SOME VELVET MOURNING

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Thomas Feuerstein, SOME VELVET MOURNING, 2009 - 2010 Glas, Edelstahl, div. technische Geräte, 200 x 120 x 120 cm. Wissenschaftliche Beratung: Dr. Thomas Seppi, Software: Daniel Hekl, Peter Chiochetti. Courtesy Galerie Elisabeth & Klaus Thoman


Sprechen – destillieren – trinken, so heißt die repetitive Formel: Je mehr über Kunst gesprochen wird, desto mehr Kunst in Form von Eis, Wasser und Alkohol entsteht, und umso mehr getrunken wird, desto gesprächiger werden die Menschen. Beim Sprechen entweicht feuchte Luft aus dem Mund. Die Worte kondensieren am kalten Metall einer Pferdeskulptur und gefrieren zu Eiskristallen. Die Eisschicht wächst mit jedem Satz bis zum Punkt, wo Tautropfen in einen Schlauch rinnen und eine Maschine in Gang setzen. Chemische Synthesen nehmen ihren Lauf, die das Wasser zu Dampf erhitzen, durch Erden pressen, mit Gasen anreichern und elektrisch ionisieren. GROSSE DONDON, die „dicke Mutter“, nennt sich ein Teil der Maschine, in dem unter Bedingungen eines Schwarzen Rauchers, wie er sich in der Tiefsee findet, ohne Gärung Alkohol entsteht. Parallel wird in einem anderen Teil der Maschine das Wasser zu einer Ursuppe verkocht. Endlos im Kreislauf der Apparaturen zirkulierend, verwandelt sich die Flüssigkeit in organische Chemie und reichert sich mit Aminosäuren an. LE PÈRE RÉPÉTITIVE, der „onanierende Vater“, mischt seine Lebenssäfte mit dem Alkohol der dicken Mutter zu einem Destillat, das in Flaschen tropft. Die Etiketten der Flaschen verstricken uns in Geschichten und erzählen von Elixieren und Essenzen, in denen Flaschengeister wohnen. Als Enzyme und Katalysatoren warten sie, in uns wirksam zu werden, um Gedanken und Bilder zu imaginieren, Handlungen und neuronale Programme zu starten und Wirklichkeiten zu verändern. War am Anfang das Wort, steht am Ende der Geist in der Flasche, der Schluck für Schluck neue Sprechakte auslöst, um die Maschine der Kunst zu speisen. Die sprachliche Verfasstheit von Kunst wird bei Thomas Feuerstein zum Ausgang seiner Kunst, die Destillate aus Sprache materiell bindet und mit biochemischen und sozialen Prozessen des Lebens vermengt. Sprache führt bei Feuerstein über die Kommunikation und Speicherung hinaus zu einer hypostatischen Transformation, die den Atem der Worte in molekulare Skulpturen überführt. Das Sprechen über Kunst wird zum Material von Kunst, das als Spirituose dem physischen Metabolismus der sprechenden Körper rückgeführt wird. SOME VELVET MOURNING, die Maschine der samtenen Trauer, die die Pferdetränen der Skulptur WHERE DEATHLESS HORSES WEEP sammelt, ist nicht zuletzt eine ironische und pataphysische Maschine, der Moleküle Geistern und Dämonen gleich entspringen. Kunst, Natur, Wissenschaft und Alltag verdichten sich zum Spiritus des Lebens. In diesem Sinne: Kippis!


Herbert Fuchs

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Anmerkungen zu SOME VELVET MOURNING

Die Installation von Thomas Feuerstein vereint – in einem streng wissenschaftlichen Kontext – das klassische Konzept der Ursuppe und Uratmosphäre mit der Wirkungsweise von Schwarzen Rauchern als beschleunigende Katalysatoren der biomolekularen Genesis. Der technische Aufbau spiegelt somit im Labormaßstab ein wahrscheinliches Szenario wider, wie es auf unserem Planeten vor über 3 Mrd. Jahren zur Neogenese der molekularen Vorstufen komplexer Lebensformen kommen konnte.

Thomas Feuerstein, SOME VELVET MOURNING, 2009 - 2010 Glas, Edelstahl, div. technische Geräte, 200 x 120 x 120 cm. Detail. Courtesy Galerie Elisabeth & Klaus Thoman

Die in der Biologie klassische Formulierung für den Beginn des Lebens lieferte der US-Wissenschaftler Stanley Miller. Gemäß der Ursuppen-Theorie entwickelten sich aus einem Gemisch von Methan, Ammoniak, Wasser und Wasserstoff in Reaktion mit elektrischen Funken organische Stoffe in den irdischen Ur-Ozeanen. Das klassische Experiment hatte das Ziel, in einem einfachen Glaskolben die Verhältnisse auf der unwirtlichen Urerde nachzuahmen, über deren Ozeane Schwaden dichter Vulkangase zogen, während Blitze die Atmosphäre durchzuckten.

