Frankenstein
Aus Daimon
Im kalten Sommer 1816, den Mary Wollstonecraft (1797 - 1851) zusammen mit ihrem späteren Ehemann Percy Shelley und Lord Byron am Genfersee verbrachte, nahmen Gedanken und Gespräche über die Urzeugung, Alchemie, Elektrizität, den Prometheus-Stoff, Spukgeschichten und Miltons Paradise Lost großen Raum ein. Von einer zu dieser Zeit geläufigen Anekdote, bei der Fadennudeln zu Leben erweckt wurden, war Mary Shelley besonders angetan. Erasmus Darwins, Charles Darwins Großvater, führte Experimente zur Madentheorie und Generatio spontanea durch, bei denen er in verwesenden Nudeln Würmer entdeckte. Die Verwandlung von Fadennudeln in Würmern galt ihm als Beweis für die Lehrmeinung der Urzeugung, die vor allem Lamarck propagierte. Wenn aus Nudeln Würmer und aus Fleisch Maden hervorgehen konnten, war dann auch die Entstehung neuen Lebens aus toten Körpern möglich?
Mary Shelley veröffentliche 1818 ihren Roman Frankenstein or The Modern Prometheus und Percy Shelley 1820 sein Drama Prometheus Unbound. Mary Shelley waren vermutlich jene in dieser Zeit viel diskutierten galvanischen Experimenten an Tieren und Menschen vertraut, bei denen durch elektrischen Strom heftige Muskelbewegungen an toten Körpern hervorgerufen werden konnten. Giovanni Aldini (1762 – 1834) hatte dies beispielsweise an der Leiche des 1803 in London hingerichteten Doppelmörders George Forster demonstriert, und Andrew Ure (1778 – 1857), der ähnliche Experimente durchführte, behauptete, auf diese Weise könnten eines Tages Tote wiederbelebt werden. Mary Shelley, die sich von der Golem-Legende inspirieren ließ, ersetzte die kabbalistischen Formeln durch Elektrizität, um toter Materie Energie einzuhauchen: Der Daimon des Lebens hieß gemäß dem Zeitgeist Elektrizität.