Genius: Unterschied zwischen den Versionen

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== Antike ==
 
[[Bild:Genius.jpg|thumb|Genius der im Kastell Niederbieber stationierten Truppen, 239 n. Chr.]]
[[Bild:Genius.jpg|thumb|Genius der im Kastell Niederbieber stationierten Truppen, 239 n. Chr.]]
[[Bild:Runge_Genien.jpg|thumb|Philipp Otto Runge, Die Genien auf der Lichtlilie, Bleistift und Kreide auf Papier, 1810]]


Genius , (Mz. Genien), lateinisch, "Erzeuger",  
Der Genius (lat. "Erzeuger", "derjenige/dasjenige der/das (er)zeugt, vom Verb "genere" bzw. "gignere" (zeugen, erzeugen) abgeleitet) personifiziert im römischen Glauben die dem Menschen innewohnende zeugende Kraft. Durch den Genius entsteht das Individuelle einer Person, indem er ihre [[Trieb | Triebe]] und ihren Charakter bestimmt. Er formt die Persönlichkeit, schenkt die Kraft zur Zeugung von Nachkommen und fungiert als inneres Wirkungsprinzip. Wie der griechische [[Daimon]] steuert der Genius das [[Schicksal]] und vermittelt zwischen den Göttern und den Menschen. Der griechischen Vorstellung nach erhält jeder Mensch bei der Geburt von den daimones (δαίμονες) einen "Genius"  oder "schöpferischen Geist" zugeteilt.<ref> Vgl. Wilhelm Gemoll, ''Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch'', München 1991 (9. Aufl.), S. 181. Nach Gemoll leitet sich davon der Zusammenhang mit Zeugung und Entstehung her sowie all jene Begriffe mit der Silbe "gen" wie Genital, [[Genie]], Gen, Generation oder Ingenieur; weiters lat. ''gens'' "das Volk" und ''genus'' für "Geschlecht" und "Knie"; auch ''natus'' und die Ableitungen: Natur, Natalität, Naivität, Nativität, Nation, Knie und auch König mit der Bedeutung "aus vornehmen Geschlecht".</ref> Vergleichbar einem [[Engel | Schutzengel]] wacht er von der Geburt bis zum Tod über den Sterblichen und führt ihn durchs Leben. Während der Daimon bei den Griechen neutral und zum Teil negativ besetzt war, da er für die [[Kontingenz]], d.h. für unbestimmte, unkontrollierbare und unberechenbare Möglichkeiten stand, überwiegt bei den Römern das beschützende und leitende Prinzip, das den Menschen glücklich macht. Wer auf seinen Genius hört, strebt der Glückseligkeit und dem Erfolg entgegen. Einen unbeschädigten Genius ("genius indemnatus") zu besitzen, bedeutet mit sich im Reinen zu sein und seinem Lebensinstinkt zu folgen. Bei den Römern hieß dies, gut zu trinken, ausgiebig zu speisen und großzügig zu sein, denn nur auf diese Weise konnte dem Genius gehuldigt werden ("indulget genio"). Ein puritanische Lebensweise missfiel und man lief Gefahr den Genius misszustimmen ("genio sinistro"). Wie beim griechischen Daimon handelt es sich beim Genius nicht um den bewussten Teil des menschlichen Ich, sondern um einen Aspekt der [[Anima]] (griech. [[Psyche]]), die im Gegensatz zum Animus (griech. Thymos), für das vitale, unbewusste Prinzip des Menschen stand und nach antiker Vorstellung im Kopf des Menschen wohnt. Der Thymos haust in der Brust und ist im Gegensatz zur Anima bzw. zum Genius sterblich. Nach dem Tod lebt der Genius als körperloses Wesen weiter und wurde von den Römern als [[Larve | Larva]] oder "umbra" ([[Schatten]]) bezeichnet.


