Rouge et noir - Der Schnitt im Kopf

Aus Daimon

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Otto E. Rössler

Rouge et noir. Der Schnitt im Kopf

Auszüge aus einem Gespräch mit Thomas Feuerstein[1]


Descartes'scher Dämon

Der Verdacht, wir seien Gefangene im Verlies der Wirklichkeit, geht auf René Descartes zurück, findet sich aber auch bei Calderón. Im Theaterstück „Das Leben ein Traum“ wächst der junge Prinz in einem Kerker auf, wird befreit und zum König gekrönt, um anschließend wieder ins Gefängnis geworfen zu werden. Man macht ihm Glauben, alles sei nur ein Traum gewesen, narkotisiert ihn und lässt ihn über die Wirklichkeit zweifeln. Ein Jahr später erschien Descartes „Discours de la méthode“ (1637) mit seiner berühmten Formulierung „cogito, ergo sum“. Calderón und Descartes verbindet die Idee des Experiments, doch ein Begriff für Experiment existierte noch nicht. Beide waren beeinflusst von der Jesuitenkultur, die ihrerseits stark von der vorhergehenden islamischen und jüdischen Kultur in Spanien bestimmt war. Descartes besuchte eine der ersten Jesuitenschulen, deren Gründer Ignatius von Loyola das Experiment in Form der Exercitia erfunden hatte. Exerzitien waren Übungen, vor allem aber Experimente mit der Welt, die erst später verharmlost wurden und um Sexualmoral kreisten. Beispielsweise wollte Loyola mit dem Schiff nach Palästina ins Heilige Land fahren. Er ging zu einem Schiffseigner und sagte, nimm mich mit. Auf die Gegenfrage, warum man ihn mitnehmen solle, erwiderte Ignatius, weil du dann ankommst. Das ist eine Form des solipsistischen Wahnsinns, aber ein ins Experimentelle gewendeter Wahnsinn, der als erstes Experiment der Geschichte im modernen Sinn betrachtet werden kann. Auch wenn sie sich nicht kennen gelernt haben, war Loyola der eigentliche Lehrer von Descartes. Descartes hatte mit 23 Jahren in der Nähe von Ulm einen schrecklichen Traum, der ihm bewusst machte, dass alles, was er erlebt, aufoktroyiert wird. Es war ein Traum, der von der Realität nicht zu unterscheiden war; ein Albtraum, in dem er vergewaltigt wurde, wo er Dinge erleben musste, die er sich nicht selbst ausgesucht hatte. Vor allem wusste er nicht, ob diese Qualen ihm mit Absicht von einem Wesen, einem „deus malignus“ oder boshaften Dämon angetan werden. Dieser Traum war für ihn derart unerträglich, dass er den Rest seines Lebens damit verbrachte, sich mit dieser dämonischen Frage auseinanderzusetzen. Der Traum ist vielleicht mittelalterlich, aber die Auseinandersetzung damit ist außerordentlich modern. Seitdem ist nichts hinzugekommen, was an dieser furchtbaren Frage, inwieweit wir Marionetten sind, etwas geändert hätte. Dies manifestiert sich heute im Computer, wo wir einerseits eine künstliche Intelligenz oder eine künstliche Person und andererseits ein künstliches Universum oder eine künstliche Schnittstelle, was wir Endophysik nennen, konstruieren können. Der cartesische Rationalismus, wie er heute verstanden wird, hat mit Descartes wenig zu tun. Descartes war mehr Metaphysiker als Rationalist und er war auch kein Dualist, sondern