Descartes'scher Dämon

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Genius malignus

Porträt René Descartes von Jan Baptist Weenix (1649, Centraal Museum, Utrecht) Auf der linken Seite des geöffneten Codex stehen die Worte: Mundus est fabula
René Descartes (1596 - 1650) begründet in seinem anonym veröffentlichten Discours de la méthode (1637) den universellen oder methodischen Zweifel. Über die Kritik der Sinneserkenntnis bezweifelt er den Wahrheitsgehalt seiner Wahrnehmung. Woher können wir wissen, dass unsere Eindrücke mit der Welt, wie sie realiter ist, übereinstimmen? In seinen 1641 erschienen Meditationes de prima philosophia wendet Descartes den methodischen Zweifel auf die Prinzipien von Erkenntnis selbst an und fragt, ob nicht ein betrügender Gott (deus deceptor) ihn bewusst täuschen könnte.[1] Damit bringt Descartes einen Dämon ins Spiel, der falsche Vorstellungen von der Welt ins Bewusstsein setzt, um den Menschen hinter das Licht zu führen und zu quälen. Dieser böse Dämon ( genius malignus) manipuliert Realität und illusioniert falsche Wirklichkeiten, wodurch sich die wahrgenommen Welt von der eigentlichen Realität fundamental unterscheidet. Der Mensch ist ohne Möglichkeit der Gewissheit. Was bleibt ist Zweifel und Paranoia, um die eigene Existenz, die Willensfreiheit und das souveräne Ich als Voraussetzungen von Erkenntnis und Wahrheit gegenüber Ohnmacht und Determiniertheit zu retten.

Das Gehirn im Tank

Die Vorstellung, dass unsere Wahrnehmung von einer fremden Macht manipuliert wird, die eine künstliche Welt suggeriert, findet sich bis heute von den Neurowissenschaften über die Erkenntnisphilosophie und die Diskussion der Qualia bis zur Science-Fiction-Literatur. Wie Gegenstände im Gehirn repräsentiert werden und welche Möglichkeiten sich bieten, die Sinneseindrücke zu prüfen, verschob sich im 19. Jh. von auf eine physiologische Ebene. „Welche denkbare Verbindung besteht zwischen bestimmten Bewegungen bestimmter Atome in meinem Gehirn einerseits, andererseits den für mich ursprünglichen, nicht weiter definierbaren, nicht wegzuleugnenden Tatsachen 'Ich fühle Schmerz, fühle Lust; ich schmecke Süßes, rieche Rosenduft, höre Orgelton, sehe Roth' (...)."[2] Du Bois-Reymond verweist auf die epistemische Lücke zwischen Gehirn und Qualia und spekuliert ausgehend von der Arbitrarität der Nervenimpulse, die sein Lehrer, der deutsche Physiologe Johannes Peter Müller, entdeckte, über eine "Neuverkabelung" des Gehirns mit Sinnesnerven: "Emile Dubois-Reymond, ein Kollege von Helmholtz, erforschte die Möglichkeit, die Nerven elektrisch über Kreuz miteinander zu verbinden und so das Auge Töne sehen und das Ohr Farben hören zu lassen, lange bevor Rimbaud die Verlagerung und Verschiebung der Sinnesorgane in seinem berühmten Gedicht feierte."[3]

Die Verbindung des Gehirns mit anderen Wirklichkeiten, Maschinen, Netzwerken oder Dämonen war in Folge Teil der physiologischen Diskurse des 19. Jhs. und erfuhr im 20. Jh. ihre Apologie in Cyberspace-Szenarien: Stansilaw Lem beschreibt in Der futurologische Kongreß die Vortäuschung einer Wirklichkeit durch eine von der herrschenden Macht verabreichten Droge, William Gibsons Neuromancer erzählt von der Immerson in virtuelle Welten, Filme wie Welt am Draht oder Matrix inszenieren gedoubelte Realitäten in elektronischen Räumen.

