Dämon zweiter Ordnung

Aus Daimon

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Stanislaw Lem, Cyberiada, 1965

In der elften Erzählung von Stanislaw Lems Kyberiade (Originaltitel Cyberiada) retten sich die Protagonisten Trurl und Klapaucius aus der Bedrängnis des Räubers Mäuler, indem sie ihm einen Wunsch erfüllen. Er verlangt Wissen jeglicher Art, wofür sie ihm einen Dämon Zweiter Ordnung bauen, der aus dem thermischen Rauschen der Luft vermeintlich sinnvolle Informationen aller Art herausfiltert. Trurl beschreibt den Dämon Zweiter Ordnung als eine "allinformatorische Macht": "Was im großen Maßstab selten und wenig wahrscheinlich ist, das ist im Atomgas alltäglich und stetig, eben wegen jener Billionen Zusammenstöße in jedem hunderttausendstel Teilchen einer Sekunde. Das Problem stellt sich nun folgendermaßen dar: In jeder Brise Luft formen sich durch das atomare Gezappel und Gehampel gewichtige Wahrheiten und bedeutsame Sentenzen, aber gleichzeitig entstehen dort ganz und gar sinnlose Sprünge und Abpraller; und von den letzteren gibt es tausendfach mehr als jene. Obschon man auch früher wußte, daß vor deiner Sägenase in jedem Milligramm Luft innerhalb des Bruchstücks einer Sekunde Fragmente jener Poeme entstehen, die erst nach einer Million von Jahren geschrieben werden, auch Teile verschiedener herrlicher Wahrheiten sowie die Lösung sämtlicher Rätsel des Daseins und seiner Geheimnisse, so gab es doch kein Verfahren, diese Information vollends zu isolieren, um so mehr, als die Atome, die mit den Köpfen zusammenstoßen und sich zu einem Inhalt ordnen, gleich wieder auseinanderfliegen, und mit ihnen zerfällt auch dieser, vielleicht für immer. Der ganze Witz liegt also darin, daß man einen Selektor baut, der all das auswählt, was in dem Hin und Her der Atome sinnvoll ist. Das ist die Idee des Dämons Zweiter Ordnung (...)."[1] Der Dämon notiert in rasender Geschwindigkeit die Informationen auf Papierstreifen, die Mäuler wie in weiße Spinnweben hüllen und fesseln. Trurl und Klapaucius gelingt dadurch die Flucht.

Lem verknüpft den Maxwell'schen Dämon (Dämon erster Ordnung) mit informationstheoretischen Fragen nach Ordnung und Entropie und schafft ein symbolisches Perpetuum mobile unendlicher Sinngenerierung, das vergleichbar dem Laplace'schen Dämon jeden beliebigen Zustand des Universum berechnen kann. Die Vorstellung, dass Schallwellen unauslöschlich in den Atomen der Atmosphäre und den Dingen gespeichert sind, findet sich bereits bei dem englischen Mathematiker und Computerpionier Charles Babbage.

Kyberiade setzt sich aus fünfzehn Erzählungen zusammen. Sie schildern die abenteuerlichen Reisen des Konstrukteurduos Klapauzius und Trurl in einem vorwiegend von Robotern und intelligenten Maschinen bevölkerten Kosmos. In der fünften Erzählung Die Reise Eins A oder Trurls Elektrobarde baut Trurl beispielsweise einen Literaturdämon zur Produktion makelloser Lyrik. Nach Durchlauf der gesamten Literaturgeschichte ist die Maschine in allen traditionellen und avantgardistischen Genres versiert und versetzt das Universum in Begeisterung. Alleine die Stromrechnung bereitet Trurl Kopfzerbrechen. Aufgrund ihrer poetisch und rhetorisch gefeilten Bitten, erschliesst Trurl der Maschine Sternriesen als Energiequelle. Die Maschine schafft damit eine Dichtung kosmischen Ausmaßes.

Einzelnachweise

  1. Stanislaw Lem, Kyberiade, Frankfurt am Main 1983, S. 168f.