In der simulierten, brodelnden Ursuppe waren aber nicht einfach irgendwelche chemischen Verbindungen entstanden, vielmehr ließen sich Aminosäuren, Ketone, Aldehyde oder Harnstoff nachweisen - allesamt Schlüsselverbindungen lebendiger Organismen. Analog zu Millers Experiment vor 57 Jahren, lässt auch Feuerstein in einem gläsernen Kreislauf Wasser kochen, dessen Dampf sich mit dem zugeführten Gasgemisch vermengt. Elektrische Funkenschläge bilden natürliche Blitze nach. Der Dampf kondensiert, tropft in den Kolben zurück und der Kreislauf beginnt von neuem. Bereits nach zwei Tagen findet sich die einfache Aminosäure Glyzin in seinem Reaktionsgemisch, ein Bestandteil von Proteinen. Zucken die künstlichen Blitze eine Woche lang, überzieht sich die Innenwand des Kolbens mit einer öligen Flüssigkeit, das Wasser selbst färbt sich gelblich-braun. Die automatische Probenanalyse zeigt, dass sich nun neben Glyzin, weitere Aminosäuren und andere organische Verbindungen in der kondensierten “Ursuppe“ angereichert haben.

Einen Teil des so gewonnenen Kondensats führt Feuerstein laufend dem zweiten funktionellen Aufbau der Installation zu, einem Schwarzen Raucher im Labormaßstab. Die dabei abgezweigte Flüssigkeit aus der experimentellen Ursuppe lässt Feuerstein kontinuierlich durch nachströmende Mengen ersetzen: in Analogie zur globalen Vereisung der präkambrischen Urerde - in Form von glazialem Schmelzwasser.

Schwarze Raucher sind natürliche, hydrothermale Quellen auf dem Meeresboden in mehreren tausend Metern Tiefe. Sie entstehen, wenn Seewasser in die Kruste des Meeresbodens eindringt, erhitzt wird, mit dem Krustengestein reagiert und mit bis zu 400°C wieder zum Meeresboden aufsteigt. Entdeckt wurden sie erst 1977. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass in der völlig lichtlosen, nährstoffarmen und lebensfeindlichen Umwelt der tiefen Meere kaum Leben existiere. Die Schwarzen Raucher aber reichern das umliegende Meerwasser mit einem Cocktail aus verschiedenen chemischen Elementen an, vor allem mit Helium, Schwefel und Eisen, aber auch mit wichtigen Spurenelementen wie Mangan, Kupfer und Zink sowie anderen Mineralien, die als Katalysatoren die Neuentstehung und Veränderung von organischen Molekülen ermöglichen. Nach neuesten Erkenntnissen bildeten vor allem die lehmartig strukturierten Eisen- Schwefel-Komplexe der unterseeischen Schlote die perfekten Keimzellen für die Entstehung der allerersten Lebensform. In gewisser Weise entspräche dies sogar der Theorie von "Adam" - zumindest wenn man seine Bedeutung aus dem Hebräischen herleitet: "adamah" gilt dort als Bezeichnung für die rötlich-braune Erdschicht, also für Ackererde oder Humus. Es ist jedenfalls höchst bemerkenswert, aber wissenschaftlich erklärbar, dass auch heute noch eine erstaunliche Vielfalt an primitiven Lebensgemeinschaften rund um die heißen Tiefseeschlote vulkanischen Ursprungs angesiedelt sind. Trotz der für höhere Lebensformen gänzlich unwirklichen Bedingungen bei extremen Drücken und Temperaturen, in absoluter Finsternis, ohne Sauerstoff, aber mit stark toxischen Gasen und Schwermetallen angereichertem Meerwasser.

In der gezeigten experimentellen Anordnung ist den beiden Genesisprozessen ein fraktioniertes Aufreinigungsverfahren für eine ausgewählte organische “Ursubstanz“ nachgeschaltet. Exemplarisch wird hier dargestellt, wie aus dem Ursuppenmolekül Ethanal an der katalytisch reduzierenden Matrix des Schwarzen Rauchers Ethanol, also Alkohol, generiert wird. In einem mehrstufigen Destillationsprozess wird dieses Biomolekül von allen anderen de novo entstandenen Verbindungen getrennt und als genussfähiger Reinextrakt gewonnen.


Thomas Seppi


Weblinks

Nicolas Balacheff, L’art et la question des origines

Romana Schuler, In der Molekularküche des Gesellschaftsgenetikers

Astrid Mania, Schöpferisch Besaufen

Gerald Nestler, Wenn sich Dämonen, Destillate, Algorithmen und Algen zum Symposium versammeln

Markus Neuwirth, Review, FlashArtonline.com

POEM., Galerie 401contemporary Berlin

POEM., hgg. v. Herbert Fuchs und Klaus Thoman, SCHLEBRÜGGE.EDITOR, Wien 2011