Kreativität: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Daimon

Jaune (Diskussion | Beiträge)
Keine Bearbeitungszusammenfassung
Jaune (Diskussion | Beiträge)
 
(13 dazwischenliegende Versionen desselben Benutzers werden nicht angezeigt)
Zeile 1: Zeile 1:
[[Bild:Artikel.gif]]
==Order from Noise==
 
[[Bild:foerster.jpeg|thumb|Heinz von Foerster, Abb. links: Ausgangsordnung vor der Intervention; Abb. rechts: Neu entstandene Ordnung nach der Intervention]]
[[Bild:foerster.jpeg|thumb|Heinz von Foerster, Abb. links: Ausgangsordnung vor der Intervention; Abb. rechts: Neu entstandene Ordnung nach der Intervention]]
In dem 1960 verfassten Aufsatz ''Über selbst-organisierende Systeme und ihre Umwelten''<ref>Heinz von Foerster, "Über selbst-organisierende Systeme und ihre Umwelten", in: Ders., ''Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie'',  Braunschweig 1985, S. 115-130.</ref> beschreibt Heinz von Foerster das Prinzip „order-from-noise“. In Abwandlung und Ergänzung Ernst Schrödingers Prinzip „Ordnung durch Ordnung“, das metaphorisch von der Ernährung des Organismus durch negative [[Entropie]] spricht, entwickelt Foerster die Hypothese eines sich selbst-organisierenden [[System | Systems]], das sich durch "noise" (Störung) ernährt. Heinz von Foerster führt in Anlehnung an den [[Maxwell'scher Dämon | Maxwell'schen Dämon]] eine Art "Kreativitäts-Dämon" als grundlegendes Handlungs- und Denkprinzip ein. Um die Wirksamkeit des [[Dämon | Dämons]] zu illustrieren beschreibt Foerster ein Experiment, das in Kürze wie folgt abläuft: Zunächst wird eine Anzahl magnetisierter Würfel (alle Flächen Nordpol nach außen gerichtet) ohne [[Ordnung | Ordnungsprinzip]] in eine Kiste voller Glaskiesel – damit sich die Würfel darauf bewegen können – gelegt. Dann wird die Kiste geschüttelt, so dass sich die Würfel unter Reibung darauf bewegen (siehe Abb. links). Die Würfel ordnen sich entsprechend ihrer Abstoßungskräfte in der Kiste an. Die Entropie des Gesamtsystems bleibt konstant oder nimmt geringfügig zu. Wird jetzt im zweiten Teil des Experiments bei der Hälfte der Würfel die nach außen gerichtete Magnetisierung einer Fläche der Würfel verändert, diese in die Kiste zurückgelegt und wieder geschüttelt, dann wird sich mit überwältigender Wahrscheinlichkeit eine Paarung der unterschiedlich gepolten Würfel ergeben, bis fast alle gepaart sind. Nach dem Schütteln ist mehr Ordnung (Negentropie) entstanden, die Entropie des Systems hat sich gering verringert.


Bei Heinz von Foerster findet sich ein "Kreativitäts-Dämon" als grundlegendes Handlungs- und Denkprinzip. Um die Wirksamkeit des Dämons zu illustrieren beschreibt Foerster ein Experiment, das in Kürze wie folgt abläuft: 
Im dritten Teil des Experimentes werden nur Würfel genommen, deren gegenüberliegende Flächen jeweils entgegengesetzt polarisiert sind. Diese werden wieder in die Kiste gelegt und diese wird erneut durchgeschüttelt. Als Ergebnis „findet sich, auch wenn Sie Ihren Augen kaum trauen, ein unglaublich geordnetes Gefüge, das sich (...) in einer Ausstellung surrealistischer Kunstwerke präsentiert“<ref>a.a.O., S. 126.</ref> werden könnte. Dem System wurde keine Ordnung zugegeben, sondern durch das Schütteln nur „billige ungerichtete Energie; dank der kleinen Dämonen in der Kiste wurden schließlich aber nur jene Störelemente ausgewählt, die zur Vergrößerung der Ordnung des Systems beitrugen.“<ref>a.a.O.</ref>.
 
Zunächst wird eine Menge magnetisierter Würfel (alle Flächen Nordpol nach
außen gerichtet) ohne Ordnungsprinzip in eine Kiste voller Glaskiesel – damit
sich die Würfel darauf bewegen können – gelegt und die Kiste dann geschüttelt,
so dass sich die Würfel unter Reibung darauf bewegen (siehe Abb. links).
Die Würfel ordnen sich entsprechend ihrer Abstoßungskräfte in der Kiste an, die
Entropie des Gesamtsystems bleibt konstant oder nimmt geringfügig zu. Wird
jetzt im zweiten Teil des Experiments bei der Hälfte der Würfel die nach außen
gerichtete Magnetisierung einer Fläche der Würfel verändert, in die Kiste
zurückgelegt und wieder geschüttelt, dann wird sich mit überwältigender
Wahrscheinlichkeit eine Paarung der unterschiedlich gepolten Würfel ergeben,
bis fast alle gepaart sind. Nach dem Schütteln ist mehr Ordnung (Negentropie)
entstanden, die Entropie des Systems hat sich gering verringert.
 
