Wächter: Unterschied zwischen den Versionen

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== Portier ==
Türen sind flexible architektonische Elemente, die Wände reversibel gestalten. Indem sie Räume temporär öffnen und schließen, schützen sie aber nicht nur vor Zugluft und helfen im Winter die Wärme im Haus zu bewahren: von einem Pförtnern, Portier oder Concierge bedient oder von Schloss und Riegel gesichert, trennen sie innen von außen und schaffen eine Unterscheidung zwischen privat und öffentlich, arm und reich, zwischen Arbeitenden von Arbeitslosen, erwünschten und unerwünschten Gästen. Der Wächter macht die Türe wie bei Kafka (1) zu einer Schicksalspforte, die Unterscheidungen in Form von Hierarchien und Differenzen konstruiert. Wie der [[Maxwell'scher Dämon | Maxwell'sche Dämon]] sorgen Türen und ihre Wärter für Asymmetrie, die auf die Herstellung oder Aufrechterhaltung von Ordnung, Energie und Information zielt. Türen in Verbindung mit Portieren oder technischen Überwachungs- und Sicherheitssystemen sind architektonische und soziale [[Dämon | Dämonen]], die Zu- und Verteilungen von Menschen, deren Rechten und Möglichkeiten regulieren.
== Polizist ==
== Polizist ==
Der Polizist ist ein Wächter der Ordnung, ein Exekutivbeamter, der die Einhaltung von Regeln und Gesetzen überwacht und vollstreckt. Er perlustriert verdächtige Individuen, sorgt für Zu- und Verteilungen im Verkehrsfluss, misst die Geschwindigkeit von Fahrzeugen. Auf Ebene er Thermodynamik entspricht ihm der [[Maxwell'scher Dämon | Maxwell'sche Dämon]], der physikalische Unterscheidungen trifft und molekulare Ordnung stiftet. Der Polizist ist sein staatliches Äquivalent, der Delinquente von rechtschaffenden Bürgern trennt und gegen den entropischen Verlust gesellschaftlicher Werte angeht. Im Unterschied zum Maxwell'schen Dämon resultiert aus seinem Handeln aber keine neue Energie und Information, sondern die Erhaltung des Status quo. Der Polizist kommt daher niemals mit der Thermodynamik in Konflikt, er kreiert kulturell und sozial nichts Neues und operiert deterministisch. Insofern gleicht er in seinem Bemühen dem [[Laplace'scher Dämon | Laplace'schen Dämon]], der das Verhalten sozialer Teilchen vorherbestimmt oder im Nachhinein aufklärt. Technisch ist der Verkehrspolizist durch Ampeln, Radarautomaten, Schrankenanlagen oder Fahrbahnschwellen ersetzbar.
Der Polizist ist ein Wächter der Ordnung, ein Exekutivbeamter, der die Einhaltung von Regeln und Gesetzen überwacht und vollstreckt. Er perlustriert verdächtige Individuen, sorgt für Zu- und Verteilungen im Verkehrsfluss, misst die Geschwindigkeit von Fahrzeugen. Auf Ebene er Thermodynamik entspricht ihm der [[Maxwell'scher Dämon | Maxwell'sche Dämon]], der physikalische Unterscheidungen trifft und molekulare Ordnung stiftet. Der Polizist ist sein staatliches Äquivalent, der Delinquente von rechtschaffenden Bürgern trennt und gegen den entropischen Verlust gesellschaftlicher Werte angeht. Im Unterschied zum Maxwell'schen Dämon resultiert aus seinem Handeln aber keine neue Energie und Information, sondern die Erhaltung des Status quo. Der Polizist kommt daher niemals mit der Thermodynamik in Konflikt, er kreiert kulturell und sozial nichts Neues und operiert deterministisch. Insofern gleicht er in seinem Bemühen dem [[Laplace'scher Dämon | Laplace'schen Dämon]], der das Verhalten sozialer Teilchen vorherbestimmt oder im Nachhinein aufklärt. Technisch ist der Verkehrspolizist durch Ampeln, Radarautomaten, Schrankenanlagen oder Fahrbahnschwellen ersetzbar.

Version vom 6. Mai 2010, 15:46 Uhr

Portier

Türen sind flexible architektonische Elemente, die Wände reversibel gestalten. Indem sie Räume temporär öffnen und schließen, schützen sie aber nicht nur vor Zugluft und helfen im Winter die Wärme im Haus zu bewahren: von einem Pförtnern, Portier oder Concierge bedient oder von Schloss und Riegel gesichert, trennen sie innen von außen und schaffen eine Unterscheidung zwischen privat und öffentlich, arm und reich, zwischen Arbeitenden von Arbeitslosen, erwünschten und unerwünschten Gästen. Der Wächter macht die Türe wie bei Kafka (1) zu einer Schicksalspforte, die Unterscheidungen in Form von Hierarchien und Differenzen konstruiert. Wie der Maxwell'sche Dämon sorgen Türen und ihre Wärter für Asymmetrie, die auf die Herstellung oder Aufrechterhaltung von Ordnung, Energie und Information zielt. Türen in Verbindung mit Portieren oder technischen Überwachungs- und Sicherheitssystemen sind architektonische und soziale Dämonen, die Zu- und Verteilungen von Menschen, deren Rechten und Möglichkeiten regulieren.

