Archetypus

Aus Daimon

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Ob ich nun an einen Dämon des Luftreichs glaube oder an einen Faktor im Unbewußten, welcher mir einen teuflischen Streich spielt, ist völlig irrelevant. Die Tatsache, dass der Mensch von fremden Mächten in seiner eingebildeten Einheitlichkeit bedroht ist, bleibt nach wie vor dieselbe.[1]

C.G. Jung


Mit Archetypen verbindet C.G. Jung im Unbewussten angesiedelte Urbilder und Vorstellungsmuster. Die sowohl im kollektiven als auch im individuellen Unterbewusstsein auftretenden archetypischen Wirkmächte weisen eine Verwandschaft mit Dämonenkonzepten auf. Vergleichbar dem Sokratischen Daimonion sieht Jung den Individuationsprozess im Vorhandensein einer inneren Stimme, die sich als Charakter und Bestimmung manifestiert. Unter den jungianischen Psychologen verfolgt James Hillman die Jungsche Auffassung eines "persönlichen Daimon", den er auch im Sinne der römischen Tradition als Genius oder der christlichen als Schutzengel identifiziert und mit heute gebräuchlichen Begriffen wie Herz, Geist und Seele in Verbindung setzt. Hillman, der sich unmittelbar auf Sokrates und Platon bezieht, entwickelt in seiner "Eicheltheorie" die Vorstellung, dass die persönliche Entwicklung dem einzelnen Menschen von Anbeginn als Bild oder Archetypus in Form eines Charakters mitgegeben sei. Wie der Bauplan einer Eiche bereits in die Eichel "eingefaltet" ist, wirkt der innere Daimon auf die charakterliche Entfaltung des Individuums. Schreckt die Seele vor der Größe der Aufgabe und Berufung zurück, kann dies zu neurotischen Symptomen führen. Nicht Störungen der zurückliegenden biographischen Geschichte sind die Ursache seelischer Erkrankungen, sondern die Angst vor der zukünftigen, unbewusst gefühlten Bestimmung. Obgleich Hilmans "Eicheltheorie" im krassen Widerspruch mit anderen Theorien steht und an überkommene Konzepte von Entelechie, Schicksal und göttlicher Bestimmung erinnert, aktualisiert er den griechischen Daimon im psychologischen Diskurs: "So long as our theories deny the daimon as instigator of human personality, and instead insists upon brain construction, societal conditions, behavioral mechanisms, genetic environments, the daimon will not go gently into obscurity." [2]


Einzelnachweise

  1. Carl G. Jung, Archetypen, Düsseldorf 1980, S. 118.
  2. James Hillman, The Soul’s Code, New York 1996, S. 243.