Big Data
Aus Daimon
Erinnern

Das Datenvolumen wächst exponentiell und damit auch die Obsession des Sammelns und Verarbeitens. Je nach Schätzung verdoppelt sich das Datenaufkommen alle zwei Jahre. Alleine im festverkabelten, öffentlichen Internet ohne Mobilfunknetze sowie Netzen von Firmen, Finanzwirtschaft und Geheimdiensten beträgt es derzeit (2012) täglich annähernd ein Exabyte, was einer Milliarde Gigabyte oder der 2500-fachen Datenmenge aller 130 Millionen Bücher, die je gedruckt wurden, entspricht. In der Welt der Exa-, Zetta- und Yottabytes[1] herrschen verschärfte Bedingungen der Zu- und Verteilung von Information, weswegen es spezieller algorithmischer Dämonen und großer Wirtsrechner (Hosts) bedarf.[2] Sniffer-Software und Harvester- Crawler geistern als gierige Daemons durchs Internet und sammeln Daten, die von Korrelationsalgorithmen zu Profilen synthetisiert werden.[3] Profile zeichnen von den Nutzern schattenhafte Doppelgänger, die selbst nach dem biologischen Tod als Wiedergänger und Untote im Netz weiterleben. Gleichzeitig bestimmen PageRank- Algorithmen die Aufmerksamkeit und Präsenz von Inhalten, Themen, Produkten und Personen. Zusammen prägen die Phänomene gleichzeitig das kulturelle Bewusstsein als auch das individuelle Unbewusste: Das Ich kann sich selbst googeln, aber seine verborgenen Profile nicht einsehen. Echelon und Patriot Act wirken mittlerweile nostalgisch, denn längst ist eine Verdoppelung von Welt und Personen entstanden, die jene von Borges erzählte Geschichte Von der Strenge der Wissenschaft und dem Volk der Kartographen übertrifft.[4]
Vergessen
Datenzentren wachsen wie Pilze aus dem Boden, deren Hyphen und Myzelien in Form von Leitungen und Übertragungstrukturen, Knoten und Routern bis hin zu den Endgeräten sowie den unzähligen datenliefernden Sensoren, Kameras und Mikrofonen ein verteiltes und weitgehend unsichtbares Netzwerk bilden. Im Unterschied zu elektronischen Netzwerken fungieren aber Pilze als Destruenten. Sie akkumulieren nicht Daten, sie bauen organisches Material ab und bereiten neuen Boden. Zwar unterliegen digitale Speichermedien wie alle Aufschreibemedien der Entropie, aber unter dem Aspekt der Sicherheit werden Daten zum einen redundant aufbewahrt, gespiegelt und geklont und zum anderen aus Gründen von Marketing und Überwachung akkumuliert. Deswegen spielen im Zuge von Big Data Phänomene des sogenannten Data-Exhaust (Datenabgase) eine zentrale Rolle. Die Infosphäre leidet wie die Ökosphäre an massiven Emissionsproblemen, woraus sich die Frage ableitet, ob Daten ein Verfallsdatum brauchen. Sollen Daten wie das fallende Laub im Herbst zum Humus der Kultur für neuewachsende Information (Vgl. Internet Image Decay Project) Bedarf es neben den Ordnungs-Dämonen des Sammelns, Analysierens und Korrelierens auch Dämonen der Unordnung und Entropie - oder liegt gerade im Nichtvergessen der Schlüssel zu einer neuen Kultur?
Transparenz
Das "Recht auf informationelle Selbstbestimmung" erfährt bei Anhängern der Postprivacy-Bewegung eine hypertrophe Auslegung. Angesichts der unaufhaltsam voranschreitenden Überwachungstechnologie, wird eine Flucht nach vorne in Form einer Überwachung aller durch alle propagiert. Dies soll zur Demokratisierung der Überwachung, Auflösung asymmetrischer Machthierarchien und einer neuen Transparenz der Gesellschaft führen. Das Nutzer setzt seinen virtuellen Doppelgänger nicht auf Diät, indem er möglichst wenig Spuren zu hinterlassen versucht, sondern füttert die Systeme mit zusätzlicher Information. Freiwillig werden Techniken des Self-Tracking, Life-Hacking und Quantified Self als neoliberale Selbstoptimierung der körperlichen Fitness und Arbeitseffizienz erprobt, um die eigene Biografie als Leistungskurve und statistische Größe sichtbar zu machen. Wieviele Zeichen getippt, Seiten gelesen, E-mails geschrieben, Schritte gegangen oder Kalorien verbraucht wurden, korrelieren in einem "Armaturenbrett" des Selbst. Foucaults "Techniken des Selbst" kommen in ein neues Stadium und stellen einen selbstauferlegten Taylorismus für alle in allen Lebensbereichen in Aussicht. Der virtuelle Doppel- und Widergänger wird zum perfekten Alibi für alle Verdächtigungen von Außen, aber auch für die Defizite der psychischen Innenwelt. Aber was wäre eine Gesellschaft ohne Möglichkeit der Lüge, ohne Lücke und Eingeständnis von Nichtwissen anderes als eine verlogene Alibi-Gesellschaft: "Das Wort Glück rührt im Übrigen von der Lücke her. Auf Mittelhochdeutsch heißt es noch gelücke. So wäre die Gesellschaft, die keine Negativität der Lücke mehr zuließe, eine Gesellschaft ohne Glück. (…) Und ohne Wissenslücke verkommt das Denken zum Rechnen."(Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft, Berlin 2013, S. 11.)
Einzelnachweise
- ↑ Ein Exabyte entspricht einer Milliarde Gigabytes, Zettabytes sind 1000 Exabytes und Yottabytes entsprechen einer Million Exabytes.
- ↑ Das Utah Data Center der NSA setzt beispielsweise leistungsstarke Cray XC30 ein. Google basiert dagegen auf preiswerten Standardkomponenten in Form IBM-kompatibler Personal Computer.
- ↑ Beispielsweise hat Acxiom in Little Rock im US-Bundesstaat Arkansas eine Datenbank mit über 500 Millionen Konsumentenprofilen auf über 23.0000 Servern aufgebaut. Die Korrelation von Daten wie Alter, Geschlecht, Größe, Gewicht, Bildung, Zahlungsverhalten ist in den USA legal.
- ↑ Vgl. Jorge Luis Borges, "Von der Strenge der Wissenschaft", in: ders., Borges und ich. Gesammelte Werke. Band 6, München 1982, S. 121.