Heiliger Geist

Aus Daimon

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El Greco, Ausgießung des Heiligen Geistes, Öl auf Leinwand, Museo del Prado, Madrid

Atem und Pneuma

In den Heiligen Schriften des Judentums und Christentums (Tanach, Altes Testament) wird der Heilige Geist in Tradition sumerischer Luft- und Winddämonen als "Gottesatem" beschrieben.[1] Der Atem haucht Leben in die Materie und stellt ein universelles Prinzip der Schöpfung dar. In diesem Sinn steht Pneuma Konzepten von Anima und Seele nahe und beschreibt den "Lebenshauch", der alle Wesen, insbesondere alles Animalische zum Leben erweckt.

Ebenso galt bei den Stoikern der Atem als ein heiliger Geist. Das stoische pneuma steht dabei dem sokratischen und platonischen Daimon nahe. Seneca und Lucilius diente das Pneuma als innerer Wächter, der den Philosophen vor zerstreuenden Einflüssen, ablenkenden Verlockungen, Lastern und Trieben bewahrt. Wie ein imaginärer Doppelgänger begleitet dieser Geist den Menschen in der Einsamkeit. Mit ihm hält der Philosoph Zwiegespräche und entwickelt seine Gedanken ohne dabei in Schizophrenie und Wahnsinn abzugleiten. Im XXV. Brief an Lucilius schreibt Seneca: "Es nützt ohne Zweifel, einen Wächter sich zu setzen und jemanden zu haben, auf den du blickst, der an deinen Erwägungen teilnimmt, wie du weißt. Das freilich ist bei weitem großartiger, so zu leben, als wie unter eines guten Mannes und stets gegenwärtigen Augen; aber ich bin auch damit zufrieden, daß du so handelst - was immer du tust -, als schaue jemand zu: zu allem Schlechten beredet uns die Einsamkeit.[2]

Sprache

Im neutestamentarischen, christlichen Verständnis spricht Gott durch den Heiligen Geist, der in den Propheten fährt und ihn wie ein Parasit befällt. Diese Vorstellung beruht auf Paulus, der die Macht des Heiligen Geistes predigte, um rhetorisch klarzulegen, dass nicht ein fehlbarer Mensch, sondern eine göttliche Stimme und Wahrheit aus ihm spricht.

Damit wurde nicht nur jene mit Aristoteles verbundene dialektische Methode in Abrede gestellt, sondern auch die Vorstellung propagiert, dass Sprache etwas dem Menschen Fremdes und Äußerliches darstellt. Es spricht weder der Mensch noch sein Doppelgänger, weder ein Geist oder das Pneuma, sondern die Sprache als Logos Gottes spricht sich selbst. Paulus setzte damit dem pneuma als Wesen des Geistes antithetisch das gramma, das alte Wesen des Buchstabens, entgegen.[3]

Der Mensch beziehungsweise sein Körper und Sprachorgan wird zum Medium und Avatar einer höheren Macht. Propheten sind demnach keine Sender, sondern Empfangsmedien und Verstärker, und je weniger die Sendung durch Wissen und Bildung gefiltert und gestört ist, desto reiner, authentischer und wahrer die verkündete Botschaft. Im Pfingstwunder geschieht dies in Form des Zungenredens oder der Glossolalie unter weitestgehender Ausschaltung es Bwusstseins. Diese Praxis findet sich kulturübergreifend etwa in Form schamanischer Praktiken oder in religionsstiftenden mythischen Erzählungen. Im islamischen Verständnis diktierte der Engel Gabriel (arabisch „Dschibril“) Mohammed über eine Verbalinspiration die Suren des Korans, obgleich oder gerade weil dieser Analphabet war. Eine ähnliche Funktion nehmen in der Kunst Acheiropoíeta ein, die als besonders heilig gelten. In der abendländischen Kunstgeschichte wird dies zu einem zentralen Motiv des Geniekults, da der Künstler in Verbindung mit höheren Mächten steht und dadurch Übermenschliches zu schaffen vermag.

Einzelnachweise

  1. Der Heilige Geist heißt hebräisch ruach ha-qodesh, wörtlich „heiliger Atem/Wind“; ruach JHWH – „Atem des Herrn“; ruach ha-Elohim – „Gottesatem“; ruchaká – „dein Atem“.
  2. Lucius Annaeus Seneca: An Lucilius: Briefe über Ethik. In: Philosophische Schriften. Band III. Herausgegeben und übersetzt von Manfred Rosenbach, Darmstadt 1995, S. 219.
  3. Vgl. u.a. Röm 7,6 EU, 2 Kor 3,6 EU. Zur „paulinischen Antithese“ vgl. Gerhard Ebeling: Geist und Buchstabe. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. Band 2, Tübingen 1958, S. 1290 ff.