Dividaimon

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Axel Stockburger


Das sokratische Daimonion präsentiert sich als eigenständige Instanz, die als Teil des Ich die Taten und Gedanken menschlicher Subjekte jenseits des Rationalen begleitet, überwacht und zuweilen lenkend eingreift. Durch seine Verbundenheit mit der Welt der Götter hat es Anteil an jenem, was dem vernünftig handelnden Subjekt verborgen bleiben muss und hält dieses von der Ausführung “unrechter” Handlungen ab. Die paradoxe Situation des Daimon als spiritueller Begleiter und gleichzeitiger Teil des Individuums ermöglicht verschiedenste Subjektivierungskonstellationen, die über die gesamte kulturelle Geschichte dieser Konzeption hinweg vielfältig in Erscheinung treten. Diese unterschiedlichen Auftritte des Daimon, ob als obsessive Kraft des Künstlerischen oder als Aspekt des Unbewussten in der Psychoanalyse, weisen alle, soweit sie auch sonst voneinander abweichen mögen, auf einen Ort jenseits des Rationalen hin. Der Daimon operiert gewissermaßen immer hinter der Bühne des Rationalen, im Schatten der Vernunft und des logischen bewussten Denkens. Damit ist die Vorstellung des Daimon zunächst eine Art Anteil: ein Moment des Di-viduums im In-dividuum, des Teilbaren im Unteilbaren. In Goethes erster Stanze seiner Urworte. Orphisch wird der Daimon als schicksalshaft determinierende und dadurch auch individuierende Kraft in Szene gesetzt:


Daimon

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,


Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,


Bist alsobald und fort und fort gediehen


Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.


So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,


So sagten schon Sibyllen, so Propheten;


Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt


Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.[1]


Hier wird die Bedeutung des Daimonischen in der Wechselwirkung zwischen der Prägung durch das unentrinnbare Gesetz und der lebendigen Entwicklung des Einzigartigen sichtbar gemacht und damit auch eine spezifische Form der Subjektivierung, also der Unterwerfung und gleichzeitigen Subjektwerdung im Sinne einer spezifischen Individuation präsentiert. In jedem Falle scheint die Macht des Daimon gespeist aus seiner Verbindung mit Gesetzmäßigkeiten, die sich notwendig der Wahrnehmung des Individuums entziehen, seien diese nun “göttlicher” oder anderer Herkunft und dennoch dessen Bahn, in Richtung eines hervorzubringenden Subjekts, zu lenken vermögen.

In welcher Form erscheint nun die Figur des Daimon in unserer gegenwärtigen Lebenswelt, die von der Kultur des späten Kapitalismus und seinen hochkomplexen maschinischen Assemblagen charakterisiert ist? Wie lässt sich der Anteil des Daimonischen an gegenwärtigen Subjektivierungsformen konzipieren?

In seinem Postskriptum über die Kontrollgesellschaften verweist Gilles Deleuze 1990 in Anlehnung an Foucault auf eine zentrale Wandlung der Individuen in der Transformation von Disziplinar – zu Kontrollgesellschaften, wenn er schreibt, “die Individuen sind dividuell geworden, und die Massen Stichproben, Daten, Märkte oder Banken”.[2] Im Gegensatz zur Einschließung in die Strukturen der Disziplinargesellschaft seien die Subjekte der Kontrollgesellschaft einem ständig modulierenden Zugriff ausgesetzt, welcher die Subjekte “durchläuft und in sich selbst spaltet”.[3] Diese Form der Kontrolle, die mit der zunehmenden Bedeutung digitaler Technologien einhergeht, bringt korrespondierende Subjektivierungsformen hervor, die sich durch das Zusammenspiel von Selbstbeobachtung und Selbstregulierung auf der einen Seite und einer stetigen Zunahme systemisch-maschinischer Impulse auf der anderen auszeichnen. Gerald Raunig beschreibt diese Situation anhand des gegenwärtigen Verkehrs sehr präzise: “Menschen haben nach wie vor das Gefühl der souveränen Steuerung (z.B. wenn sie eines der durchschnittlich viereinhalb Ziele angeben, die sie täglich anpeilen), zugleich steuert und fügt sich alles, egal ob Ding, Mensch oder sozialer Verkehr, im maschinischen Tracking selbst: keine Einschließung mehr Selbstführung aller Komponenten im offenen Milieu, die sich möglichst elegant aneinander vorbei bewegen und je nach Identifizierung des Einzeldings (von der Kennzahl des Autos über die maschinische Gesichtserkennung seiner InsassInnen bis hin zu den massenhaften Bewegungen von unteschiedlichen Fahrzeugen) einer Mannigfaltigkeit von Öffnungen und Schließungen.”[4] Die scheinbar bewußte und autonome Steuerung in diesem räumlich physischen Sinn ist also hier als Ergebnis sich permanent überlappender kybernetischer Abgleichungsprozesse zwischen verschiedensten Elementen zu verstehen.