Die Vorstellung eines Gehirns im Tank (brain in a vat) diskutierte erkenntnistheoretisch Hilary Putnam, indem er Descartes' Dämon eine neurowissenschaftliche Perspektive gab und den quälenden Geist durch einen "mad scientist" ersetzte: "Here is a science fiction possibility discussed by philosophers: imagine that a human being (you can imagine this to be yourself) has been subjected to an operation by an evil scientist. The person's brain (your brain) has been removed from the body and placed in a vat of nutrients which keeps the brain alive. The nerve endings have been connected to a super-scientific computer which causes the person whose brain it is to have the illusion that everything is perfectly normal. There seem to be people, objects, the sky, etc.; but really, all the person (you) is experiencing is the result of electronic impulses travelling from the computer to the nerve endings. The computer is so clever that if the person tries to raise his hand, the feedback from the computer will cause him to 'see' and 'feel' the hand being raised. Moreover, by varying the program, the evil scientist can cause the victim to 'experience' (or hallucinate) any situation or environment the evil scientist wishes. He can also obliterate the memory of the brain operation, so that the victim will seem to himself to have always been in this environment. It can even seem to the victim that he is sitting and reading these very words about the amusing but quite absurd supposition that there is an evil scientist who removes people's brains from their bodies and places them in a vat of nutrients which keep the brains alive. The nerve endings are supposed to be connected to a super-scientific computer which causes the person whose brain it is to have the illusion that..."[4] Das von Putnam erdachte Gedankenexperiment aktualisiert Descartes Versuchsanordnung des Zweifels, um wie 300 Jahre zuvor eine Kränkung des Ich abzuwenden und den vielleicht populärsten Satz der Philosophiegeschichte, cogito ergo sum, zu retten. Ob damit die prinzipielle Unmöglichkeit einer universellen Täuschung bewiesen ist und alle Dämonen aus dem Gehirn vertrieben sind, bleibt ungewiss und werden in Zukunft vielleicht künstliche Gehirne - oder besser künstliche Dämonen - beantworten.[5]

Einzelnachweise

  1. "Ich will also annehmen, dass nicht der allgütige Gott die Quelle der Wahrheit ist, sondern dass ein boshafter Geist, der zugleich höchst mächtig und listig ist, all seine Klugheit anwendet, um mich zu täuschen; ich will annehmen, dass der Himmel, die Luft, die Erde, die Farben, die Gestalten, die Tone und alles Aeusserliche nur das Spiel von Träumen ist, wodurch er meiner Leichtgläubigkeit Fallen stellt; ich werde von mir selbst annehmen, dass ich keine Hände habe, keine Augen, kein Fleisch, kein Blut, keine Sinne, sondern dass ich mir nur den Besitz derselben fälschlich einbilde; ich werde hartnäckig in dieser Meinung verharren und so, wenn es mir auch nicht möglich ist, etwas Wahres zu erkennen, wenigstens nach meinen Kräften es erreichen, dass ich dem unwahren nicht zustimme, und mit festem Willen mich vorsehen, um nicht von jenem Betrüger trotz seiner Macht und List hintergangen zu werden. Aber dieses Unternehmen ist mühevoll, und eine gewisse Trägheit lässt mich in das gewohnte Leben zurückfallen. Wie ein Gefangener, der zufällig im Traume einer eingebildeten Freiheit genoss, bei dem späteren Argwohn, dass er nur träume, sich fürchtet, aufzuwachen, und deshalb den schmeichlerischen Täuschungen sich lange hingiebt, so falle ich von selbst in die alten Meinungen zurück und scheue das Erwachen, damit nicht der lieblichen Ruhe ein arbeitsvolles Erwachen folge, was, statt in hellem Licht, in der unvertilgbaren Finsterniss der angeregten Schwierigkeiten verbracht werden muss." René Descartes, Untersuchungen über die Grundlagen der Philosophie, in welchen das Dasein Gottes und der Unterschied der menschlichen Seele von ihrem Körper bewiesen wird
  2. Emil du Bois-Reymond, Über die Grenzen des Naturerkennens, in: Ders., Vorträge über Philosophie und Gesellschaft, Hamburg 1974.
  3. Jonathan Crary, Techniken des Betrachters. Sehen und Moderne im 19. Jahrhundert, Dresden/Basel 1996, S. 98f.
  4. Hilary Putnam, Brains in a vat
  5. Vgl. The Blue Brain Project


Weblinks

Otto E. Rössler, Rouge et noir - Der Schnitt im Kopf

Thomas Feuerstein, PANCREAS

Oswald Wiener, der bio-adapter

René Descartes, Untersuchungen über die Grundlagen der Philosophie, in welchen das Dasein Gottes und der Unterschied der menschlichen Seele von ihrem Körper bewiesen wird

René Descartes, Abhandlung über die Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Wahrheitsforschung