Monist. Er glaubte einzig an die Existenz seines Traumes, in dem die Mitmenschen als automatenhafte Dinge erscheinen. Im Traum können wir die Automaten zwar benützen und auch ausnützen, aber entscheidend ist, die Allmacht, die wir horizontal besitzen, nicht zu missbrauchen. Die ethische Dimension des freien Handelns bleibt somit weiter bestehen. Ein determiniertes Maschinenbild der Welt entbindet uns nicht von Verantwortung, im Gegenteil es schafft Verantwortung. Die grundlegende Erkenntnis von Descartes liegt im Glauben, die Welt sei in ihrer Struktur zuverlässig, hart und in sich konsistent. Seine Idee der Schattenwelt entspricht dem Hades, in dem es sich nach den Griechen nicht lohnt zu leben. Der König des Hades sagt zu Odysseus, er wäre lieber der letzte Sklave auf der Oberfläche der Erde, der seinen Rücken krumm macht und den Pflug zieht unter den Peitschenschlägen eines Herrn als der König der Unterwelt. In der Unterwelt herrschen dieselben Naturgesetze wie auf Erden, aber alles ist dort schattenhaft. Das entspricht Descartes Idee der deterministischen Struktur der Schattenwelt. Doch in einem gewissen Sinne kommt es auf diese Bedingungen nicht an. Die deterministische Schattenwelt bietet zwar den Vorteil, dass wir uns auf die Dinge verlassen können und alles sauber konstruiert ist, aber aufgrund unseres Bewusstsein können wir erkennen, dass die Umwelt Teil unseres Traumes ist, was uns gegenüber der determinierten Maschine eine unendliche Privilegiertheit verschafft. Lévinas spricht hier von horizontaler Exteriorität, im Gegensatz zur vertikalen Exteriorität, der man völlig ausgeliefert ist und die dem mittelalterlichen Denken entspricht. Durch seine Erkenntnis setzte sich Descartes in eine gleichwertige Rolle zum Demiurgen. Er erkannte, dass die Illusion einer konsistenten Welt, in der alles als Maschine erscheint, ihm eine ungeheure Macht verleiht. Er kann sozusagen in seinen eigenen Kopf schauen, eine Operation bei sich vornehmen und sein Gehirn reparieren. Das macht ihn zum Erfinder der Neuromedizin, was eine ungeheure Macht, eine Art Allmacht gegenüber seinen Mitmenschen bedeutet. Descartes beschließt aber darauf bewusst zu verzichten und seine horizontale Allmacht nicht zu missbrauchen. Dadurch kann er die vertikale Allmacht akzeptieren, weil sie von der horizontalen Allmacht kompensiert wird. Die Ungerechtigkeit, ein ausgeliefertes Geschöpf zu sein, wird genau durch dieselbe Macht, die mir gegenüber anderen Geschöpfen gegeben ist, aufgehoben. Wenn man diese Gewalt nicht missbraucht, entsteht die Möglichkeit das Wohlwollen, das hier horizontal möglich wird, auch vertikal zu realisieren. Das ist nicht mittelalterlich gedacht, sondern ungeheuerlich liebevoll. Dieser Erkenntnissprung macht Descartes sprichwörtlich zu einem Zuteiler im griechischen beziehungsweise dämonischen Sinn. Er erkennt, dass es einen Dämon gibt und merkt, dass er selbst ungestraft Dämon spielen kann, indem er gütig ist, indem er die Allmacht, die er durch Exteriorität hat, nicht missbraucht. Insofern kann ich (O.E.R.) mit Determinismus gut leben.