Im dritten Teil des Experimentes werden nur Würfel genommen, deren gegenüberliegende Flächen
des Würfels jeweils entgegengesetzt polarisiert sind. Diese werden wieder in die
Kiste gelegt und diese wird durchgeschüttelt. Als Ergebnis „findet sich, auch
wenn Sie Ihren Augen kaum trauen, ein unglaublich geordnetes Gefüge, das
sich... in einer Ausstellung surrealistischer Kunstwerke präsentiert“ (a.a.O., S.
126) werden könnte. Dem System wurde keine Ordnung zugegeben, sondern
durch das Schütteln nur „billige ungerichtete Energie; dank der kleinen
Dämonen in der Kiste wurden schließlich aber nur jene Störelemente
ausgewählt, die zur Vergrößerung der Ordnung des Systems beitrugen.“
(a.a.O.). Soweit das Experiment. Dass Heinz von Foerster hier die Metapher
von „Dämonen“ - in Anlehnung an [[Maxwellscher Dämon | Maxwells Dämon]] einführt, macht uns
darauf aufmerksam, dass bei der rein quantitativen (i.e. Ratio im mathematischphysikalischen
Sinn) Betrachtung leicht vergessen wird, dass wir als Ergebnis des
Durchschüttelns eine andere, eine neue Ordnung zustande bringen, die nicht
vorhersehbar, nicht berechen- oder determinierbar war, also im ursprünglichen
Sinne nicht rational. Es gibt im Prinzip unendlich viele unterschiedliche
Konstellationen, die dasselbe Maß an Entropie erfüllen, d.h. die in ihrer
Unterschiedlichkeit nicht durch den mathematischen Maßstab H erfasst werden.
Wenn Unterschiede, die einen Unterschied machen, Information sind – wie
Bateson uns gelehrt hat – dann ist diese Information nicht in H abbildbar. Die
quantitative Zunahme von Negentropie lässt sich möglicherweise
vorherberechnen, nicht aber die in diesem autopoietischen Akt entstehende Figur. Wir haben also einen Übergang von Quantität zur Qualität, der in der Maßzahl für die Entropie des Systems nicht zum Ausdruck kommen kann. Das
Durchschütteln (physikalisch ungerichtete Energie) erweist sich als ein
poietischen Akt, der die Autopoiese des Systems anregt oder metaphorisch
gesprochen, bei dem Dämonen im Innern des am Werk zu sein scheinen. Das
für mich zentrale Phänomen deutet Heinz von Foerster eher beiläufig an, nämlich dass die neu entstandene Figur durchaus als „surrealistisches
Kunstwerk“ durchgehen könnte.


Das willentlich vorgenommene Durchschütteln (physikalisch: Einführung
Das Experiment verdeutlicht, dass als Ergebnis des Durchschüttelns bzw. der Zuführung von Störung (noise) eine neue Ordnung entsteht, die nicht vorhersehbar, berechen- oder determinierbar ist. Die Zuführung ungerichteter Energie erweist sich einerseits als destruktiv - die alte Ordnung wird zerstört -, aber wie von der [[Unsichtbare Hand | unsichtbaren Hand]] eines Dämons geführt, kommt andererseits ein kreatives Konstruktionsprinzip zur Wirkung.
ungerichteter Energie) erweist sich einerseits als destruktiv, die alte Ordnung
Es gibt im Prinzip unendlich viele unterschiedliche Konstellationen, die dasselbe Maß an Entropie erfüllen, d.h. die in ihrer Unterschiedlichkeit nicht durch den mathematischen Maßstab H erfasst werden. Wenn nach Bateson Unterschiede, die einen Unterschied machen, Information sind, dann ist diese Information nicht in H abbildbar. Die quantitative Zunahme von Negentropie lässt sich möglicherweise vorherberechnen, nicht aber die in diesem autopoietischen Akt entstehende Figur. Wir haben also einen Übergang von Quantität zur Qualität, der in der Maßzahl für die Entropie des Systems nicht zum Ausdruck kommen kann. Das Durchschütteln (physikalisch ungerichtete Energie) erweist sich als ein poietischer Akt, der die Autopoiese des Systems anregt. Metaphorisch gesprochen, sind im Inneren des Systems Dämonen am Werk.
wird zerstört, wie von der unsichtbaren Hand eines Dämons geführt, kommt
aber auch etwas konstruktives im wörtlichen Sinne zustande, nämlich eine neue
Ordnung aus alten Bestandteilen. Wir haben hier Intentionalität (das willentlich
vorgenommene schütteln der Kiste) und Kausalität, die aufgrund der
magnetischen Kräfte neu organisierten Würfel, verschränkt.


