Freud, Sigmund

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In der Vorlesung "Widerstand und Verdrängung" entwirft Freud ein psychisches Raummodell, das an das Zweikammernmodell des Maxwell'schen Dämons erinnert: Das Unbewusste wird mit einem großen Vorraum, das Bewusstsein mit einem Salon verglichen. "Aber an der Schwelle zwischen beiden Räumlichkeiten walte ein Wächter seines Amtes, der die einzelnen Seelenregungen mustert, zensuriert und sie nicht in den Salon läßt, wenn sie sein Mißfallen erregen. (...) Wenn sie sich bereits zur Schwelle vorgedrängt haben und vom Wächter zurückgewiesen worden sind, dann sind sie bewußtseinsfähig; wir heißen sie verdrängt. (...) Das Schicksal der Verdrängung besteht (...) für eine einzelne Regung darin, daß sie vom Wächter nicht aus dem System des Unbewußten in das des Vorbewußten eingelassen wird."[1] Elisabeth Bronfen bemerkt dazu: "Der Wächter ist aber nicht das Über-Ich, denn der Salon steht unter der Ägide eines großen Auges, das von oben herabblickt. Dieses Auge als Über-Ich sieht aber nicht alles, nur Ausschnitte bis zur Schwelle, wo der Wächter steht. Der entscheidende Punkt am Freudschen Bild ist, dass der Wächter im Unterschied zum Maxwell’schen Dämon, dem Türsteher in der Physik, betrogen werden kann. Sind die verdrängten Triebe schlau genug, sich kluge Verkleidungen zu überlegen, gelangen sie mühelos über die Schwelle. Da der Wächter ausgetrickst werden kann oder manchmal schläft, handelt es sich um eine merkwürdige Überwachungsinstanz. Der Wächter ist eine Figur, die für Balance zwischen den zwei Räumen sorgt und eine Diffusion ermöglicht. Wäre die Türe fest verschlossen oder würde der Türsteher fehlerfrei arbeiten, würde Freuds System nicht funktionieren."[2]

Einzelnachweise

  1. Sigmund Freud, "Die Verdrängung", in: Ders., Gesammelte Werke X, Frankfurt a. Main, 1946, S. 305f.
  2. Elisabeth Bronfen: Künstler sind Kontingenzmaschinen