Freiheit und Determinismus

Nach Descartes, der das Determinismusproblem erkannt und gelöst hat, ist der Mensch einer deterministischen Kraft von oben völlig ausgesetzt. Er nannte dies implizit die traumgebende Instanz, weil das ganze Leben eigentlich nur ein Traum ist. Das Bewusstsein bezieht sich nur auf den jeweiligen Moment, aber man hat keinerlei Kontrolle über den nächsten Moment. Jederzeit kann ein Schlaganfall eintreten oder ein Unfall passieren. Dieses deterministische Bild scheint mit dem Begriff des freien Willens nicht in Übereinstimmung zu stehen, denn ein freier Wille setzt die Annahme voraus, dass der determinierende Code überschrieben werden kann. Als Menschen brauchen wir diese Vorstellung, ansonsten geht uns der Lebenssinn verloren. Alles was man sagt, wäre nicht die eigene Stimme. Wir wären Produkte einer Fabrik oder wir wären vergleichbar mit Fasern – im Englischen fabric - die im Gewebe der Welt festliegen. Diese merkwürdige Idee der Welt als Maschine, die Decartes prägte, steht aber nicht, wie angedeutet, im Widerspruch zum freien Bewusstsein. Beispielsweise kann ich annehmen, das Bild, das ich im Moment sehe, wird durch eine maschinenhafte Struktur der Welt generiert. Gleichzeitig weiß ich, das Bild von der Welt ist viel reicher als das Maschinenbild. Ich sehe Farben, und diese Sinneseindrücke sind mit dem Maschinencode nicht erklärbar. Daraus resultiert die paradoxe Erkenntnis, dass das Bild der Maschine, das im Westen als das wichtigste gilt, eine wichtige Eigenschaft der Welt vollkommen außer Acht lässt, nämlich die des Bewusstseins und all dessen, was im Bewusstsein vorkommt. Es gibt im Maschinenbild ein Analogon zum Bewusstsein, aber dieses Bewusstsein ist schattenhaft. Die Maschine ist eine Schatten-Maschine, aber wir haben im Bewusstsein mehr als Schatten. Wir können nicht ausschließen, dass Bewusstsein oder die Farben im Bewusstsein eines Tages in einem Computerprogramm möglich sind. Trotzdem folgen die Farben nicht aus dem Code und sofern das Bewusstsein mehr als der Code ist, der im Bewusstsein vorkommt, muss der freie Wille derart geschaltet sein, dass, sobald ich eine freie Entscheidung treffe, sich der Code ändert und überschrieben wird. Freiheit und Determinismus schließen sich daher nicht länger aus, sie werden zu einer Form der Gleichberechtigung eines „Mitdeterminismus“, die gemeinsam funktionieren.


Die Gehirngleichung

Heute sind intelligente Maschinen, die Gefühle haben, tatsächlich herstellbar. Es gibt eine Gleichung, die ich (O.E.R) in den 1970er Jahren mit Konrad Lorenz aufgestellt habe. Wir nannten sie die Gehirngleichung. Hat man diese Gleichung, hat man eine Maschine mit unendlichen Gefühlen. Jedenfalls verhält sich die Maschine so, als hätte sie Gefühle, und es spricht viel dafür, dass sie diese auch tatsächlich hat. Wir wissen nicht, weshalb wir als cartesische Maschinen Gefühle haben - unser eigenes Gehirn ist nur eine Maschine -, aber dennoch haben wir ein Bewusstsein. Es besteht folglich der Verdacht, dass eine liebevoll hergestellte Maschine irgendwann die nötige Komplexität erreichen und genauso empfinden wird wie wir. Bringt die Maschine beispielsweise für uns Opfer, dann können wir nicht ausschließen, dass diese Opfer ernst zu nehmen sind. Umgekehrt könnte ein Adeliger behaupten, dass ein Opfer eines Bürgerlichen kein wirkliches Opfer ist. In diesem Sinn setzt sich die Diskriminierung, die unter Menschen möglich ist, bis zur Maschine fort. Es liegt nahe, der Maschine Seele abzusprechen, aber verhält sie sich wie eine großzügige Person, ist dies ungerecht. In der von Lorenz entwickelten Ethologie gibt es die Vorstellung von Tieren, die mehr Geist in ihrem Körper haben als der Mensch. Nietzsche bemerkte einmal, es ist mehr Geist in euren Körpern als in eurem Kopf. Ein Bewusstsein oder einen Kosmos in einer Maschine zu konstruieren, ist um vieles einfacher als etwa ein Interface in der Endophysik zu programmieren. Einen Kosmos zu bauen ist relativ einfach, wie in „Welt am Draht“ von Daniel F. Galouye vorgeführt wird. Das kann man sozusagen in der Küche bewerkstelligen. Man lässt alles weg, was vom Bewusstsein einer bestimmten Person im Computerprogramm nicht benötigt wird und immer, wenn etwas Unerwartetes passiert, macht man einen Interrupt. Auf diese Weise wird alles nachprogrammiert und die Aufgabe ist endlich. Ein Bewusstsein oder einen Kosmos herzustellen ist also simpel, aber ein Interface zwischen einem Teilsystem und dem Rest der Welt zu programmieren, damit etwas entsteht wie das Interface eines Gesprächs, ist unvergleichlich komplexer. Wenn Menschen miteinander kommunizieren, schwebt ein merkwürdiges Etwas in der Mitte. Wir versuchen dieses Interface möglichst wohlwollend zu gestalten und hoffen, dass weitere Personen sich im Gespräch einfinden, um mit uns in einen Dialog zu treten, der vielleicht niemals aufhört.