In vieler Hinsicht scheint eine gegenwärtige Version jener lenkenden “inneren Stimme”, die sich im sokratischen Daimon manifestierte, von der kybernetischen Verfasstheit spätkapitalistischer Gesellschaftssysteme und damit auch deren politischer und technologischer Grundlagen gekennzeichnet zu sein. Aber auch in dieser Variante operiert das Daimonische jenseits des Logos, vornehmlich im Bereich dessen was Maurizio Lazzarato als “a-signifikante Semiotiken”[5] bezeichnet, wenn er schreibt: “Haben die signifikanten Semiotiken eine Funktion der subjektiven Entfremdung, der „sozialen Unterwerfung“, so ist die Funktion der a-signifikanten Semiotiken jene der „maschinischen Indienstnahme“. Die a-signifikanten Semiotiken bewirken eine Synchronisierung und Modulation der präindividuellen und vorsprachlichen Komponenten der Subjektivität, indem sie Affekte, Wahrnehmungen, Emotionen etc. als Bestandteile, Komponenten und Elemente einer Maschine in Gang setzen (maschinische Indienstnahme). Wir alle können als Input/Output-Komponenten semiotischer Maschinen funktionieren, als einfache Relais von Fernsehen oder Internet, die die Weitergabe von Information, Kommunikation und Affekten bewerkstelligen und/oder verhindern.”[6] A-signifikante Semiotiken besetzen Schnittstellen des Dividuums, indem sie sich gleichermaßen als mit einem größeren Netz von Impulsen geteilte und damit molar synchronisierende, wie auch molekular die Subjekte durchlaufende und damit trennende Kräfte erweisen. Die Welt der a-signifikanten Semiotiken ist die jener maschinischen Anordnungen, denen wir im urbanen Alltagsleben permanent begegnen. Wir treten in ihr Wirkungsfeld, wenn wir Bankomaten bedienen oder den automatisierten Verkehrsleitsystemen in unseren Städten (unbewusst) Folge leisten. Eine Flugreise zu unternehmen bedeutet zum Dividuum zu werden, das als Teil einer Gruppe gezählt und während des Aufenthaltes am Flughafen verfolgt wird, dessen Ticket von Maschinen gelesen und akzeptiert oder abgelehnt werden kann, während Überwachungskameras übliche von unüblichen Bewegungsmustern unterscheiden. Der gesamte Weg durch den Flughafen wird von automatischen Signalsystemen vorgegeben, die immer auch größere Gruppen von Individuen im Blick haben: Bitte warten bis die Sicherheitskontrolle vorbei ist; bei rot stehen, bei grün einen Schritt nach vorne zur Passkontrolle machen, die wiederum den Abgleich mit einer Datenbank bedeutet. All diese höchst komplexen, miteinander zeitnah verkoppelten Prozesse sind durchzogen von einer permanenten Wechselwirkung zwischen signifikanten semiotischen Prozessen, die das Dividuum an die jeweiligen Sicherheitsnormen und Gesetze erinnern (Unterwerfung) und jenen a-signifikanten Prozessen, die unter der Schwelle der bewussten Wahrnehmung affizieren, lenken und steuern (maschinische Indienstnahme). Die Wirkungsweise des Daimon ist in einer solchen Situation mit der Summe all jener a-signifikanten Wechselwirkungen identifizierbar, die das Subjekt des Flugreisenden mitkonstituieren. Wesentlich ist hier, dass es sich um das Aufeinandertreffen zweier Welten handelt: die Welt der Sicherheits- und Transportmaschine Flughafen und jene der Passagiere. Daimon nimmt auch hier die Mittlerfunktion ein, hat Teil an jenen Prozessen, die zunächst unbemerkt im Hintergrund ablaufen, muss aber, um seine volle Wirksamkeit entfalten zu können, auch eine permanente Präsenz in den zu transportierenden Subjekten erzeugen, die sich jenseits ihrer bewussten Aufmerksamkeit entfaltet.

