Generatio spontanea
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Prometheus
Bis weit ins 19. Jahrhundert herrschte in den Naturwissenschaften der Glaube an die Entstehung von Mikroorganismen, Würmern und Insekten aus Schleim, Erde oder verwesendem Abfall. Die Verwandlung toter Materie in Leben wurde als „Generatio spontanea“ (spontane Zeugung) oder Abiogenese (Urzeugung) beschrieben und erinnert an die vielfältigen Schöpfungsmythen: Prometheus formte nach Ebenbild der Götter den Menschen aus Lehm; Adam leitet sich von hebräisch „ādāma“ (Erde) ab; im Koran schafft Allah den ersten Menschen, indem er aus Lehm Körper formt und ihnen seinen Geist einhaucht.[1] Selbst vom Menschen geschaffene Wesen wie der Golem (hebräisch: Klumpen, formlose Masse) wurden aus Lehm gestaltet und über sprachliche Codes und geistige Kraft animiert.
Bei den Griechen schlummerte der göttliche Samen im Boden. Das Leben steckte als Keim in der Erde und musste nur in die richtige Form gebracht werden, um zu erwachen. Prometheus imitierte die Form der Götter und wies seinen Figuren gute wie schlechte Eigenschaften von Tieren zu, etwa den Fleiß des Pferdes oder die Schlauheit des Hundes. Athene hauchte schließlich mit ihrem göttlichen Atem den hybriden Wesen Verstand und Vernunft ein. Den zunächst hilflosen, ohne Wissen und Erfahrung ausgestatteten Menschen lehrte Prometheus technische Kunstfertigkeiten (entechnos sophia).
Als Beispiel einer Generatio spontanea galt seit dem Mittelalter das Auftreten von Maden in verwesendem Fleisch. Obgleich Mediziner wie William Harvey (1578 - 1657) und Francesco Redi (1626 - 1697) die Vorstellung einer Generatio spontanea bezweifelten und für das menschliche Auge unsichtbare Keime und Eier vermuteten, entwickelten sich in der Romantik darauf aufbauende Theorien. Die Trennung zwischen Organischem und Anorganischem sowie zwischen Vitalismus und Mechanismus sollte aufgehoben und durch eine ganzheitliche Sichtweise überwunden werden. Die romantische Theorie der Organisation lebender Systeme wollte klären, wie auf der Grundlage einer einheitlichen Schöpfungsordnung Leben "aus jenen gestaltlosen Kräften und Meeren", d.h. aus der Unordnung und dem Chaos hervorgehen können.[2]
Nach Schelling existiert keine "unorganische" Natur, da alles miteinander verbunden ist und sich gegenseitig bedingt. Dieser Auffassung folgend entwickelte Lorenz Oken (1779 - 1851) ein Natursystem, das alle Aspekte des Natürlichen nondualistisch in Beziehung setzte. Auf der Erschaffung der Grundmaterie "Generatio originaria" basiert nach Oken der zweite Prozess der "Generatio aequivoca", bei dem sich Grundbausteine, "Infusorien" genannt, lösen und zu neuen organischen Komplexitäten verbinden. Wie bei Carl von Linné (1707 - 1778), der mikroskopische Wesen als Chaos infusorium seinem System eingegliedert hatte, galten sie als Beweis für eine ständig stattfindende Urzeugung. Das Infusorium dachte Oken als Urbläschen, Urzelle oder Samen, aus dem sich alles Leben aufbaut.[3] Im Urschleim schlummern Infusorien wie im Prometheus-Mythos die Samen der Götter und bereiten das fruchtbare Ursubstrat, aus der die gesamte organische Welt der Pflanzen und Tiere hervorgeht.[4]
Frankenstein
Im kalten Sommer 1816, den Mary Wollstonecraft (1797 - 1851) zusammen mit ihrem späteren Ehemann Percy Shelley und Lord Byron am Genfersee verbrachte, nahmen Gedanken und Gespräche über die Urzeugung, Alchemie, Elektrizität, den Prometheus-Stoff, Spukgeschichten und Miltons Paradise Lost großen Raum ein. Von einer zu dieser Zeit geläufigen Anekdote, bei der Fadennudeln zu Leben erweckt wurden, war Mary Shelley besonders angetan. Erasmus Darwins, Charles Darwins Großvater, führte Experimente zur Madentheorie und Generatio spontanea durch, bei denen er in verwesenden Nudeln Würmern entdeckte. Die Verwandlung von Fadennudeln in Würmern galt ihm als Beweis für die Lehrmeinung der Urzeugung, die vor allem Lamarck propagierte. Wenn aus Nudeln Würmer und aus Fleisch Maden hervorgehen konnten, war dann auch die Entstehung neuen Lebens aus toten Körpern möglich?
