Heidegger, Martin

Aus Daimon

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In seiner Parmenides-Vorlesung erläutert Martin Heidegger das Wesen des Dämonischen bei den Griechen. Kein in der Brust hausender Geist und keine christlich gedachte Vorstellung herumflattender böser Gesellen wird der griechischen Auffassung gerecht, sondern das Dämonische wird mit dem Wesen des Philosophischen identifiziert. Heidegger zitiert eingangs seines Exkurses über das Dämonische Aristoteles: " Platons Schüler Aristoteles erwähnt einmal Eth. Nic., Z 7, 1141 b 7ff. die Grundauffassung, die stets innerhalb des Griechentums die Ansicht über das Wesen der Denker bestimmt: (...) Man sagt, sie (die Denker) wissen zwar Überschwengliches und also Erstaunliches und somit Schwieriges und deshalb 'Dämonisches', aber dies sei auch das Unbrauchbare, weil sie nicht das suchen, was so geradehin nach der Menschen Meinung für den Menschen das Taugliche ist.'"[1] Der anklingende Vorwurf scheint zunächst vertraut, denn die Bezichtigung der Praxisferne findet sich epochenübergreifend in der Philosophiegeschichte. Aber gerade aus der Distanz zum alltäglichen Sein, erscheint nach Heidegger für die Griechen das Wissen über das "Dämonische" für die "wesenhafte Not der Menschen" existentiell. Die Philosophen wissen das "Dämonische", das jenes Wissen umfasst, das nicht unmittelbarer Teil des Lebens ist, und außerhalb der zweckmäßig orientierten Wirklichkeit steht. Abseits der Philosophie und des Dämonischen bleibt das Wissen "in den Grenzen des Seienden, Wirklichen, der vielberufenen 'Tatsachen'" im "Geheuren": "Wo dagegen das Sein in den Blick kommt, da meldet sich das Nicht-Geheure, das "über" das Geheure wegschwingende Überschwängliche, das durch die Erklärungen aus dem Seienden nicht Erklärbare".[2] Heidegger rechnet das Dämonische nicht dem Ungeheuren zu, welches Teil des Geheuren ist, er nennt es vielmehr "das Un-geheure", eine von außerhalb des Geheuren einwirkende Instanz. "Das Un-geheure ist das Einfache, Unscheinbare, (...) allen Künsten der Rechnung Sichentziehende", denn "das Erstaunliche ist für die Griechen das Einfache, Unscheinbare, das Sein selbst." Das Un-geheure gehört unmittelbar zum Geheuren, ohne aus ihm erklärt werden zu können. Damit übersetzt Heidegger "das Dämonische" durch "das Un-geheure" - in weiterer Folge das "Un-auffällige", "Einfache", "Un-scheinbare" -, weil dieses das Wesen des Daimonion hat. In diesem Sinn ist das Daimonion das "Natürlichste" im Sinne der griechisch gedachten "Natur". Die "Dämonen" sind nach der dunstigen Vorstellung vom "Dämonischen" verstanden ganz "undämonisch", aber dennoch alles andere als "harmlos" und "beiläufig". "Das sind nicht 'Dämonen' als herumflatternde böse Geister, sondern die im voraus das Geheure bestimmenden, aber dem Geheuren selbst nie entstammenden, in das Geheure herein Wirkenden und Zeigenden."[3] Die Daimones sind "dämonischer" als alle sonstigen Dämonen je sein können und wesenhafter als jedes Seiende vom Furchtbaren und Schrecken bis zur Freude und Ehrfurcht.

Einzelnachweise

  1. Martin Heidegger, Gesamtausgabe, II. Abteilung: Vorlesungen 1923-1944, Band 54 Parmenides, S. 148.
  2. Martin Heidegger, Gesamtausgabe, II. Abteilung: Vorlesungen 1923-1944, Band 54 Parmenides, S. 149.
  3. Martin Heidegger, Gesamtausgabe, II. Abteilung: Vorlesungen 1923-1944, Band 54 Parmenides, S. 151.


Literatur

David Farell Krell, Daimon Life. Heidegger and Life-Philosophy, Indiana 1992.