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===Medizin===
== Besessenheit in der Medizin ==


Besessenheit bezeichnet in der Medizin die psychische Veränderungen eines Menschen in Form einer Neurose oder Psychose. Krankheitssymptome der pathologischen Besessenheit wurden einst auch unter [[Dämonomanie]] oder Dämonopathie zusammengefasst und beinhalteten klinische Symptome wie Schlaflosigkeit, visuelle Halluzinationen und Erregung im Unterleib.
[[Bild:TheExorcist.jpg|thumb|In der Fähigkeit, die Schwerkraft zu überwinden, sehen Theologen ein Indiz für dämonische Besessenheit. ''The Exorcist'',  1973,  Regie: William Friedkins, mit Linda Blair, Max von Sydow und Jason Miller.]]
Besessenheit bezeichnet in der Medizin die psychische Veränderungen eines Menschen in Form einer Neurose oder Psychose. Krankheitssymptome der pathologischen Besessenheit wurden einst auch unter [[Dämonomanie]] oder Dämonopathie zusammengefasst und beinhalteten klinische Symptome wie Schlaflosigkeit, visuelle Halluzinationen und Erregung im Unterleib. In der Antike wurde die [[Krankheit]] der [[Epilepsie]] als Besessenheit beschrieben.
Im DSM-IV (vierte Ausgabe des ''Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders'') wird unter "Nicht Näher Bezeichnete Dissoziative Störung" (DSM-IV Code 300.15) die Besessenheitstrance angeführt: "Besessenheitstrance beinhaltet das Ersetzen der normalen Erfahrung persönlicher Identität durch eine neue Identität, die auf den Einfluß eines Geistes, einer [[Macht]], einer Gottheit oder einer anderen Person zurückgeführt wird und mit stereotypen "unwillkürlichen" Bewegungen oder Amnesie verbunden ist. Beispiele sind [[Amok]] (Indonesien), Bebainan (Indonesien), Latah (Malaysia), Pibloktoq (Arktis), Ataque de nervios (Lateinamerika) und Besessenheit (Indien)."


===Dämonologie===
== Obsession in der Dämonologie ==


Die dämonische Besessenheit geht nach Ansicht der [[Dämonologie]], welche bis heute Grundlage des katholischen [[Exorzismus]] ist, auf eine von einem oder mehreren fremden Wesen hervorgerufene [[Obsession]] zurück. Sensorische und physiologische Symptome der dämonischen Besessenheit sind u. a. ein unerklärliches Kribbeln auf der Haut, Hitzewallungen, Fieber, Erbrechen. Paranormale Symptome sind u.a. das Sprechen und Verstehen fremder Sprachen, die Offenbarung räumlich oder zeitlich entfernter Ereignisse, Abscheu gegenüber religiösen Gegenständen. Berichte weisen darauf hin, dass derartige psychische Verhaltensanomalien durch Suggestion auf andere Menschen übertragbar sind und epidemische Ausmaße annehmen können.
Die dämonische Besessenheit geht nach Ansicht der [[Dämonologie]], welche bis heute Grundlage des katholischen [[Exorzismus]] ist, auf eine von einem oder mehreren fremden Wesen hervorgerufene Obsession zurück. Sensorische und physiologische Symptome der dämonischen Besessenheit sind u. a. ein unerklärliches Kribbeln auf der Haut, Hitzewallungen, Fieber, Erbrechen. Paranormale Symptome sind u.a. das Sprechen und Verstehen fremder Sprachen ([[Glossolalie]]), die Offenbarung räumlich oder zeitlich entfernter Ereignisse, Abscheu gegenüber religiösen Gegenständen. Berichte weisen darauf hin, dass derartige psychische Verhaltensanomalien durch Suggestion auf andere Menschen übertragbar sind und epidemische Ausmaße annehmen können. In der mittelalterlichen Dämonologie, die bis heute Grundlage des katholischen [[Exorzismus]] ist, werden drei Formen der Besessenheit unterschieden, wovon "Obsessio" eine ist:


===Ritus===
- Circumsessio: Umsessenheit von Dämonen, die einen Menschen umlagern, ohne in seinen Körper einzudringen.


