Dämon
Aus Daimon
Bedeutung und Etymologie
Dämon steht in der landläufigen Bedeutung für einen (bösen) "Geist" mit übermenschlichen Kräften oder ein Wesen, das zwischen göttlichen Sphären und menschlichen Welten verkehrt. Ende des 16. Jh. und erneut im 18. Jh. wurde Dämon aus dem Lateinischen von daemon (böser Geist, Teufel) ins Deutsche übergeführt. Das lateinische Wort wurde wiederum aus dem Griechischen von "daimonas" (das übernatürliche Wesen) beziehungsweise von daimon (griech. δαίμων "Geist der Abgeschiedenen", (niedere) Gottheit, Geistwesen, Genius, Schutzengel, göttliche Macht, Geschick) entlehnt. Hesiod (geb. v. 700 v.d.Z.) beschreibt in Werke und Tage die Verstorbenen des goldenen Zeitalters als mächtige Dämonen (δαίμονες)[1]; nach Platon wird der vernunftbegabte Mensch nach seinem Tod zu einem Dämon.[2] Der Daimon mit seiner Bedeutung von " Zu- und Verteiler (des Schicksals)" - vgl. griech. δαίεσθαι (daiesthai) "(ver)teilen" - steht mit griech. dēmos (vgl. Demokratie, Demographie usw.), "Gebiet, Gau, Volk" (eigentlich "Abteilung") im größeren Zusammenhang der idg. Sippe von nhd. "Zeit".
Die Ableitung daimónion ist der heutigen Bedeutung von "Schicksal" oder "Gewissen" verwandt und begleitete im antiken Verständnis den Menschen ein Leben lang. Nach Sokrates wird man mit einem daimon geboren, der das gesamte Leben erhalten bleibt und sich als mahnende innere Stimme bemerkbar macht; nach Platon wählt man sich die daimones im Sinne von Ideen selbst. Noch im Frühchristentum waren dämonische Wesen vergleichbar den römischen Genien oder späteren Schutzengeln um das Seelenheil der Menschen bemüht. Erst im Mittelalter wurde Dämon negativ konnotiert und auf die teuflische Bedeutung reduziert.
Im modernen Sprachgebrauch wird Dämon metaphorisch vorwiegend für negative psychische und gesellschaftliche Phänomene gebraucht. Die Verwendung reicht von Sucht auslösenden Drogen über Politiker (Hitler, Stalin), bestimmten Charaktereigenschaften bis hin zu Formen der Ideologie. Prägend hierfür sind traditionelle Vorstellungen und religiöse Konzepte von Besessenheit.
Mythologie
Animistisch mit Naturkräften oder mit Seelen von Ahnen verknüpft, spielen Dämonen in nahezu allen Religionen und im Volksglauben zum Teil bis heute eine bestimmende Rolle. Dämonenlehren fanden sich in den frühen Kulturen von Sumer, Akkad, Babylon und Ägypten, wo himmlische und irdische Geister mit den Elementen Luft, Erde, Feuer oder bestimmten Gegenden verbunden waren. In der griechischen Mythologie wurden sämtliche Naturphänomene mit Dämonen assoziert, später nur mehr unerklärliche Prozesse, etwa die Verwesung und der Verfall (Entropie) oder die Gärung von Milch und Alkohol. Dämonen fungierten als Wächter über Ordnung und Unordnung und konnten Reichtum oder Verderben bringen. In der römischen Mythologie, wo sich griechische mit orientalischen Vorstellungen verknüpfen, erschienen Dämonen als Genien.
Über den Zoroastrismus gelangte die Dämonenlehre in die altjüdische Glaubensvorstellung, wo Dämonen in Klassen geteilt und mit Ämtern betraut waren. Während böse Dämonen vor allem für Geisteskrankheiten verantwortlich gemacht wurden, wachten Schutzengel über Personen und ganze Städte. Im Neuplatonismus, Gnostizismus und in der rabbinischen Überlieferung der Kabbala diversifizierten sich die Dämonen, deren Funktion und Wirkung mit wissenschaftlicher Akribie beschrieben wurde. Im Hinduismus agieren Dämonen, die in Gruppen von Rakshasas, Daityas oder Danavas eingeteilt werden, als Gegenspieler der Götter. Die Dschinnen (von arab. dschunna, „besessen sein”) sind im Islam aus dem Feuer geborene Wesen, die von Salomo in eine Flasche gesperrt und dienstbar gemacht werden.[3] In der christlichen Lehre sind Dämonen gefallene Engel, die angeführt vom Teufel die Menschen verführen oder von ihnen Seelen Besitz ergreifen wollen.
Der Dämon als Zu- und Verteiler
Physik und Thermodynamik
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Einzelnachweise
- ↑ Hesiod, Werke und Tage, übersetzt und heraugegeben von Otto Schönberger, Stuttgart, 2004.
- ↑ Vgl. Platon, Kratylos, in: Sämtliche Werke Bd. 1, Berlin 1940, S. 561f. Dort heißt es: Sokrates: Weißt du, was nach Hesiod die Dämonen sind? Hermogenes: Ich entsinne mich nicht. Sokrates: Nicht, daß nach ihm zuerst unter den Menschen ein goldenes Geschlecht lebte? Hermogenes: Das weiß ich. Sokrates: Also darüber sagt er: Doch als dieses Geschlecht ins Dunkel entrückte das Schicksal, Wurden der unteren Welt hochhehre Dämonen genannt sie, Edle, des Leids Abwender, die Hüter der sterblichen Menschen. Hermogenes: Was willst du damit? Sokrates: Er nennt, denke ich, das goldne Geschlecht nicht ein aus natürlichem Golde Bestehendes, sondern ein gutes und edles. Zum Beweise dient mir, daß er auch uns das eiserne Geschlecht nennt. Hermogenes: Du hast recht. Sokrates: Glaubst du nicht, er werde auch von den jetzigen Menschen zu jenem goldenen Geschlechte jeden zählen, der gut ist? Hermogenes: Wahrscheinlich. Sokrates: Die Guten sind vernünftig, nicht wahr? Hermogenes: Ja. Sokrates: So also nennt er vorzüglich, wie mir dünkt, die Dämonen. Weil sie vernünftig und sinnig (daêmones) waren, nannte er sie Dämonen (daimonas). Auch findet sich in unserer alten Sprache so das Wort. Daher hat er recht, und andere Dichter auch, wenn sie sagen, wenn ein Guter gestorben sei, so erlange er großen Preis und Ehre und werde ein Dämon nach der Eigenschaft der Vernunft. Danach behaupte auch ich, jeder Mann, der gut ist, sei dämonisch im Leben und im Tode und heiße mit Recht ein Dämon.
- ↑ Koran, Sure 34, Vers 12-14.