Sokratischer Dämon

Aus Daimon

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Eugène Delacroix, Sokrates und sein Dämon, 1838/44. Aus dem Zyklus zur antiken Geistesgeschichte, 221 x 291 cm. Paris, Palais Bourbon (Assemblée Nationale), 4.Pendentif der 2.Kuppel.

Sokratischer Dämon (auch Daimonion) nannte nach Platon Sokrates selbst (Xenophon und Platon zufolge) das höhere Wesen, von dem er meinte, dass es ihm durch ein göttliches Geschenk von Jugend an beiwohne und sich ihm, wenn er oder seine Freunde etwas Unrechtes zu tun im Begriff seien, als abratende, jedoch niemals als zuratende Stimme kundgebe. Diese Stimme sage ihm "ha te chrê poiein kai ha mê" (Xenophon, Memor. I, 4, 15, IV, 3, 12; vgl. auch IV, 8, 6); "emoi de tout' estin ek paidos arxamenon, phônê tis gignomenê, hê hotan genêtai, aei apotrepei me toutou, ho an mellô prattein, protrepei dê oupote" (Platon, Apolog. 31 D; Phaedr. 242 B). Weiters warnte das Daimonion Sokrates auch davor, mit bestimmten Menschen ein Gespräch zu führen (Platon Apol. 31 D und 41 D, Xen. Mem. I, 1, 6). Im Gegensatz zu Platon empfiehlt bei Xenophon die innere Stimme Sokrates etwas nicht nur zu unterlassen, sondern auch zu unternehmen. Nietzsche sieht im Daimonion des Sokrates eine Invertierung von Instinkt und Bewusstsein: "Während doch bei allen productiven Menschen der Instinkt gerade die schöpferische-affirmative Kraft ist, und das Bewusstsein kritisch abmahnend sich gebärdet: wird bei bei Sokrates der Instinkt zum Kritiker, das Bewusstsein zum Schöpfer - eine wahre Monstrosität per defectum!"[1]

Das Daimonion teilte sich Sokrates akustisch, als innere Stimme und in Form von Träumen mit. Die Stimme hatte göttlichen Ursprung und meldete sich vergleichbar der Intuition unaufgefordert. Das Daimonion dachte Sokrates unabhängig vom eigenen Ich, weshalb es Erkenntnisse mitzuteilen in der Lage war, die der vernunftsgemäßen Rationalität verborgen blieben. Den Dämon schätzte Sokrates als unfehlbare Instanz, weshalb er Anweisungen auch gegen seine eigene Einsicht befolgte. Während Irrtümer menschlich sind, ist das Daimonion göttlich. Sein Daimonion wurde ihm schließlich zum Verhängnis: "Er sprach oft und gern von seinem ‘Daimonion‘, und so bekannt war diese Seltsamkeit, daß die Anklage darauf fußen und ihm vorwerfen konnte, 'er führe neue dämonische Wesen (kaina daimonia) ein'."[2] Als unbeugsamer Polisbürger stellte sich Sokrates seiner Anklage und folgte dem Dämon seines Gewissens bis in den Tod.

Während die medizinische Interpretation des Sokratischen Dämons von Symptomen der Epilepsie spricht, kann er in der Philosophie als Urgrund (arche) der Wahrheitssuche gedeutet werden. Der mit Nichtwissen und in Folge mit thaumazein (Staunen) - das für Platon den Anfang der Philosophie bedeutet - in Verbindung stehende daimon, ist mit den ursächlichen philosophischen Fragen verknüpft. Er ist der Impetus hinter die dóxa (Meinungen) zu schauen, um die die alétheia (Wahrheit) zu entdecken: "Ein daimon ohne einen Philosophen ist ein Gott ohne Olymp."[3]


Einzelnachweise

  1. Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. v. G. Collie und M. Montinari, München 1999, S. 90.
  2. Paul Friedländer, Platon. Seinswahrheit und Lebenswirklichkeit, Bd. I, Berlin 1964, S. 34.
  3. Raffaele Mirelli, Der Daimon und die Figur des Sokrates, Würzburg 2013, S. 166.