Mary Shelley veröffentliche 1818 ihren Roman Frankenstein or The Modern Prometheus und Percy Shelley 1820 sein Drama Prometheus Unbound. Mary Shelley wusste vermutlich von den in dieser Zeit viel diskutierten galvanischen Experimenten an Tieren und Menschen, bei denen durch elektrischen Strom heftige Muskelbewegungen an toten Körpern hervorgerufen werden konnten. Giovanni Aldini (1762 – 1834) hatte dies beispielsweise an der Leiche des 1803 in London hingerichteten Doppelmörders George Forster demonstriert, und Andrew Ure (1778 – 1857), der ähnliche Experimente durchführte, behauptete, auf diese Weise könnten eines Tages Tote wiederbelebt werden. Mary Shelley, die sich von der Golem-Legende inspirieren ließ, ersetzte die kabbalistischen Formeln durch Elektrizität, um toter Materie Energie einzuhauchen.
Charles Darwin, der der traditionellen Vortsellung einer Generatio spontanea nichts abgewinnen konnte, spekulierte 1871 in einem Brief an den Botaniker Joseph Hooker über die Möglichkeit des chemischen Ursprungs des Lebens: "It is often said that all the conditions for the first production of a living organism are present, which could ever have been present. But if (and Oh! what a big if!) we could conceive in some warm little pond, with all sorts of ammonia and phosphoric salts, light, heat, electricity, etc., present, that a protein compound was chemically formed ready to undergo still more complex changes, at the present day such matter would be instantly devoured or absorbed, which would not have been the case before living creatures were formed." Aus einem warmen Teich mit Ammonium, Phosphorsalzen, Licht, Hitze und Elektrizität vermutete Darwin, könnten sich die Bausteine des Lebens geformt haben. Anfang der 1950er nahm der Chemie-Student Stanley Miller (1930 - 2007) an der University of Chicago Darwins Überlegungen zum Ausgang einer Experimentierreihe, die eine Generatio spontanea abseits jeder Madentheorie zum Gegenstand hatten. Unter Aufsicht seines Professors Harold Urey simulierte er mittels Methan, Ammoniak und elektrischen Blitzentladungen die Uratmosphäre in einem Glaskolben und ließ diesen mit einem zweiten, in dem Wasser erhitzt wurde, wechselwirken. Nach einer Woche hatten sich etwa 15 Prozent des Methans in organische Verbindungen umgewandelt und konnten 5 verschiedene Aminosäuren gemessen werden. Im Mai 1953 veröffentlichten Miller und Urey die Ergebnisse in Science.
Pygmalion
Die ausführlichste antike Schilderung findet sich in Ovids Metamorphosen.
Der Künstler Pygmalion von Zypern ist aufgrund schlechter Erfahrungen mit Frauen, die sich prostituierten, zum Frauenfeind geworden und lebt nur noch für seine Bildhauerei. Ohne bewusst an Frauen zu denken, erschafft er eine Elfenbeinstatue, die wie eine lebendige Frau aussieht. Er behandelt das Abbild immer mehr wie einen echten Menschen und verliebt sich schließlich in seine Kunstfigur. Am Festtag der Aphrodite fleht Pygmalion die Göttin der Liebe an: Zwar traut er sich nicht zu sagen, seine Statue möge zum Menschen werden, doch bittet er darum, seine dereinstige Frau möge so sein wie die Statue. Als er nach Hause zurückkehrt und die Statue wie üblich zu liebkosen beginnt, wird diese langsam lebendig. Aus der Verbindung geht ein Kind namens Paphos hervor.