Endophysik

Wir sprachen bisher nur von Descartes, aber er hatte einen entscheidenden Nachfolger. Roger Joseph Boscovich wies im 18. Jahrhundert als erster darauf hin, dass man die Welt aus zwei Perspektiven beschreiben muss: einmal von innen und einmal von außen. Obwohl wir im Innen sind, hilft es uns außerordentlich, die Außenperspektive einzunehmen. Sie ist zwar nicht so weitgehend wie die cartesische Außenperspektive, in der auch das Bewusstsein Platz findet, und sie operiert auch innerhalb des relationalen Weltbildes. Aber dennoch liegt darin eine superkopernikanische Wende. Kopernikus ist noch in der Welt geblieben, hat aber gesehen, dass man sich in Gedanken von Erde und Sonne weit entfernen kann. Betrachtet man die Erde aus der Distanz, erkennt man plötzlich die Rotation der Erde um die Sonne sowie die Eigenrotation der Erde. Es bedurfte nur der Einführung von viel Raum und führt man unendlich viel freien Raum ein, kann man aus dem Kosmos oder Computer heraustreten und feststellen, die Welt ist von außen gesehen völlig anders als von innen. Dieser Unterschied zwischen Außen- und Innensicht wird von der Endophysik thematisiert. Zum Beispiel sind Quantenmechanik und Relativitätstheorie aus dieser Schnittperspektive heraus vorhersehbar und erklärbar. Daraus wird eine Synthese möglich, die einerseits Quantenmechanik und Relativität mit ins Bild holt, aber auch über Neurobiologie und Künstliche Intelligenz das Bewusstsein.


