Entfremdung

Aus Daimon

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Dämonie

Entfremdung bezeichnet den Zustand einer Störung des Verhältnisses zu sich selbst, zu anderen Menschen, zur Arbeit oder zu Objekten und Umwelten. Als Wirkung der Dämonie wird sie als Unterminierung des freien Willens und der autonomen Lebensführung empfunden. Sie entwickelt sich durch das Gefühl, von fremden Mächten bestimmt oder besessen zu sein und geht mit Identitätsverlust einher. Die Dämonie (daimonia, fremde Kraft) ist eine bedrohliche Macht, die von einem Wesen, Objekt oder System ausgeht und ihr ausgelieferte Subjekte in Besitz nimmt und beherrscht. Folge der Dämonie ist die Empfindung der Besessenheit, das Gefühl, von einer fremden Macht kontrolliert und bestimmt zu werden. Ein kritisches Verhältnis zum "Dämon" setzt die Unterscheidung zwischen dem Eigenen und Fremden voraus, um psychisch - aber auch politisch - die Dämonie als fremde Macht zu dekonstruieren.

Arbeit im Kapitalismus

In der Maschinenstürmerei werden Maschinen als Objekte und Systeme der Arbeit dämonisch personifiziert und für die Empfindung der Entfremdung verantwortlich gemacht. Die Unterscheidung zwischen Medium und Form wird aufgehoben und die psychischen und sozialen Bedingungen der Arbeit werden verdinglicht. Unabhängig vom sozialen Nutzen technologischer Innovation wird beispielsweise in den Weberaufständen die Maschine zum Dämon der Entfremdung. Im Marxismus ist Entfremdung ein zentraler Kritikpunkt am Kapitalismus, da der Mensch durch Arbeitsprozesse, die an Effizienzsteigerung und Mehrwertoptimierung orientiert sind, vom Produkt seiner Arbeit und von sich selbst entfremdet wird.

Nach Marx liegt in der Arbeitsteilung der Wesensgrund für die Entfremdung. Die Logik der Fabrikorganisation, aus der sich der spätere Taylorismus entwickelt, degradiert den Menschen zum Automaten und erzeugt die Dissoziation von der eigenen Identität, den jeweiligen Fähigkeiten und spezifischen Lebenskonzepten. Durch die Ausblendung ökonomischer und politischer Kontexte erfolgt ein Populismus des reaktionären Bewusstseins, das eine Dämonisierung der Maschine in Form der Entfremdung durch Arbeit charakterisiert. Hier setzt der Begriff der Entfremdung bei Marx oder die Heidegger‘sche Kritik an der Moderne als Seinsvergessenheit an. Für Marx sind nicht die Maschinen an sich für die Entfremdung des Arbeiters verantwortlich, sondern jene materiellen Kräfte, die sich dem Verständnis von Freiheit historisch entgegenstellen. Marx adaptiert Hegels Begriff der Entfremdung, indem der Mensch frei erscheinen könne, auch wenn er in Wirklichkeit in Ketten liege. Aufgrund der herrschenden Ideologie sei sich der Arbeiter seiner Entfremdung nicht bewusst. Der von der Frankfurter Schule geprägte Begriff des "falschen Bewusstseins" steht hier in einem Nahverhältnis und bezeichnet Stadien der Entfremdung und Manipulation - etwa durch Politik und Konsumismus -, die von den Menschen selbst nicht erkannt werden. Dieser Zustand der Entfremdung ist integraler Bestandteil einer Kritik der 1968er Generation und u.a. zentrale These von Guy Debords "Die Gesellschaft des Spektakels".

Die Maschine als Dämon

Die Androide Maria in Fritz Langs Metropolis als Symbol des dämonischen Götzendienstes im Industriezeitalter.

Die moderne Gesellschaft und Industriekultur ist eine von dämonischen Energien getriebene Maschinerie. Die willenlose Preisgabe an höhere Mächte, Idolatrie, Götzendienst, Fetischismus und rituelle Opferung bilden die Tiefenstruktur kapitalistischer Produktivkräfte. In der filmischen Dystopie Metropolis (1927) von Fritz Lang werden Dämonie und Entfremdung der versklavten Arbeiter im Regime eines totalitären Kapitalismus exemplarisch mit Mustern archaischer Religionsformen vorgeführt. Als der Protagonist in den unterirdischen Industrieanlagen eine gigantische Maschine erblickt, an der die Arbeiter im Sinne von Marx als "Anhängsel" werken, wandelt sich in einer Vision die metallische Form zur Fratze eines gigantischen Dämons, der die Arbeiter verschlingt. Der arbeitende Mensch wird von der Maschine verzehrt; seine körperlichen Kräfte, seine Lebenszeit und psychische Energie werden ihm parasitär ausgesogen, bis eine leere, zombihafte Hülle bleibt. Der engelhafte Gegenpol der dämonischen Maschine, der zum Hoffnungsträger der Arbeiterklasse wird, ist Maria. Ihr Körper wird jedoch von den Machthabern in Form eines Androiden gedoubelt, um den Einfluss zu wahren. Der Roboter wird zum fetischisierten Kultobjekt der Faszination und Verehrung der Arbeiter, wodurch deren Hoffnung auf Befreiung getäuscht und der Status bestehender Sozial- und Produktionsverhältnisse gefestigt wird. Die Dämonie findet auf doppelte Weise, bewusst und unbewusst, psychisch und physisch, sowohl durch Besessenheit "böser" als auch vermeintlich "guter" Dämonen statt, was strukturell der Entfremdung bei Marx entspricht. Metaphorisch auf den Warenfetischismus umgelegt, entfremdet sich der Mensch bei der Produktion von Gütern bewusst, bei deren verlockendem Konsum unbewusst.