Bis heute spielt Besessenheit in kultischen Ritualen eine Rolle. Im Voodookult auf Haiti dringen die "Loas" (gute oder böse [[Geist | Geister]]) in einen Menschen ein und vertreiben Gros-bon-ange, seinen grossen Schutzengel. Der Besessene fällt in Trance und wird vom [[Dämon]] wie ein Pferd geritten. Nach Erwachen aus der Trance verbleibt keine Erinnerung an den Zustand der Besessenheit.
- Obsessio oder Maleficiatio: Der Dämon ergreift Besitz von einem Menschen, indem er in seinem Körper eindringt und ihn [[Parasit | parasitär]] als [[Wirt]] bewohnt


Im japanischen Volksglauben findet sich eine dämonische Besessenheit in Form eines Fuchses. Der Fuchs dringt in den menschlichen Körper ein und entfaltet dort sein eigenes vom Ich des "Wirtes" unabhängiges Leben. Es entsteht ein schizophrenes Doppelbewusstsein, das sich in einer nervösen Zerrüttung äussert: Die besessene Person nimmt alles wahr, was der Dämon sagt. Verlässt der Dämon freiwillig den Körper oder wird von einem „Fuchsaustreiber” vertrieben, können sich die Betroffenen an den Zustand ihrer Bessesenheit nicht erinnern und verfallen meist in Depression.
- Possessio:  Der Mensch ist ein willenloses Objekt der Dämonen und hat seine Freiheit verloren.
 
Johann Joseph Gassner, Pfarrer zu Klösterle im Bistum Chur, der sich als Heiler von [[Krankheit | Krankheiten]] im Auftrag des Herrn sah, nennt im 18. Jh. sechs äußere Zeichen, die darauf schließen lassen, dass ein Mensch [[Dämon | Dämonen]] im Leib hat:
 
- barbarae voces (wilde Stimmen)
 
- horribilis vultus (schreckliche Miene)
 
- memborum stupor (starre Glieder)
 
- summa inquietudo (höchste Unruhe)
 
- vires humanes superiores (übermenschliche Kräfte)
 
- cruciatus (Wundmale)
 
Viele der Patienten erlitten durch die rituelle Behandlung psychische Schäden.
 
== Ethnologie und Ritus ==
 
Bis heute spielt Besessenheit in kultischen Ritualen eine Rolle. Im Voodookult auf Haiti dringen die "Loas" (gute oder böse [[Geist | Geister]]) in einen Menschen ein und vertreiben Gros-bon-ange, seinen grossen [[Engel | Schutzengel]]. Der Besessene fällt in Trance und wird vom [[Dämon]] wie ein Pferd geritten. Nach Erwachen aus der Trance verbleibt keine Erinnerung an den Zustand der Besessenheit.
 
Im japanischen Volksglauben findet sich eine dämonische Besessenheit in Form eines Fuchses. Der Fuchs dringt wie ein [[Parasit]] in den menschlichen Körper ein und entfaltet dort sein eigenes vom Ich des [[Wirt | Wirtes]] unabhängiges Leben. Es entsteht ein schizophrenes Doppelbewusstsein, das sich in einer nervösen Zerrüttung äußert: Die besessene Person nimmt alles wahr, was der Dämon sagt. Verlässt der [[Dämon]] freiwillig den Körper oder wird von einem „Fuchsaustreiber” vertrieben, können sich die Betroffenen an den Zustand ihrer Bessesenheit nicht erinnern und verfallen meist in Depression.

Aktuelle Version vom 24. Juni 2016, 10:42 Uhr

Besessenheit in der Medizin

In der Fähigkeit, die Schwerkraft zu überwinden, sehen Theologen ein Indiz für dämonische Besessenheit. The Exorcist, 1973, Regie: William Friedkins, mit Linda Blair, Max von Sydow und Jason Miller.