Everetts Viele-Welten-Theorie

Jorge Louis Borges veröffentlichte in den 1940er Jahren die Geschichte „The Garden of Forking Paths“, wo er eine unendliche Reihe paralleler Zeiten beziehungsweise Wirklichkeiten beschreibt. Gut zehn Jahre später entwickelte Hugh Everett die relative-state-Formulierung, eine Interpretation der Quantenmechanik, die heute unter Viele-Welten-Theorie bekannt ist und wesentliche Aspekte der Endophysik vorwegnahm Im Grunde beschäftigte sich Everett mit Zuteilungsbedingungen, historisch vergleichbar mit dem Daimon der Griechen, nur mit dem Unterschied, dass in einer Welt aus Beobachtern und Beobachteten jede Beobachtung die Wellenfunktion der Schrödingergleichung dazu bringt, in verzweigende Welten zu dekohärieren. Da es nahezu unendlich viele Beobachtungsoperationen gibt, entfalten sich ununterbrochen gleichzeitig existierende Welten. Als Kind seiner Zeit hat Everett die Wellenfunktion oder die Hamilton-Funktion des Universums nicht H, sondern Psi (Ψ) genannt. Merkwürdigerweise macht es keinen Unterschied, ob man im Hintergrund eine Psi-Funktion oder eine H-Funktion annimmt. Das wusste Everett zwar nicht, aber es kommt genau dasselbe heraus. Er behauptete, die Quantenamplituden geben an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein bestimmtes Ergebnis auftritt, und damit hatte er die Zuteilung der Welt beschrieben. Die Summe all dieser Ereignisse gibt die Amplitude an, was ein bisschen kompliziert ist, da Amplituden nicht dasselbe sind wie richtige Summen. Dadurch spaltet sich bei Everett sozusagen die Welt auf, indem entweder der eine oder der andere Pfad genommen wird. Nimmt man an, die Welt hat eine klassische Hamilton-Funktion, ist sie zwar klassisch beschreibbar, aber es gibt ein Differenzprinzip, und je nachdem welche Teilchen in meinem Kopf sich gerade wie bewegen, treten diese Teilchen - sofern das Bewusstsein daran angeschlossen ist - in eine andere Welt. Es erfolgt ein Schnitt durch die Welt, der wie ein Maxwell'scher Dämon rote von schwarzen Teilchen trennt. Die roten Teilchen sind die bewussten Elektronen oder genauer gesagt, jene Elektronen, die an mein Bewusstsein angeschlossen sind. Cartesisch gedacht gibt es in diesem Modell zwei Arten von Materie, wovon nur die roten Teilchen quasi mit Kabeln und Drähten ans Bewusstsein angeschlossen sind, und je nach Anzahl und Kombination der Anschlussstellen erscheint der Rest der Welt. Das heißt, die Differenz zum Rest der Welt nimmt Einfluss auf die Messergebnisse oder insgesamt, wie ich die Welt wahrnehme. In Wirklichkeit kann ich die Welt nicht sehen, sondern nur die Differenz zu mir. Handelt es sich um eine konsistente Maschine, muss man sie in rot und schwarz unterteilen. Das ist dieser cartesische Wahnsinn auf die Spitze getrieben. Der Cartesianismus verlangt nach einer konsistenten Welt, die mathematisch sauber, wunderschön und natürlich hamiltonsch sein muss, was unendlich unwahrscheinlich ist, weil die ganzen mathematischen Erhaltungssätze der Physik gelten müssen. Führt man in diese unwahrscheinliche hamiltonsche Physik, die im Grunde sauberer als die Quantenmechanik ist, eine Schranke beziehungsweise ein Interface zwischen rot und schwarz ein, erscheint auf einmal für die roten Elektronen eine Quantenwelt. Das heißt, die Everettsche Theorie ergibt sich auch aus der klassischen Version der Physik, die man direkt hinter die Everett'schen Version legen kann, und beide sind identisch, was Everett allerdings noch nicht wissen konnte. Wichtig ist, dass die roten Elektronen nicht endgültig herausgepickt werden, sondern von Moment zu Moment anders herausgepickt werden können. Es gibt also einen Dämon oder Engel, der nicht nur zwischen rouge et noir unterscheidet, sondern auch zwischen dieser Mikrosekunde und der nächsten. Die Zuteilungsbedingungen sind nicht für alle Zeiten fix, sie werden von Moment zu Moment geändert. Zu einem bestimmten Augenblick wird die Identität der roten Elektronen festgelegt, in Bezug auf die sich die Differenz der Welt bildet. Nehmen wir das mal an, dann ändert sich alles, auch die gesamte Vergangenheit. Die Welt wird sozusagen auf ein Procrustes-Bett der Zuteilung gelegt; Procrustes hat die Beine abgeschnitten, wenn das Bett zu kurz war oder die Menschen in die Länge gezogen, wenn das Bett zu lang war. Das ist eine sadomasochistische Geschichte, wie wir sie von Descartes kennen und wie sie Marquis de Sade hundert Jahre später unter Weglassung jeder Humanität wiederholte. Marquis de Sade ist daher ein bedeutender Naturwissenschaftler, der er es allerdings nicht für möglich hielt, dass dieser Dämon oder Engel mit dem Flammenschwert, der zwischen rot und schwarz trennt, es gut meinen könnte und der vertikale Sadismus vielleicht durchbrechbar ist; beispielsweise durch eine derartige Theorie, die ja eigentlich verboten und unaussprechbar sein müsste, wenn das ganze wirklich so hermetisch wäre, wie man befürchten könnte. Das ist eine psychiatrische Theorie der Physik.