Von Foerster, Heinz von (1985): Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen
== Einzelnachweise ==
Erkenntnistheorie. Braunschweig, Vieweg.
<references />
von Foerster, Heinz von (1960): Über selbst-organisierende Systeme und ihre Umwelten. In
von Foerster, Heinz (1985), S. 115-130.

Aktuelle Version vom 10. Mai 2008, 00:05 Uhr

Order from Noise

Heinz von Foerster, Abb. links: Ausgangsordnung vor der Intervention; Abb. rechts: Neu entstandene Ordnung nach der Intervention

In dem 1960 verfassten Aufsatz Über selbst-organisierende Systeme und ihre Umwelten[1] beschreibt Heinz von Foerster das Prinzip „order-from-noise“. In Abwandlung und Ergänzung Ernst Schrödingers Prinzip „Ordnung durch Ordnung“, das metaphorisch von der Ernährung des Organismus durch negative Entropie spricht, entwickelt Foerster die Hypothese eines sich selbst-organisierenden Systems, das sich durch "noise" (Störung) ernährt. Heinz von Foerster führt in Anlehnung an den Maxwell'schen Dämon eine Art "Kreativitäts-Dämon" als grundlegendes Handlungs- und Denkprinzip ein. Um die Wirksamkeit des Dämons zu illustrieren beschreibt Foerster ein Experiment, das in Kürze wie folgt abläuft: Zunächst wird eine Anzahl magnetisierter Würfel (alle Flächen Nordpol nach außen gerichtet) ohne Ordnungsprinzip in eine Kiste voller Glaskiesel – damit sich die Würfel darauf bewegen können – gelegt. Dann wird die Kiste geschüttelt, so dass sich die Würfel unter Reibung darauf bewegen (siehe Abb. links). Die Würfel ordnen sich entsprechend ihrer Abstoßungskräfte in der Kiste an. Die Entropie des Gesamtsystems bleibt konstant oder nimmt geringfügig zu. Wird jetzt im zweiten Teil des Experiments bei der Hälfte der Würfel die nach außen gerichtete Magnetisierung einer Fläche der Würfel verändert, diese in die Kiste zurückgelegt und wieder geschüttelt, dann wird sich mit überwältigender Wahrscheinlichkeit eine Paarung der unterschiedlich gepolten Würfel ergeben, bis fast alle gepaart sind. Nach dem Schütteln ist mehr Ordnung (Negentropie) entstanden, die Entropie des Systems hat sich gering verringert.

Im dritten Teil des Experimentes werden nur Würfel genommen, deren gegenüberliegende Flächen jeweils entgegengesetzt polarisiert sind. Diese werden wieder in die Kiste gelegt und diese wird erneut durchgeschüttelt. Als Ergebnis „findet sich, auch wenn Sie Ihren Augen kaum trauen, ein unglaublich geordnetes Gefüge, das sich (...) in einer Ausstellung surrealistischer Kunstwerke präsentiert“[2] werden könnte. Dem System wurde keine Ordnung zugegeben, sondern durch das Schütteln nur „billige ungerichtete Energie; dank der kleinen Dämonen in der Kiste wurden schließlich aber nur jene Störelemente ausgewählt, die zur Vergrößerung der Ordnung des Systems beitrugen.“[3].

Das Experiment verdeutlicht, dass als Ergebnis des Durchschüttelns bzw. der Zuführung von Störung (noise) eine neue Ordnung entsteht, die nicht vorhersehbar, berechen- oder determinierbar ist. Die Zuführung ungerichteter Energie erweist sich einerseits als destruktiv - die alte Ordnung wird zerstört -, aber wie von der unsichtbaren Hand eines Dämons geführt, kommt andererseits ein kreatives Konstruktionsprinzip zur Wirkung. Es gibt im Prinzip unendlich viele unterschiedliche Konstellationen, die dasselbe Maß an Entropie erfüllen, d.h. die in ihrer Unterschiedlichkeit nicht durch den mathematischen Maßstab H erfasst werden. Wenn nach Bateson Unterschiede, die einen Unterschied machen, Information sind, dann ist diese Information nicht in H abbildbar. Die quantitative Zunahme von Negentropie lässt sich möglicherweise vorherberechnen, nicht aber die in diesem autopoietischen Akt entstehende Figur. Wir haben also einen Übergang von Quantität zur Qualität, der in der Maßzahl für die Entropie des Systems nicht zum Ausdruck kommen kann. Das Durchschütteln (physikalisch ungerichtete Energie) erweist sich als ein poietischer Akt, der die Autopoiese des Systems anregt. Metaphorisch gesprochen, sind im Inneren des Systems Dämonen am Werk.

Einzelnachweise

  1. ↑ Heinz von Foerster, "Über selbst-organisierende Systeme und ihre Umwelten", in: Ders., Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie, Braunschweig 1985, S. 115-130.
  2. ↑ a.a.O., S. 126.
  3. ↑ a.a.O.