Neokabbalismus

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The 3D gadget printer, University of California, Berkeley

In der Wortmagie des Kabbalismus begegnen uns Praktiken, bei denen das Sprechen einer Zauberformel Dinge hervorbringt oder verschwinden lässt. Im Bereich des Technischen müssen Worte nicht wesensidentisch mit Objekten gedacht werden, um Kopplungen des Alphanumerischen und Symbolischen mit dem Materiellen zu erzielen. Molekulare und genetische Schriften sprengen das Symbolische und zielen auf materielle Einschreibungen, die den Text oder Code verdinglichen und somit die beschriebene Sache generieren. Die Logik der Moderne ist von einer doppelten Buchführung geprägt, durch die Geschichten nicht nur im Buch der Natur gelesen, sondern auch geschrieben und neu erzählt werden können, was im Zeitalter von Bio-, Gen- und Nanotechnologie zunehmend bestimmend ist. Derartige Sprechakte mit John Austin als illokutionär oder perlokutionär zu fassen, greift zu kurz.[1] Bereits die algorithmische Formulierung eines Objektes in einem digitalen Code, der über die Steuerung einer Maschine das Objekt materialisiert, verlangt sprachphilosophisch nach einer neuen Kategorie. Deutlich wird das algorithmische Generieren von „Dingen“ durch „Worte“ am Beispiel von 3D-Druckern. Derartige Drucker übersetzen symbolische Codes in materielle dreidimensionale Formen. Insbesondere Gadget-printer, die nicht nur die Form, sondern auch die Funktion des Gegenstandes (siehe Abbildung) aus dem Symbolischen ins Materielle transferieren, nehmen im Kontext von Sprechakten eine Sonderstellung ein, indem Algorithmen physikalische und chemische Prozesse organisieren und Informationen durch materielle Einschreibungen unmittelbar verdinglichen. Da diese technische Einschreibungen von Symbolen in Materie der Wortmagie des Kabbalismus nahe stehen, können sie als neokabbalistisch bezeichnet werden.

Einfache Beispiele für neokabbalistische Textsorten, die selbstreferentiell die Anleitungen auf sich selbst bzw. den materiellen Träger der Information anwenden, stellen Schnittbögen für Papiermodelle dar. Die auf einem Blatt Papier gedruckte Information wird zur Anweisung, d.h. zu einer dämonischen Zu- und Verteilung, die das Papier faltet und zu einem dreidimensionalen Gegenstand transformiert. Der Dämon steckt somit als Programm in der Materie und kommt in einem techno-kabbalistischen Akt zur Entfaltung.

Einzelnachweise

  1. Vgl. John L. Austin, Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with Words), Stuttgart 1972.

Weblinks

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