Sternenrotz: Daimon Cult

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STERNENROTZ Feuerstein 01.jpg STERNENROTZ (KINOSKULPTUR) / ASTRAL JELLY (CINEMA SCULPTURE), 2015 Glas, phosphoreszierender Schleim, Pumpe, Hörstück (100 min.), Maße variabel. Biochemische Konzeption: Thomas Seppi, Stimme: Tina Muliar, Komposition: szely, Produktion: Peter Szely and Ö1 Kunstradio, Text: Sternenrotz. Daimon Cult von Thomas Feuerstein


Thomas Feuerstein


Inhaltsverzeichnis

Neunaugen

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Ebbe hat eingesetzt, und die Gironde schiebt träge ihr Wasser Richtung Atlantik. Es ist kurz nach vier Uhr morgens, als Rei und Lara ins Zodiac steigen. Jacques sitzt gähnend hinter dem Ruderstand und drückt den Anlasser des Außenborders. Der Zweitakter spuckt Kühlwasser ins Hafenbecken, und langsam nimmt das Schlauchboot Fahrt auf. Vorbei an den noblen Yachten und ein letzter Blick auf das schummrig beleuchtete Pauillac. In den Sommerferien suchen Touristenscharen die Gegend heim, um zu sonnen, aber vor allem um zu essen und Bordeaux zu trinken. Ende April ist es auf der Médoc-Halbinsel bis auf die gelegentlichen Frühjahrsstürme ruhig. Die Mole passiert, gibt Jacques Gas, und in einer steilen Kurve schwenkt die schwarze Küstenlinie der Île de Patiras vorüber. Es geht flussabwärts dem Atlantik entgegen zu einer verborgenen Stelle. Sie sind auf der Suche nach Neunaugen, in Lauchsoße mit Knoblauchbrot eine Spezialität der Region. Als sie die flachgründige Senkungsküste erreichen, drosselt Jacques den Motor. Die Morgendämmerung ist angebrochen und taucht die Flussmündung in ein dunkles Azuritblau. Sie halten nach einer weißen Boje Ausschau, die müde in der anrollenden Brandung schaukelt. Jeder Handgriff ist Routine und verläuft wortlos. Lara lehnt sich über den Gummirumpf und macht mit einem doppelten Schotstek die Leine fest. Mit einem Haken holt Rei ein von Fadenalgen und Muscheln bewachsenes Tau ein und zieht mit Jacques eine Reuse aus Aluminium und Kunststoff aus der Tiefe, die an eine abstrakte Skulptur erinnert. An der Unterseite führen spiralförmig sieben sich konisch verjüngende und ineinander verschachtelte Röhren ins Innere des Behälters, wo sich eine futuristisch anmutende Edelstahlpatrone mit dem Sexualhormon 3kPZS befindet. Meerneunaugen werden davon magisch angelockt und verknoten sich ekstatisch um den Duftspender. Mit einem gekonnten Griff öffnet Rei das Reusengitter und packt mit einem dicken Handschuh das Tierknäuel wie ein Medusenhaupt. Jacques und Lara eilen ihm zu Hilfe und zerren die Schlangenkörper ins Boot. Der Schiffsboden wird glitschig, und die Tiere quetschen sich den Gummiwülsten entlang. Jacques hat Respekt vor den Biestern.

„Passt auf, dass sie euch nicht in die Stiefel kriechen. Sie schlagen ihre spitzen Hakenzähne in Schenkel und Unterarme.“

Immer mehr Schleim bedeckt Kleidung und Boot, und das Einfangen zehrt an den Kräften. Stück für Stück füllt sich der Transportbehälter vor dem Ruderstand und verwandelt den Wassertank in ein brodelndes Gemenge. Einige Exemplare sind von ungewöhnlicher Größe. Während Jacques die Tiere am liebsten als Lamproie à la bordelaise mit einem Glas Moulin Haut Laroque genießt, interessieren sich der Genetiker Rei und seine Dissertantin Lara vor allem für ihr Erbgut. Sie sammeln Genproben von Neunaugen auf der ganzen Welt, vom Donaudelta bis Patagonien.

Die aufsteigende Sonne vertreibt die Morgenkälte, und die Stimmung an Bord wird gesprächiger. Jacques entkorkt eine Flasche Cidre und schenkt in Blechtassen eine Runde aus.