Besessenheit bezeichnet in der Medizin die psychische Veränderungen eines Menschen in Form einer Neurose oder Psychose. Krankheitssymptome der pathologischen Besessenheit wurden einst auch unter Dämonomanie oder Dämonopathie zusammengefasst und beinhalteten klinische Symptome wie Schlaflosigkeit, visuelle Halluzinationen und Erregung im Unterleib. In der Antike wurde die Krankheit der Epilepsie als Besessenheit beschrieben. Im DSM-IV (vierte Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) wird unter "Nicht Näher Bezeichnete Dissoziative Störung" (DSM-IV Code 300.15) die Besessenheitstrance angeführt: "Besessenheitstrance beinhaltet das Ersetzen der normalen Erfahrung persönlicher Identität durch eine neue Identität, die auf den Einfluß eines Geistes, einer Macht, einer Gottheit oder einer anderen Person zurückgeführt wird und mit stereotypen "unwillkürlichen" Bewegungen oder Amnesie verbunden ist. Beispiele sind Amok (Indonesien), Bebainan (Indonesien), Latah (Malaysia), Pibloktoq (Arktis), Ataque de nervios (Lateinamerika) und Besessenheit (Indien)."

Obsession in der Dämonologie

Die dämonische Besessenheit geht nach Ansicht der Dämonologie, welche bis heute Grundlage des katholischen Exorzismus ist, auf eine von einem oder mehreren fremden Wesen hervorgerufene Obsession zurück. Sensorische und physiologische Symptome der dämonischen Besessenheit sind u. a. ein unerklärliches Kribbeln auf der Haut, Hitzewallungen, Fieber, Erbrechen. Paranormale Symptome sind u.a. das Sprechen und Verstehen fremder Sprachen (Glossolalie), die Offenbarung räumlich oder zeitlich entfernter Ereignisse, Abscheu gegenüber religiösen Gegenständen. Berichte weisen darauf hin, dass derartige psychische Verhaltensanomalien durch Suggestion auf andere Menschen übertragbar sind und epidemische Ausmaße annehmen können. In der mittelalterlichen Dämonologie, die bis heute Grundlage des katholischen Exorzismus ist, werden drei Formen der Besessenheit unterschieden, wovon "Obsessio" eine ist:

- Circumsessio: Umsessenheit von Dämonen, die einen Menschen umlagern, ohne in seinen Körper einzudringen.

- Obsessio oder Maleficiatio: Der Dämon ergreift Besitz von einem Menschen, indem er in seinem Körper eindringt und ihn parasitär als Wirt bewohnt

- Possessio: Der Mensch ist ein willenloses Objekt der Dämonen und hat seine Freiheit verloren.

Johann Joseph Gassner, Pfarrer zu Klösterle im Bistum Chur, der sich als Heiler von Krankheiten im Auftrag des Herrn sah, nennt im 18. Jh. sechs äußere Zeichen, die darauf schließen lassen, dass ein Mensch Dämonen im Leib hat:

- barbarae voces (wilde Stimmen)

- horribilis vultus (schreckliche Miene)

- memborum stupor (starre Glieder)

- summa inquietudo (höchste Unruhe)

- vires humanes superiores (übermenschliche Kräfte)

- cruciatus (Wundmale)

Viele der Patienten erlitten durch die rituelle Behandlung psychische Schäden.

Ethnologie und Ritus

Bis heute spielt Besessenheit in kultischen Ritualen eine Rolle. Im Voodookult auf Haiti dringen die "Loas" (gute oder böse Geister) in einen Menschen ein und vertreiben Gros-bon-ange, seinen grossen Schutzengel. Der Besessene fällt in Trance und wird vom Dämon wie ein Pferd geritten. Nach Erwachen aus der Trance verbleibt keine Erinnerung an den Zustand der Besessenheit.

Im japanischen Volksglauben findet sich eine dämonische Besessenheit in Form eines Fuchses. Der Fuchs dringt wie ein Parasit in den menschlichen Körper ein und entfaltet dort sein eigenes vom Ich des Wirtes unabhängiges Leben. Es entsteht ein schizophrenes Doppelbewusstsein, das sich in einer nervösen Zerrüttung äußert: Die besessene Person nimmt alles wahr, was der Dämon sagt. Verlässt der Dämon freiwillig den Körper oder wird von einem „Fuchsaustreiber” vertrieben, können sich die Betroffenen an den Zustand ihrer Bessesenheit nicht erinnern und verfallen meist in Depression.