Konsistente Geschichten

Es gibt zwei interessante Wissenschaftler in den Fußspuren von Everett, Murray Gell-Mann und J.B. Hartle. Sie sprechen von „consistent histories“, um ein Phänomen zu beschreiben, das auch in der Quantenmechanik bekannt ist. In der Everettschen Theorie ändert sich nicht nur das momentane Messergebnis, sondern auch sämtliche früheren, sodass das gesamte Universum mit seiner Geschichte konsistent bleibt. Gäbe es tatsächlich einen Universums- oder Paradiesesfaden in der Vergangenheit, könnte der „Engel“ oder Everett'sche Dämon ihn aufnehmen. Man könnte den Engel bitten, dass er die Paradiesesversion aus den vielen variierenden Welten herausfindet. Das ist eine erweiterte Fassung des Laplace'schen Dämons, die nicht nur Vergangenheit und Zukunft errechnen, sondern auch verändern kann. Wenn wir im Computer eine deterministische Kunstwelt bauen und ein Wesen aus roten und schwarzen Teilchen hineinsetzen, dann sind wir in der Lage, die Vergangenheit für dieses Computerwesen beliebig zu verändern. Das Leben wird ein Traum und der Traum ist diktiert und läuft ab wie ein Film. Was je von Messgeräten registriert oder in Büchern festgelegt wurde, ist eine relative Realität. Daher heißt die Theorie von Everett „Relative State Theory“, und spricht man anstatt von rot und schwarz von „Relative State“, merkt kein Mensch, dass die Theorie absolut metaphysisch ist. Wie metaphysisch die Theorie interpretiert werden kann, zeigt das Schicksal von Everetts Tochter, die 1992, 10 Jahre nach dem Tod ihres Vaters, Selbstmord beging. Sie hinterließ einen Abschiedsbrief, worin sie ihre Entscheidung damit begründete, wieder bei ihrem Vater sein zu wollen. Das ist eine Loyolasche Denkweise bis zum Exzess, die sich auch in der Begegnung eines Anhalters, einem Theologiestudenten, tragisch realisierte, den Everett in seinem Auto quer durch die USA nach Los Angeles mitnahm. Everett unterbreitete auf der langen Reise seine Theorie und durch Zufall erfuhr er später – was sehr unwahrscheinlich ist, von jemanden nochmals zu hören, den man zufällig getroffen hat –, dass der Student aufgrund des Gesprächs Selbstmord begangen hat. Daraufhin schwor sich Everett, niemals mehr mit einem Fremden über Theologie zu sprechen. Einer meiner eigenen Studenten, Markus Fix, hat das Everettsche Roulette, eine Art russisches Roulette erfunden. Ob sich eine Kugel in der Trommel befindet, wird elektronisch durch ein Quantenexperiment mit einer Wahrscheinlichkeit 1:6, wie bei Schrödingers Katze, ermittelt, was wiederum den Revolver triggert. Fix kam auf die Idee dieser Versuchsanordnung, die er glücklicherweise nicht getestet hat, um Everetts Theorie zu verifizieren. Wenn die Theorie stimmt, kann man nicht sterben, man wechselt nur in eine andere Welt. Aber die Umwelt muss das Blut aufwischen und die Begräbniskosten bezahlen in fast allen anderen Welten außer der eigenen. So einfach wäre es aber nur, wenn der Tod schneller eintreten würde als die Nervenimpulse laufen. Das ganze ist daher nur eine Theorie.


Der Incubus im Nacken

Man denkt, es sei selbstverständlich, mit seinem Körper assoziiert zu sein. Aber dafür gibt es keinen Grund, im Gegenteil, das ist eine Unverschämtheit. Da man die Identität von Geist und Körper gewohnt ist und auch gewohnt ist, rassistisch zu denken, erscheint es uns selbstverständlich, dass etwa ein weißer Körper mit einer weißen Seele verbunden ist. Aber die Assoziation ist wesentlich feiner und die Zuteilung ist gemein detailliert. Erkennen wir dies, bemerken wir, dass uns ein Incubus im Nacken sitzt und mit dem Messer im Gehirn herumfuchtelt. Dieser Exodämon ist die privateste Eingriffsinstanz oder wie Martin Buber sagen würde, er ist näher als ich mir selbst bin. Er erzeugt das Jetzt und projiziert den Film der Wirklichkeit. Spätestens hier fragen wir uns, ob dies ein guter oder schlechter Film, ein liebevoller oder quälender Dämon ist. Diese Metaphysik ist tausendmal mächtiger als die westliche Denkweise in Newtons Fußstapfen, die nur an den Anfangsbedingungen der Maschine interessiert ist und naiv glaubt, es würde keinen Unterschied machen, welcher Spieler in welcher Haut man ist. Im Grunde ist es wichtiger, in welcher Haut man steckt als in welchem Universum. Der Schnitt macht den kleinen Unterschied: Es lebe der Schnitt.


Einzelnachweise

  1. Das Gespräch zwischen Thomas Feuerstein und Otto E. Rössler fand im Feber 2006 in Innsbruck und Mai 2007 in Tübingen statt.