„Das Ästuar hat sich die letzten Jahre verändert. Der Fluss und das Meer sprechen heute eine andere Sprache. Ihr Wissenschaftler staunt über die Artenvielfalt und vergesst die Zusammenhänge. Eine Flussmündung spricht mit vielen Stimmen aus einem Mund, und ich höre, wenn sich Fremdes untermischt. Früher waren es Zink und Kadmium aus der Industrie, die sich im Schlamm anreicherten. Heute sind es fremde Arten. Es fing 2004 mit dem Fang eines harmlosen Piranha an. Von da an passierten unvorhergesehene Dinge. Das Ästuar wird geschwätzig.“ Lara ist nicht nach Fischerlatein. „Ich bin hungrig. Lasst uns fahren.“

Am Anleger wartet Zoé am Pickup mit Stanzen für die Biopsie. Lara fasst die Tiere am Kopf und fährt gekonnt mit dem behandschuhten Zeigefinger ins Maul. Rei ertastet am Bauch die Keimdrüsen und knipst mit der Stanze eine Probe aus dem Gewebe. Zoé nimmt einen Schleimabstrich und verfrachtet die sich windenden Körper in den Tank auf der Ladefläche. Nach einer Viertelstunde ist alles vorbei. Die Proben liegen verpackt und beschriftet in der Kühlbox. Rei und Lara klettern mit Jacques auf den Pickup, und Zoé steuert durch die Rue Victor Hugo zu Jacques’ Restaurant. Sie schälen sich aus den Overalls und schweren Stiefeln und freuen sich auf ein kräftiges Frühstück. Zoé verschwindet barfuß mit den Lampreten in die Küche, während Jacques mit Kreide auf die Schiefertafel neben dem Eingang „MARÉE DU JOUR! LAMPROIE À LA BORDE-LAISE“ schreibt.

„Ich bin froh, diese Bestien in der Küche zu haben. Sie werden von Jahr zu Jahr aggressiver und beißen Touristen. Letzten Sommer hatten wir vier Vorfälle, und die Medien stürzten sich wie wild auf verwirrte Pensionisten und schreiende Mütter. Wie Blutegel saugen sie sich fest, raspeln kleine Fleischstücke aus Rücken und Beinen und hinterlassen runde Narben.“

Lara öffnet eine Flasche Caillou Blanc, und sie heben die Gläser, um auf den milden Frühlingsmorgen anzustoßen.

„Jacques, sie zapfen nicht nur Blut, sie wollen auch deine Gene. Neunaugen sind Jäger und Sammler. Sie haben regelrecht einen DNA-Zoo angelegt mit Genen verschiedener Fischarten, aber auch von Warmblütlern und Menschen. Diese Urzeitwesen scheinen einen Weg gefunden zu haben, sich mit anderen Arten auszutauschen. Mit jedem Biss kommt es zu einem blutigen Download."

Rei nimmt einen Schluck kaltes Wasser und fällt Lara ins Wort.

„Seit Jahrmillionen haben sich diese lebenden Fossilien kaum verändert. Deswegen studieren wir ihr Erbgut. In manchen Exemplaren haben wir eine Vielzahl springender Gene entdeckt. Das Besondere daran ist, dass sich diese sogenannten Transposons nicht durch Mutation bilden, sondern auf unbekannte Weise von einer Art auf eine andere übertragen werden. Das ist viel aufregender als normaler Sex.“

Zoé bringt Weißbrot, Butter und Crevettes blanches mit Anis. Sie ist Meeresbiologin aus der Bretagne und arbeitet an der Forschungsstation Biologique de Roscoff. „Was haltet ihr von den Neunaugen? Ich meine nicht die Tiere, sondern die Organisation. Vor zwei Jahren begann es. Seitdem finden sich an Hauswänden, auf Bussen und Felsblöcken immer mehr Graffitis mit neun Augen in einer Schlangenlinie.“

„Du meinst die mit der Inschrift JOIN, or DIE?“, unterbricht Jacques. „Das sind Bioaktivisten aus Paris. Die sind nicht von hier. Die machten letzten Herbst ein Happening am Strand von Soulac-sur-Mer. Sie sprühten den Sand mit Bakterien ein, und innerhalb weniger Stunden wuchs ein schleimiger Biofilm in psychedelischen Farben. Die Leute waren aufgebracht, und keiner wusste, was los war. Der Bürgermeister sprach zuerst von einem Naturwunder. Zwei Tage später verkündete er auf France 24, diese Terroristen zur Strecke zu bringen. Schließlich stellte sich heraus, dass die Bakterien harmlos waren. Im Gegenteil, die Mikroorganismen reinigten den verschmutzen Sand und schrieben neben-bei auf über hundert Meter Strandabschnitt JOIN, or DIE.“


Protoplasma

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Drei Wochen später hält Rei in Bremen am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie eine Blockvorlesung über die Rolle von Glycoproteinen bei der Schleimbildung. Rei ist einer von fünf Spezialisten auf diesem Gebiet weltweit, und exakt gleichviele Studenten teilen sein Interesse im Seminarraum. Er befreit sich gerade vom Schleim eines Ingers, der gemeinsam mit den Neunaugen zur Klasse der Cyclostomata gehört, als Hans-Peter den Kopf durch Tür steckt. „Rei, kommen Sie doch bitte in mein Labor, ich habe was für sie, das zum Thema passt.“

Nach zwei Treppenabgängen steht Rei mit den Studenten vor einem Bioreaktor.