Polizist

Der Polizist ist ein Wächter der Ordnung, ein Exekutivbeamter, der die Einhaltung von Regeln und Gesetzen überwacht und vollstreckt. Er perlustriert verdächtige Individuen, sorgt für Zu- und Verteilungen im Verkehrsfluss, misst die Geschwindigkeit von Fahrzeugen. Auf Ebene er Thermodynamik entspricht ihm der Maxwell'sche Dämon, der physikalische Unterscheidungen trifft und molekulare Ordnung stiftet. Der Polizist ist sein staatliches Äquivalent, der Delinquente von rechtschaffenden Bürgern trennt und gegen den entropischen Verlust gesellschaftlicher Werte angeht. Im Unterschied zum Maxwell'schen Dämon resultiert aus seinem Handeln aber keine neue Energie und Information, sondern die Erhaltung des Status quo. Der Polizist kommt daher niemals mit der Thermodynamik in Konflikt, er kreiert kulturell und sozial nichts Neues und operiert deterministisch. Insofern gleicht er in seinem Bemühen dem Laplace'schen Dämon, der das Verhalten sozialer Teilchen vorherbestimmt oder im Nachhinein aufklärt. Technisch ist der Verkehrspolizist durch Ampeln, Radarautomaten, Schrankenanlagen oder Fahrbahnschwellen ersetzbar.

Gendarm

Der Latour'sche Dämon am Beispiel einer Fahrbahnschwelle, auch "schlafender Gendarm" genannt

In Die Hoffnung der Pandora beschreibt Bruno Latour anhand der Fahrbahnschwelle, die in Frankreich "schlafender Gendarm" genannt wird, die Überquerung der Grenze zwischen Zeichen und Dingen. Sie ersetzt Verkehrszeichen und Warntafeln in eine Handlung und schafft eine "Veränderung der Ausdrucksmaterie". Techniken sind nach Latour "Gestaltveränderer", die "einen Haufen feuchten Betons in einen Gendarmen" verwandeln und "einem Polizisten die Dauerhaftigkeit und Hartnäckigkeit von Stein" verleihen.[1] Die Bodenschwelle versammelt unterschiedliche Handlungsprogramme: die Moral (Fahre langsam und gefährde nicht andere!), die Verkehrskontrolle und den Polizisten, den Fahrer, der an die Stoßdämpfer seines Fahrzeugs denkt, die Anrainer, die sich um ihre Kinder sorgen, das Gesetzeswerk der Straßenverkehrsordnung, die Techniken und Normen der Automobil- und Straßenbauingenieure, politische Entscheidungen und dergleichen mehr. Durch dieses versammelte "Kollektiv" aus Menschen, Dingen und Programmen wird eine Handlung formiert. Der "schlafende Gendarm" wird zu einem Aktanten, in dem sich Menschliches und Dingliches mischt. "Die Menschen sind nicht mehr unter sich. Wir haben schon zu viele Handlungen an andere Aktanten delegiert, die nun unsere menschliche Existenz teilen. (...) Letzten Endes besteht die Straßenschwelle eben doch nicht aus Materie; sie steckt voller Ingenieure und Rektoren und Gesetzgeber, deren Willen und Geschichten hier untrennbar verwoben sind mit denen von Kies, Beton, Farbe und statistischen Berechnungen. In diesem blinden Fleck, in dem Gesellschaft und Materie ihre Eigenschaften austauschen, findet die Vermittlung, die technische Übersetzung statt, die ich zu verstehen suche." In dieser Zone, in der Eigenschaften des Menschen verdinglicht werden bzw. der Polizist zu Asphalt wird und umgekehrt, resultieren rekursive Verschachtelungen von Subjekt und Objekt. Es entstehen Dämonen, die nicht aus einer Schattenwelt in den Alltag hereinbrechen, sondern den Alltag bedingen. Sie sind Teil unseres Denkens und Handelns, ohne dass sich notwendigerweise Formen der Besessenheit, der Entfremdung oder des Fetischismus einstellen müssen. Der "schlafende Gendarm" als Aktant, ist gleichzeitig das passive Produkt und der aktive "Automat" von Zu- und Verteilungen innerhalb von Handlungsschemata. Damit gelingt Latour die Beschreibung kultureller Artefakte auf einer intersubjektiven Ebene, auf der das Verhältnis zwischen Menschen und Dingen, Werkzeugen, Maschinen, Arbeitsumwelten etc. bei weitem nicht sauber und rein geklärt ist, wie es vordergründig den Anschein nimmt. Die Dämonen stecken in allen Artefakten, sind von einer "omnipräsenten Latenz" und beeinflussen als Handlungsprogramme und Alltagsroutinen den Lebensablauf.

Einzelnachweise

  1. ↑ Bruno Latour, Die Hoffnung der Pandora, Frankfurt a. Main 200, S. 231.

Literatur

Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Frankfurt a. Main 1998.

Bruno Latour, Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Frankfurt a. Main 2001.