Werkberichte

Aus Daimon

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Ethos Anthropo Daimon (Des Menschen Eigenart/Wohnung ist sein Dämon/Schicksal)

Heraklit (Fragment 119)


Im Rahmen der Seminarreihe Werkberichte am Institut für Gestaltung: Studio 1 der Universität Innsbruck diskutierte Thomas Feuerstein im Wintersemester 2006/07 Dämonen der Architektur.

In der griechischen Literatur und Philosophie – von Homer bis Platon – stand „Daimon“ bzw. Dämon für ein Wesen, das dem Menschen sein Schicksal zuteilt. Die Wahl des richtigen Dämons entschied über Ordnung oder Chaos, Glück oder Unglück. Dämonen ziehen sich bis heute durch die abendländische Philosophie, spuken seit der Renaissance als Geniekult umher und prägen den Mythos des obsessiven Künstlers, um ab dem 19. Jahrhundert in der Physik und im 20. Jahrhundert in der Informatik aufzutauchen. Dämonen werden zu Handlungsroutinen, Strukturen, Mustern, Plänen und Algorithmen.

Architekturen können in diesem Kontext als materialisierte Dämonen begriffen werden, die individuelle und gesellschaftliche Befindlichkeiten organisieren. Architektonische Dämonen strukturieren Wirklichkeiten, indem sie Körper und Menschenmengen, Energie und Information in Raum und Zeit zu- und verteilen. Wenn Gebäude zunehmend den Fruchtkörpern eines Pilzes gleichen, deren vernetztes „Myzel“ in Form von Verkehrswegen, Leitungen und Informationsnetzen Millionen von Menschen versorgt und verbindet, aktualisiert sich die dämonische Frage der Zu- und Verteilung im Zusammenhang automatisierter, d.h. „dämonischer“ Systeme.

Die Lehrveranstaltung diskutierte Entwurfs- und Planungsdämonen sowie real gebaute architektonischen Dämonen in informationstechnischen, soziologischen, ästhetischen und medientheoretischen Zusammenhängen: Wie verschaltet und vernetzt Architektur Individuen untereinander und wie formieren sich in ihr Sozietäten? In welche Dimensionen dehnen sich Gebäude zukünftig aus und wie verweben sich elektronische Räume mit dem physikalischen Raum?