstadium eines nackten Lebens, das dem „perfect or imago state of the Insect“ (Carpenter, 1869) vorangeht. Diesem Anfang der Wesensbildung steht komplementär sein Ende gegenüber: die Larve des Sterbenden. Um sie zu fassen, greift die dem Christentum geschuldete Strategie der Demaskierung zu kurz, ist es doch die Maske selbst, die dabei ihr Eigenleben demonstriert.

Schläfer

Nirgendwo deutlicher wird das als im Umgang unserer durch Christentum und Aufklärung geprägten Gesellschaft mit den modernen Widergängern der antiken Gespenster. Sie begegnen uns in der Figur des Schläfers, des im Untergrund lebenden, einem unzeitigen, schändlichen Tod verschworenen Selbstmordattentäters. So verzweifelt sich die Verfeinerung der kriminalistischen Methoden bemühen mag - die Entlarvung des Schläfers als Demaskierung auf der Bühne der Comedie humaine funktioniert nicht, da der Schläfer seine Rolle in einem fundamentaleren Sinn gewechselt hat als nur ein Falschspieler. Der Schläfer repräsentiert die Larve im ursprünglichen römischen Wortsinn, das Gespenst, welches den Rite de Passage vom Leben zum Tod noch nicht vollzogen hat und als solches eigentlich einer anderen als der menschlichen Umwelt angehört. Das rettende Bekenntnis eines betrügerischen Akts, den das der inquisitorischen Folter entwachsene Verhör anstrebt, bleibt aus, da die Maske ihren Status als Larve erst im Übergang zum Tod erweist – im Selbstmordattentat, das den konkreten Schadensfall repräsentiert, den die römische Gesellschaft bei Kontakt von Geister- und Menschenwelt so sehr fürchtete. Die prospektive Entfernung potentieller Schläfer ins Lager ist so der verzweifelte Versuch des modernen Staates einer territorialen Scheidung der Geister von der Menschenwelt, da ein kultischer den römischen lemuria vergleichbarer Exorzismus fehlt.