Kreativität

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Order from Noise

Heinz von Foerster, Abb. links: Ausgangsordnung vor der Intervention; Abb. rechts: Neu entstandene Ordnung nach der Intervention

In dem 1960 verfassten Aufsatz Über selbst-organisierende Systeme und ihre Umwelten[1] beschreibt Heinz von Foerster das Prinzip „order-from-noise“. In Abwandlung und Ergänzung Ernst Schrödingers Prinzip „Ordnung durch Ordnung“, das metaphorisch von der Ernährung des Organismus durch negative Entropie spricht, entwickelt Foerster die Hypothese eines sich selbst-organisierenden Systems, das sich durch "noise" (Störung) ernährt. Heinz von Foerster führt in Anlehnung an den Maxwell'schen Dämon eine Art "Kreativitäts-Dämon" als grundlegendes Handlungs- und Denkprinzip ein. Um die Wirksamkeit des Dämons zu illustrieren beschreibt Foerster ein Experiment, das in Kürze wie folgt abläuft: Zunächst wird eine Anzahl magnetisierter Würfel (alle Flächen Nordpol nach außen gerichtet) ohne Ordnungsprinzip in eine Kiste voller Glaskiesel – damit sich die Würfel darauf bewegen können – gelegt. Dann wird die Kiste geschüttelt, so dass sich die Würfel unter Reibung darauf bewegen (siehe Abb. links). Die Würfel ordnen sich entsprechend ihrer Abstoßungskräfte in der Kiste an. Die Entropie des Gesamtsystems bleibt konstant oder nimmt geringfügig zu. Wird jetzt im zweiten Teil des Experiments bei der Hälfte der Würfel die nach außen gerichtete Magnetisierung einer Fläche der Würfel verändert, diese in die Kiste zurückgelegt und wieder geschüttelt, dann wird sich mit überwältigender Wahrscheinlichkeit eine Paarung der unterschiedlich gepolten Würfel ergeben, bis fast alle gepaart sind. Nach dem Schütteln ist mehr Ordnung (Negentropie) entstanden, die Entropie des Systems hat sich gering verringert.

Im dritten Teil des Experimentes werden nur Würfel genommen, deren gegenüberliegende Flächen jeweils entgegengesetzt polarisiert sind. Diese werden wieder in die Kiste gelegt und diese wird erneut durchgeschüttelt. Als Ergebnis „findet sich, auch wenn Sie Ihren Augen kaum trauen, ein unglaublich geordnetes Gefüge, das sich (...) in einer Ausstellung surrealistischer Kunstwerke präsentiert“[2] werden könnte. Dem System wurde keine Ordnung zugegeben, sondern durch das Schütteln nur „billige ungerichtete Energie; dank der kleinen Dämonen in der Kiste wurden schließlich aber nur jene Störelemente ausgewählt, die zur Vergrößerung der Ordnung des Systems beitrugen.“[3].

Das Experiment verdeutlicht, dass als Ergebnis des Durchschüttelns bzw. der Zuführung von Störung (noise) eine neue Ordnung entsteht, die nicht vorhersehbar, berechen- oder determinierbar ist. Die Zuführung ungerichteter Energie erweist sich einerseits als destruktiv - die alte Ordnung wird zerstört -, aber wie von der unsichtbaren Hand eines Dämons geführt, kommt andererseits ein kreatives Konstruktionsprinzip zur Wirkung. Es gibt im Prinzip unendlich viele unterschiedliche Konstellationen, die dasselbe Maß an Entropie erfüllen, d.h. die in ihrer Unterschiedlichkeit nicht durch den mathematischen Maßstab H erfasst werden. Wenn nach Bateson Unterschiede, die einen Unterschied machen, Information sind, dann ist diese Information nicht in H abbildbar. Die quantitative Zunahme von Negentropie lässt sich möglicherweise vorherberechnen, nicht aber die in diesem autopoietischen Akt entstehende Figur. Wir haben also einen Übergang von Quantität zur Qualität, der in der Maßzahl für die Entropie des Systems nicht zum Ausdruck kommen kann. Das Durchschütteln (physikalisch ungerichtete Energie) erweist sich als ein poietischer Akt, der die Autopoiese des Systems anregt. Metaphorisch gesprochen, sind im Inneren des Systems Dämonen am Werk.

Einzelnachweise

  1. Heinz von Foerster, "Über selbst-organisierende Systeme und ihre Umwelten", in: Ders., Sicht und Einsicht. Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie, Braunschweig 1985, S. 115-130.
  2. a.a.O., S. 126.
  3. a.a.O.