Sprache

Aus Daimon

Wechseln zu: Navigation, Suche

Language is a virus from outer space.

William S. Burroughs


"Erklangen von deinen Lippen schon einmal unbekannte Worte, unwillkommene Fetzen eines absurden Satzes", fragt Stéphane Mallarmé am Anfang seines Gedichtes Le Démon de L'Analogie. Wenn Sprache als Medium und Programmcode des Denkens fungiert, drängt sich die Vermutung auf, dass Sprache selbst ein Dämon ist. Über die Verselbständigung von Sprache äußerte Wilhelm von Humboldt: „Denn so innerlich auch die Sprache durchaus ist, so hat sie dennoch zugleich ein unabhängiges, äußeres, gegen den Menschen selbst Gewalt ausübendes Dasein.“[1] Nach Novalis ist der "lächerliche Irrtum" zu bewundern, dass die Leute glauben, sie sprächen um der Dinge willen. "Gerade das Eigentümliche der Sprache, dass sie sich bloß um sich selbst bekümmert, weiß keiner."[2] Heidegger mutmaßte, dass die Sprache uns wie ein Virus oder Parasit als Wirt benutzt: „Inzwischen erhält sich vordergründig immer noch der Anschein, als meistere der Mensch die Sprachmaschine. Aber die Wahrheit dürfte sein, daß die Sprachmaschine die Sprache in Betrieb nimmt und so das Wesen des Menschen meistert.“[3] Merleau-Ponty schreibt: „Es gilt zu verstehen, dass die Dinge uns haben und nicht wir die Dinge haben. (...) Daß die Sprache uns hat und nicht wir die Sprache haben. Daß das Sein in uns spricht und nicht wir vom Sein sprechen."[4] Nach Umberto Eco spricht der Mensch nicht nur, er wird auch von der Sprache gesprochen, womit das System der Sprache uns als Geist konstituiert.[5] Das Theorem einer Sprache als parasitäre Entität, die das Leben absorbiert und gespenstisch werden lässt, findet sich auch bei Blanchot und Lacan. Auf die écriture automatique bezugnehmend schreibt Blanchot in seinen "Überlegungen zum Surrealismus" (1949), dass die Sprache nicht Rede, sondern Wirklichkeit selbst ist: "die Sprache verschwindet als Instrument, aber deswegen, weil sie selbst Subjekt geworden ist." Die Wörter "handeln auf eigene Faust, sie spielen und, wie Breton sagt, sie 'sie machen Liebe'". Die Sprache verwandelt sich animistisch vom Objekt zum Autor und die Buchstaben gewinnen ein Eigenleben: "sie bewegen sich, haben eigene Ansprüche, ja sie beherrschen uns."[6] Nach Lacan bewohnt der Mensch zwar die Sprache, aber die Sprache bewohnt auch den Menschen und zuweilen ist der Mensch das von der Sprache in Besitz genommene und gefolterte Subjekt. Er unterscheidet zwei Subjekttypen: "… der Neurotiker bewohnt die Sprache, der Psychotiker wird von der Sprache bewohnt, besessen."[7]

Gespenstische Einflüsterungen, schizophrene Diskurse sowie eine Verselbständigung der Rede finden sich desweiteren in Erzählungen insbesondere ab dem 19. Jahrhundert u.a. bei E.T.A. Hoffmann, E. A. Poe, Henry James, Mallarmé, Fritz Mauthner, Hofmannsthal, Musil, Jeff Noon oder Yoko Tawada.[8] Hofmannsthal vermerkt: "Für gewöhnlich stehen nicht die Worte in der Gewalt des Menschen, sondern die Menschen in der Gewalt der Worte."[9] Und Mallarmé notiert, man müsse als Dichter verschwinden und "den Worten die Initiative überlassen".[10]


Einzelnachweise

  1. Wilhelm von Humboldt, Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts, Paderborn 1998, S. 180.
  2. Novalis, "Monolog", in: Novalis, Schriften, Bd. II: Das philosophische Werk 1, S. 672.
  3. Martin Heidegger, Hebel. Der Hausfreund, Pfullingen 1991, S. 28.
  4. Maurice Merleau-Ponty, Phänomenologie der Wahrnehmung, Berlin/New York 1966, S. 249.
  5. Vgl. Umberto Eco, Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte, Frankfurt 1977, S. 165.
  6. Maurice Blanchot, "Überlegungen zum Surrealismus", in: Peter Bürger (Hg.): Surrealismus, Darmstadt 1982, S. 37-50. Vgl. weiters Maurice Blanchot, "Die Literatur und das Recht auf den Tod", in: Ders., Von Kafka zu Kafka, Frankfurt a. M. 1993, S. 32 ff.
  7. Jaques Lacan, Le S'eminaire III, Les Psychoses, Paris 1981, S. 276. Vgl. weiters Walter Seitter,"Psychologie, Topologie, Dämonologie", in: ders. Jaques Lacan und, Berlin 1984, S. 33ff.
  8. Vgl. Monika Schmitz-Emans: " Gespenstische Rede", in: Moritz Baßler, Bettina Gruber, Martina Wagner-Egelhaaf (Hg.): Gespenster: Erscheinungen, Medien, Theorien, Würzburg 2005, S. 229-251.
  9. Hugo von Hofmannsthal, "Eine Monographie", in: ders.: Reden und Aufsätze, Bd. 1, S. 480.
  10. Vgl. Stéphane Mallarmé, "Crise de Vers", in: Euvre complètes, hg. v. Henri Motor und G. Jean Aubry, Paris 1945, S. 366.