Der Genius ist ein Geisterwesen der Römischen Religion.
Ursprünglich fungierte der Genius für Mann und Frau, später nur noch für Männer, wo er als Medium und Schnittstelle zu Jupiter angesehen wurde. Während die Männer bei Jupiter schwuren und sich über ihren Genius mit ihm verbanden, opferten die Frauen der Göttin Juno als Inbegriff der Gebärkraft. Besonders an Geburtstagen brachte man dem Genius Speise- und Räucheropfer. Der Genius wurde weiters beim Eid als Schwurzeuge angerufen und die Schwurhand dabei zum Bezeugen der Wahrheit an die Genitalien gelegt.  
Der Genius, den nur Männer besaßen, wohnte einem jeden Mann inne und starb mit ihm. (Später glaubte man, dass er auch öffentlichen Einrichtungen oder dem Staat innewohnt.) Er repräsentierte seine Persönlichkeit und gab ihm die Fähigkeit zur Zeugung von Nachkommen. Man kann ihn als ein inneres Wirkungsprinzip bezeichnen. Das weibliche Gegenstück hieß Iuno.


Im altrömischen Glauben die Personifikation der dem Mann innewohnenden zeugenden Kraft. Jeder Mann verehrte seinen speziellen Schutzgeist und brachte ihm Speise- und Räucheropfer dar. Der Genius wurde auch beim Eid als Schwurzeuge angerufen und die Schwurhand dabei zum Bezeugen der Wahrheit an die Genitalien gelegt. Dem Genius des Mannes entsprach die von Frauen verehrte Göttin * Juno, als Inbegriff der Gebärkraft. Später wurden die Genien ganz allgemein als Schutzgeister angesehen, der Familie, des Hauses oder eines bestimmten Ortes. Der Ausdruck "genius loci" bezieht sich auf den Schutzgeist eines bestimmten Ortes und verkörpert die an einen Ort gebundenen positiven Kräfte. In der Antike stellte man Genien zunächst als Schlangen oder als bärtige gepanzerte Männer mit * Füllhorn und * Zepter dar, später meist als geflügelte Lichtgestalten, die u. a. als Träger von Porträtmedaillons und Inschriftentafeln dienten, z. B. auf * Konsulardiptychen. Bei Objekten aus dem Spätmittelalter sind Genien vor allem auf Schatullen aus der * Embriachi-Werkstatt zu finden.
Später wurde der Genius wie in der christlichen Tradition als Schutzgeist oder Schutzengel angesehen, der über das persönliche Schicksal, die Familie, das Haus oder einen bestimmten Ort wacht. Diesbezüglich glaubte man, dass ein Genius auch öffentlichen Einrichtungen oder dem Staat innewohnt. Der Ausdruck [[Genius loci]] bezieht sich auf den Schutzgeist eines bestimmten Ortes und verkörpert die an einen bestimmten Ort gebundenen Kräfte. In der Antike stellte man Genien zunächst als Schlangen oder als bärtige gepanzerte Männer mit Füllhorn und Zepter dar, später meist als geflügelte Lichtgestalten, die u. a. als Träger von Porträtmedaillons und Inschriftentafeln dienten, beispielsweise auf Konsulardiptychen. Bei Objekten aus dem Spätmittelalter sind Genien vor allem auf Schatullen aus der Embriachi-Werkstatt zu finden.


Die Genien oder Schutzgötter der Menschen waren es vorzüglich, wodurch in der Vorstellung der Alten die Menschheit sich am nächsten an die Gottheit anschloß. Die höchste Gottheit selber vervielfältigte sich gleichsam durch diese Wesen, insofern sie über jeden einzelnen Sterblichen wachte und ihn von seiner Geburt an bis zum Tode an ihrer Hand durchs Leben führte. In diesem schönen Sinne war es, daß die Männer bei ihrem Jupiter und die Frauen bei ihrer Juno schwuren, indem sie unter dieser Benennung sich ihren eigenen Genius oder ihre besondre schützende Gottheit dachten.
== Ingenieur und Maschine ==
Das erzeugende Prinzip des Genius wandert mit dem Beginn der Neuzeit aus der Transzendenz in die Materie und wird zum Motiv der [[Maschine]]. Bereits im 12. Jh. wurde aus "ingenium" im Französischen "engin", zum einen im traditionellen Sinn von "intelligence" oder "ésprit", zum anderen im Sinn von "machine de guerre". In Folge wurde der Konstrukteur einer Maschine zum "ingénieur". Im Englischen findet "engine" als Synonym zu "machine" im 14. Jh. seinen Eingang, im Deutschen wird der Begriff "Ingenieur" erst im 17. Jh. gebräuchlich, wo er ab dem 18. Jh. zum Schlüsselbegriff der anbrechenden Industriekultur wird. Der Genius sitzt seitdem in der Maschine als materialisierter, technischer Geist; die [[Fabrik]] wird zum Ort des Ingenieurs, zum Genius loci der Maschine.


