Messerschmidt, Franz Xaver

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Michael Rainer


Inhaltsverzeichnis

Leben

In Österreich tätiger Barockbildhauer; geboren am 6. Februar 1736 in Wiesensteig bei Geislingen; Bildhauerlehre bei seinen beiden Onkeln Johann Baptist und Philipp Jakob Straub in München und Graz; ab 1755 Schüler von Jakob Christoph Schletterer an der Akademie in Wien; 1764-66 Anfertigung zweier überlebensgroßer Standfiguren Maria Theresias und Franz Stephans von Lothringen; 1769 Aufnahme an die Akademie; ab den 1770-er Jahren Anzeichen einer psychischen Erkrankung; Beginn der Arbeit an den Charakterköpfen; 1774 wird er bei der Besetzung einer Professur an der Akademie übergangen; er zieht sich zunächst in seinen Geburtsort Wiesensteig, ab 1777 nach Pressburg zurück; dort arbeitet er bis zu seinem Tod am 21. August 1783 an den Charakterköpfen.

Charakterköpfe

Eine eigenartige Serie von Bildnissen begründet die herausragende Stellung des bereits zu Lebzeiten geschätzten Porträtisten Franz Xaver Messerschmidt unter den barocken Bildhauern in Österreich. Ab Mitte der 1770-er Jahre beginnt Messerschmidt mit der Arbeit an einer Serie von Porträtbüsten mit zum Teil heftig verzerrten Gesichtszügen. In unterschiedlichen Techniken – etwa Alabaster, Blei oder Zinn – auf höchstem Niveau ausgeführt, wurden die 69 nach seinem Tod bezeugten Bildnisse als begehrte Sammelobjekte in alle Winde zerstreut. Gipsabgüsse der Originale präsentierte man im 19. Jahrhundert in Schaubuden und Gaststätten. Bereits im späten 18. Jahrhundert werden die Köpfe mit sprechenden Namen versehen – etwa „Der Edelmüthige“ oder „Der Melancholikus“. Ihre Interpretation als physiognomischer Seelenspiegel orientierte sich an den zeitgenössischen Lehren Lavaters.

Schnabelkopf

Franz Xaver Messerschmidt, Schnabelkopf, nach 1770, Alabaster, Wien Belvedere
Zwei unterlebensgroße Köpfchen mit spitzig zu Schnäbeln ausgezogenen Lippen weichen von der Gestaltung der übrigen Charakterköpfe ab. Sie verschmelzen ein menschliches Bildnis mit den physischen Merkmalen eines Vogels. Ein Reisebericht des Aufklärers Friedrich Nicolay überliefert Messerschmidts Benennung der beiden Schnabelköpfe als Geist der Proportion. Messerschmidt berichtet ihm von einem lebensbedrohlichen Kampf mit dem Geist. Dieser hätte ihn gezwickt, er hätte zurückgezwickt und so wäre das Bild entstanden. Zuletzt wäre der Geist mit dem Ausstoß eines heißen Windes entfahren. Bereits Nicolay konstatiert eine Verwirrtheit des Künstlers, die kunstwissenschaftlichen Interpreten des 20. Jahrhunderts machen jene Episode zum Angelpunkt der historischen Psychoanalyse Messerschmidts.

Messerschmidts Dämon

Folgt man der durch Nicolay überlieferten Selbstauskunft Messerschmidts, so können die Schnabelköpfe nur den ägyptischen Gott Thot meinen, der mit dem Kopf eines Ibisvogels dargestellt wurde. Als Gott des rechten Maßes und der Ordnung der Welt war er im antiken Griechenland als Hermes Trismegistos bekannt. Ihm zugeschriebene antike Textsammlungen magischen, philosophischen oder alchimistischen Inhalts wurden im Mittelalter tradiert und nicht zuletzt in den okkulten Geheimlehren des 18. Jahrhunderts gepflegt. Messerschmidt vermeinte durch das Studium jener ältesten ägyptischen Weisheiten hinter die tiefsten Geheimnisse der Proportion gekommen zu sein. Thot, der Wächter jener Geheimnisse, der auch als Gott der Magie verehrt wurde, wehrt sich und stellt sich dem Künstler entgegen. Dieser begegnet seinem inneren Dämon, in dem er ihm im wahrsten Sinne des Wortes sein Bild abringt.

Der Dämon als Muse

Nicht mehr die Musen waren dem Künstler Inspiration, ein eifersüchtiger Dämon steuerte seine Phantasmagorien. So konstatierte bereits der Dichter Nikolaus Lenau (1802-1850): „In den Köpfen spielen Dämonen, nur wäre es schwer, sie aus ihnen herauszutreiben, das haftet alles unsterblich an dem Erz und dem Marmor, ..... Es muss etwas in diesem Bildhauer gewesen sein, was ihn leicht hätte zum Narren werden lassen; glücklicher Weise lagerte es als Kunst in ihm ab.“ In den Sätzen Lenaus spiegelt sich ein bereits modernes Kunstverständnis, das künstlerisches Schöpfen nicht zuletzt als Sublimierung psychologischer Probleme verstanden wissen will. Als Metaphern des Schöpfungsakts können die unterschiedlichsten Dämonen auftreten, die die Musen von ihrem angestammten Platz verdrängten. Die Zwänge des modernen Künstlergenies exemplarisch verdeutlicht eine Arbeit Sigmar Polkes aus dem Jahr 1969: Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!