Die Figur des Daimon lässt sich auch in jenen algorithmischen Formen erkennen, die zunehmend den individuellen Zugang zu Informationen rahmen, wie etwa in der individualisierten Form von Suchergebnissen der großen Internetsuchmaschinen oder der Warenvorschläge der Einkaufsplattformen. Auch hier laufen auf das Dividuum in jenem Sinne zugeschnittene Prozesse ab, die etwa statistische Übereinstimmungen zwischen verschiedenen Sucher- oder Käufergruppen das jeweilige Resultat mitkonfigurieren. Auch diese Algorithmen, die ja oft urheberrechtlich geschützt und als wesentliches Geschäftsmerkmal verstanden werden, sind der Ratio des Benutzers nicht direkt zugänglich und erscheinen daher in gewisser Weise als das Ergebnis “magischer” Vorgänge. In jenem Sinne, in dem Formate zum reibungslosen Austausch von Daten und Waren unerlässlich sind, werden auch zunehmend die Benutzer verschiedenster Kommunikationsplattformen zu einer freiwilligen Selbstformatierung bewegt, die durchaus zur Domäne des Daimon gerechnet werden kann. Diese Selbstformatierung, die nicht als explizit angefordert oder etwa befohlen wahrgenommen wird, sondern als freiwillig erlebter emergenter, modulierender Prozess sichtbar wird, kann man anhand der Art der ästhetisch-formalen Zurichtung der Selfies in Kommunikationsplattformen wie Instagram oder Snapchat sehr gut beobachten. Wieder sind es großteils a-signifikante semiotische Flüsse, die zum Entstehen geteilter, temporär wirksamer aber durchaus spezifischer Formen der Selbstpräsentation beitragen, während der Vorgang selbst von den Akteuren als Möglichkeit zur Individuation eingestuft wird. Gerald Raunig merkt in seiner Analyse des Dividuums an, dass das Verhältnis zwischen Subjekt und maschineller Form kein Eindringen der Maschine in den Körper, und auch nicht umgekehrt ein Eindringen des Menschen in die Maschine darstellt, sondern “eher eine unendliche Annäherung an die technischen Apparate, die den materiellen wie immateriellen Verkehr unendlich ausdifferenziert.”[7] Eine gegenwärtige Lesart des Daimon verstünde ihn genau als den Mittler jener unendlichen Annäherung, jene Instanz, die den Kommunikationsfluss aufrechterhält und steuert, auch und gerade im Wirkungsfeld a-signifikanter Informationsflüsse. Um dessen Wirkungsweise zu erhellen, wird es also nötig sein sich diesem in der Kritik bisher zu wenig beachteten Phänomen in Zukunft genauer zu widmen.


Einzelnachweise

  1. Johann Wolfgang von Goethe (1960) Berliner Ausgabe. Kunsttheoretische Schriften und Übersetzungen [Band 17–22], Band 17, Berlin 1960 ff.
  2. Gilles Deleuze (1990) L'autre journal, Nr. I, Mai 1990.
  3. Ibid. 257.
  4. Gerald Raunig (2015) Dividuum, transversal texts, Wien, S.140.
  5. Maurizio Lazzarato (2006) Der „semiotische Pluralismus“ und die neue Regierung der Zeichen. Hommage an Félix Guattari http://eipcp.net/transversal/0107/lazzarato/de
  6. Ibid.
  7. Gerald Raunig (2015) Dividuum, transversal texts, Wien, S.144.