An ihren Geburtstagen brachten die Alten ihrem Genius Opfer, der unter der Gestalt eines schönen Jünglings abgebildet war, dessen Haupt sie mit Blumen umkränzten.
== Einzelnachweise ==
<references />


Ein jeder verehrte auf diese Weise, durch ein zartes Gefühl gedrungen, in sich etwas Göttliches und Höheres, als er in seiner Beschränktheit und Einzelnheit selber war und dem er nun wie einer Gottheit Opfer brachte und gleichsam durch Verehrung das zu ersetzen suchte, was ihm an deutlicher Erkenntnis seines eigenen Wesens und seines göttlichen Ursprungs abging. Nach einer andern Dichtung sind die Seelen der Verstorbenen, aus dem Goldenen Zeitalter der Menschen, als untadlige, in die Gottheit übergegangene Wesen die Schutzgötter der Lebenden.


== Literatur ==
H. Kunckel, ''Der römische Genius'', Heidelberg 1974.


E. RINK, Die bildlichen Darstellungen des röm. G., Berlin 1933; A. BLANCHET, Le G. populi Romani. Remarques et hypothèses, in: Comptes-Rendus des Séances. Acad. des Inscriptions et Belles-Lettres, Paris 1943; H. KUNCKEL, Der röm. Genius, Heidelberg 1974.
== Weblinks ==
Roland Müller, [http://www.muellerscience.com/PSYCHOLOGIE/Kreativitaet/Genius.htm Genius, Ingenium]

Aktuelle Version vom 27. Oktober 2016, 08:42 Uhr

Antike

Genius der im Kastell Niederbieber stationierten Truppen, 239 n. Chr.
Philipp Otto Runge, Die Genien auf der Lichtlilie, Bleistift und Kreide auf Papier, 1810

Der Genius (lat. "Erzeuger", "derjenige/dasjenige der/das (er)zeugt, vom Verb "genere" bzw. "gignere" (zeugen, erzeugen) abgeleitet) personifiziert im römischen Glauben die dem Menschen innewohnende zeugende Kraft. Durch den Genius entsteht das Individuelle einer Person, indem er ihre Triebe und ihren Charakter bestimmt. Er formt die Persönlichkeit, schenkt die Kraft zur Zeugung von Nachkommen und fungiert als inneres Wirkungsprinzip. Wie der griechische Daimon steuert der Genius das Schicksal und vermittelt zwischen den Göttern und den Menschen. Der griechischen Vorstellung nach erhält jeder Mensch bei der Geburt von den daimones (δαίμονες) einen "Genius" oder "schöpferischen Geist" zugeteilt.[1] Vergleichbar einem Schutzengel wacht er von der Geburt bis zum Tod über den Sterblichen und führt ihn durchs Leben. Während der Daimon bei den Griechen neutral und zum Teil negativ besetzt war, da er für die Kontingenz, d.h. für unbestimmte, unkontrollierbare und unberechenbare Möglichkeiten stand, überwiegt bei den Römern das beschützende und leitende Prinzip, das den Menschen glücklich macht. Wer auf seinen Genius hört, strebt der Glückseligkeit und dem Erfolg entgegen. Einen unbeschädigten Genius ("genius indemnatus") zu besitzen, bedeutet mit sich im Reinen zu sein und seinem Lebensinstinkt zu folgen. Bei den Römern hieß dies, gut zu trinken, ausgiebig zu speisen und großzügig zu sein, denn nur auf diese Weise konnte dem Genius gehuldigt werden ("indulget genio"). Ein puritanische Lebensweise missfiel und man lief Gefahr den Genius misszustimmen ("genio sinistro"). Wie beim griechischen Daimon handelt es sich beim Genius nicht um den bewussten Teil des menschlichen Ich, sondern um einen Aspekt der Anima (griech. Psyche), die im Gegensatz zum Animus (griech. Thymos), für das vitale, unbewusste Prinzip des Menschen stand und nach antiker Vorstellung im Kopf des Menschen wohnt. Der Thymos haust in der Brust und ist im Gegensatz zur Anima bzw. zum Genius sterblich. Nach dem Tod lebt der Genius als körperloses Wesen weiter und wurde von den Römern als Larva oder "umbra" (Schatten) bezeichnet.

