Glossolalie

Aus Daimon

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Tizian, Ausgießung des Heiligen Geistes, 1543-1544. Wandgemälde in Santa Maria della Salute in Venedig

Bei den frühchristlichen Gemeinden gab es den Brauch der Glossolalie, des Zungenredens, der sich bis heute in der Pfingstbewegung und der charismatischen Erneuerung erhalten hat. Glossolalie ist eine von einer fremden Macht diktierte Rede, auch in einer fremden Sprache verfasste Rede oder eine unverständliche Lautäußerung, in der die Urchristengemeinde laut Apostelgeschichte Offenbarungen des Heiligen Geistes zu erkennen glaubte. Übernommen wurde diese Praxis aus griechischen Mysterienkulten - etwa dem Orakel der delphischen Pythia - oder der jüdischen Prophetie. Dem christlichen Verständnis nach war es allein Gott, der durch seine Prediger sprach. Diese Vorstellung beruht auf Paulus, der die Macht des Heiligen Geistes gepredigt hatte.[1] Nicht der Mensch selbst, sondern der Heilige Geist spreche aus seinen Worten, was letztlich nichts anderes als die Ablehnung von philosophischen und kritischen Gedanken bedeutete. Selbst Gregor von Nyssa, der der griechischen Philosophie aufgeschlossen war, meinte, die menschliche Stimme sei nur erschaffen worden, damit sie klar und deutlich die vom Heiligen Geist inspirierten Gefühle des Herzens übersetzen und in die Welt entlassen könne. Die von Aristoteles verkörperte dialektische Methode wurde geächtet, weil ein Dialog mit Gott als schlicht unvorstellbar empfunden wurde.

Beim Zungenreden wird der Prophet zum Medium für einen fremden Geist, der in ihm inkarniert und aus ihm spricht. Der menschliche Körper wird zum Avatar. Der australische Medienkünstlers Stelarc verfolgt seit den 1990er Jahren das Vorhaben, einen Lautsprecher im Mund und ein Ohr am Arm zu tragen. Über Internet wird Stelarc zum Zungenredner, der User zu seinem "Geist", der ihm beliebige Worte in den Mund legt: "Ich werde dann auch durch mein Ohr sprechen können, wie bei einem Telefon. Wenn Sie mich allerdings anrufen, wird Ihre Stimme aus einem in meinem Mund applizierten Lautsprecher zu hören sein."[2]

Die Vorstellung des Menschen - insbesondere des Künstlers - als ein Medium, das mit fremder Zunge glossaliert, mit fremder Hand malt oder auf fremden Befehl hin handelt, tradiert sich im Geniekult. Auch im Automatismus geht André Breton davon aus, dass sich die Hand - beinahe wie bei einem Acheiropoíeton - vom Gehirn befreit und sich dorthin bewegt, wohin sie die Feder führt; "und sie führt kraft einer erstaunlichen Behexung die Feder so, dass diese lebendig wird".[3]

Xenoglossie

Der von Charles Richet (1850-1935) geprägte Begriff Xenoglossie bezeichnet die Fähigkeit, eine fremde Sprache zu sprechen, ohne sie gelernt zu haben.[4] Richet, der 1913 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin erhielt, beschäftigte sich wie viele seiner Zeitgenossen mit okkulten Phänomenen und übertrug u.a. auch den Begriff Ektoplasma in die Parapsychologie. Die Xenoglossie wird von Parapsychologen als Indiz für die Reinkarnation angesehen.

Im Rituale[5] wird das Reden in fremden und auf unerklärliche Weise erlernter Sprachen als wichtiges Merkmal für Besessenheit angesehen, das nach Ansicht der katholischen Kirche einen Exorzismus verlangt.

Einzelnachweise

  1. Vgl. 1. Korintherbrief 14, 2 ff.; weiters das Pfingstgeschehen in der Apostelgeschichte 2, 4
  2. Im Gespräch mit Stelarc
  3. André Breton, "Die automatische Botschaft". In: Claudia Dichter, Hans Günter Golinski, Michael Krajewski, Susanne Zander (Hg.), The Message. Kunst und Okkultismus, Köln 2007, S. 33 ff.
  4. Vgl. Richet Charles,
Thirty Years Of Psychical Research, Kessinger Publishing, 2003.
  5. Rituale Romanum ex decreto Sacrosancti Oecumenici Concilii Vaticani II instauratum auctoritate Ioannis Pauli PP. II promulgatum De Exorcismus et Supplicationibus quibusdam, editio typica emendata, Città del Vaticano 2004.

Weblinks

Thomas Macho, Glossolalie in der Theologie