Agalmatophilie bezeichnet eine starke Zuneigung bzw. sexuelle Präferenz gegenüber (nackten) Statuen. Auch andere unbelebte menschliche Darstellungen wie Gemälde oder (Sex-)Puppen können als Fetisch dienen.
Einzelnachweise
- ↑ Vgl. Sure 38:71, 72 – Sad: „Als dein Herr zu Seinen Engeln sprach: ‚Seht, Ich werde den Menschen aus Ton/Lehm erschaffen, und wenn Ich ihn geformt und ihm von Meinem Geist eingehaucht habe, dann fallt vor ihm nieder!’“
- ↑ Novalis, Die Lehrlinge zu Sais, Berlin 1837, S. 62
- ↑ Im Lehrbuch der Naturphilosophie beschreibt Oken die Infusorien: "3181. Die niedersten Thiere fangen mit dem Wasser an, das kaum zu Schleim geworden ist; sind nichts als Körner, Bläschen, welche selbstständig umherschwimmen. Urthiere, Infusionsthierchen. 3182. Die Infusorien entsprechen dem männlichen Samen. Sie sind der Thlersamen des Planeten, das aufgelößte Thier. Tiefer kann die Thlerzeugung nicht anfangen. Der Stein, welcher sich zersetzt in gewässerten Kohlenstoff, kann nichts geringeres werden als ein Punct. Sie sind das thierlsche Keimpulver. Der Pilz ist Wurzel, die unmittelbar in Samen - Pilzstaub — sich auflößt. So sind die Infusorien Hoden, welche sich in Samen aufgelößt haben, flüssige Hoden - Hodenthiere, Samenthiere. 3183. Der Samen ist aufgelößte Punctmasse, Nervenmasse. Die Infusoriei sind empfindende Puncte, Nervenpuncte, welche alle andern Processe in dieser identischen Masse vereiniget haben. Die zerfallene Punctmasse sieht aber in der Bedeutung des Bläschen- oder Zellgewebs. Die Infusorien sind nervöse Zellen. 3184. Nervenzellen müssen in jedem Wasser entstehn, weil jedes Wasser mit der Erde und mit der Luft in Spannung ist, also jene auflößt und diese athmet. Das Wasser selbst ist ein verfaulender und athmender Schleim." Oken, Lehrbuch der Naturphilosophie, Jena 1831, S. 402.
- ↑ "958. Besteht die organische Grundmasse aus Infusorien, so muß die ganze organische Welt aus Infusorien entstehen; Pflanzen und Thiere können nur Metamorphosen von Infusorien seyn. 959. Ist dieses, so müssen auch alle Organisationen aus In- fusorien bestehen, und sich bey ihrer Zerstörung in dieselben auflösen. Iede Pflanze, jedes Thier verwandelt sich bey der Maceration in eine schleimige Masse; diese verfault, und die Flüssigkeit ist mit Infusorien angefüllt. 960. Das Faulen ist nichts anderes als ein Zerfallen der Organismen in Infusorien, eine Reduction des höhern Lebens auf das Urleben. 961. Die Organismen sind eine Synthesis von Infusorien. Die Erzeugung ist nichts anderes als eine Zusammenhäufung um endlich vieler Schleimpuncte, Infusorien. Es sind nehmlich die Organismen nicht schon im Kleinsien ganz und vollständig gezeichnet, präformiert enthalten; sondern nur infusoriale Bläschen, die durch verschiedene Combinationen sich verschieden gestalten und zu höhern Organismen aufwachsen." Ebenda, S. 155.
Weblinks
Jeffrey L. Bada, Antonio Lazcano, Prebiotic Soup - Revisiting the Miller Experiment