Ursprünglich fungierte der Genius für Mann und Frau, später nur noch für Männer, wo er als Medium und Schnittstelle zu Jupiter angesehen wurde. Während die Männer bei Jupiter schwuren und sich über ihren Genius mit ihm verbanden, opferten die Frauen der Göttin Juno als Inbegriff der Gebärkraft. Besonders an Geburtstagen brachte man dem Genius Speise- und Räucheropfer. Der Genius wurde weiters beim Eid als Schwurzeuge angerufen und die Schwurhand dabei zum Bezeugen der Wahrheit an die Genitalien gelegt.

Später wurde der Genius wie in der christlichen Tradition als Schutzgeist oder Schutzengel angesehen, der über das persönliche Schicksal, die Familie, das Haus oder einen bestimmten Ort wacht. Diesbezüglich glaubte man, dass ein Genius auch öffentlichen Einrichtungen oder dem Staat innewohnt. Der Ausdruck Genius loci bezieht sich auf den Schutzgeist eines bestimmten Ortes und verkörpert die an einen bestimmten Ort gebundenen Kräfte. In der Antike stellte man Genien zunächst als Schlangen oder als bärtige gepanzerte Männer mit Füllhorn und Zepter dar, später meist als geflügelte Lichtgestalten, die u. a. als Träger von Porträtmedaillons und Inschriftentafeln dienten, beispielsweise auf Konsulardiptychen. Bei Objekten aus dem Spätmittelalter sind Genien vor allem auf Schatullen aus der Embriachi-Werkstatt zu finden.

Ingenieur und Maschine

Das erzeugende Prinzip des Genius wandert mit dem Beginn der Neuzeit aus der Transzendenz in die Materie und wird zum Motiv der Maschine. Bereits im 12. Jh. wurde aus "ingenium" im Französischen "engin", zum einen im traditionellen Sinn von "intelligence" oder "ésprit", zum anderen im Sinn von "machine de guerre". In Folge wurde der Konstrukteur einer Maschine zum "ingénieur". Im Englischen findet "engine" als Synonym zu "machine" im 14. Jh. seinen Eingang, im Deutschen wird der Begriff "Ingenieur" erst im 17. Jh. gebräuchlich, wo er ab dem 18. Jh. zum Schlüsselbegriff der anbrechenden Industriekultur wird. Der Genius sitzt seitdem in der Maschine als materialisierter, technischer Geist; die Fabrik wird zum Ort des Ingenieurs, zum Genius loci der Maschine.

Einzelnachweise

  1. ↑ Vgl. Wilhelm Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- und Handwörterbuch, München 1991 (9. Aufl.), S. 181. Nach Gemoll leitet sich davon der Zusammenhang mit Zeugung und Entstehung her sowie all jene Begriffe mit der Silbe "gen" wie Genital, Genie, Gen, Generation oder Ingenieur; weiters lat. gens "das Volk" und genus für "Geschlecht" und "Knie"; auch natus und die Ableitungen: Natur, Natalität, Naivität, Nativität, Nation, Knie und auch König mit der Bedeutung "aus vornehmen Geschlecht".


Literatur

H. Kunckel, Der römische Genius, Heidelberg 1974.

Weblinks

Roland Müller, Genius, Ingenium