„Das Zeug stammt aus einem Stollen bei Sulzberg in Bayern. Es überzieht dort Wände und Böden, und lange Tropfen hängen wie Stalaktiten von der Decke. Der Stollen wurde erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt, und eine Probe kam über Umwegen zu mir. Der Glibber lässt sich gut kultivieren, wächst wie verrückt und passt sich den Umweltbedingungen schnell an. An sich handelt es sich bei dem weißlich-gelben Schleim um einen klassischen Biofilm, der aus mehreren Dutzend Mikroorganismen besteht. Anderseits schwimmt in der hochviskosen Soße jede Menge DNA frei herum. Es scheint, als würden die Zellen ihre Kerne nach außen freisetzen und wie bei einem Schleimpilz ein Plasmodium bilden.“ „Ihr erinnert euch an die Schleimpilze, diese wundersamen Lebensformen. Am Anfang stehen einzellige Amöben, die sich unter bestimmten Umweltbedingungen zusammenrotten und zu einer vielzelligen Protoplasmamasse verschmelzen. Diese biologische Multitude bildet eine einzige Riesen-zelle und kriecht langsam wie ein Alien über den Boden. Schließlich wachsen pilzartige Fruchtkörper, und nahezu alle ehemaligen Amöben opfern sich. Nur wenige werden zu Sporen und können ihr Genom weitergeben. Für mich eine Vorwegnahme christlicher Ideen und ein Leviathan der Biologie, eine Allegorie der Staatenbildung.“

„Professor Rei, auf deutschen Universitäten vermeiden wir die Verknüpfung von Biologie mit Ideologie. Aber ich pflichte ihnen bei, in gewisser Weise erinnert diese Lebensform an einen Alien. Zu unserem Erstaunen haben wir festgestellt, dass der Biofilm mehr Aminosäuren nutzt als normales Leben. Es stehen Hunderte in der Natur zur Verfügung, aber nur gut 20 finden sich in menschlichen Zellen. In der Wabbelmasse stecken viele Dutzend, die aktiv genutzt werden. Führen wir molekular Glukose und andere Energieträger zu, wächst das System quantitativ. Füttern wir organisch, sprich: lebende Zellen, werden Gene sofort integriert. Aber ich komme jetzt auf den Punkt, weshalb ich sie gerufen habe. Bei diesem Schleim steht die Biologie Kopf. Die Hälfte des Materials ist xenobiologisch und passt nicht zu den im Schleim identifizierten Bakterien. Genetisch deckt sich aber Einiges mit den Transposons der Neunaugen. Können Sie sich vorstellen, dass die Neunaugen genetischer Träger dieses Schleims sind?“ „Das ist verwirrend. Der Parasit wäre dann der Wirt, und die Tiere wür-den als archaische Server fungieren, auf denen Information zwischengespeichert wird.“

„Vielleicht nur ein Zwischenwirt. Die Endwirte wären alle möglichen Organismen, mit denen die Neunaugen Kontakt haben. Der Schleim ist vielleicht wesentlich älteren Ursprungs, ein primordiales Swamp Thing aus der Ursuppe.“

„Also ein Slime Thing?“

Die Studenten lachen verhalten, aber immerhin kommt etwas Stimmung auf. Boris ist im 24. Semester und leidenschaftlicher Astrobiologe.

„Das ist Sternenrotz. Wir nennen es auch Meteorgallerte, Star Jelly oder Astromyxin. Im Mittelalter wurde es als stella terrae bezeichnet. Man findet Berichte in unterschiedlichen Kulturen auf allen Kontinenten. Bis heute wird Es vermehrt nach Meteoriteneinschlägen gesichtet. Mikrobiologen erklären die Erscheinungen mit Exkrementen von Vögeln und Säugern, die Reste von Amphibienlaich ausscheiden. Andere vermuten Schleimpilze dahinter. Aber das macht keinen Sinn. Die molekularen Zusammensetzungen variieren, und es gibt zu viele Abweichungen von bekannten organischen Materialien. Es kursieren zahlreiche Vermutungen, aber es finden sich nur wenige Publikationen. Die Informationen werden unter der Hand getauscht. Kein Wissenschaftler will als unseriös oder verrückt gelten und seine Karriere gefährden. Außerdem wäre die Kränkung für alle Gläubigen zu groß, wenn sich herausstellt, dass wir nicht göttliche Ebenbilder, sondern Schleimgeborene sind.“

Boris ist eigentlich wortkarg, aber einmal warmgeredet, ist er nicht zu bremsen. „Für mich gibt es keinen Zweifel: Alles Leben kommt aus dem Schleim. Und sterben wir, werden wir wieder zu Schleim. Wir fürchten uns vor Schleim, weil er für einen dunklen Vitalismus steht und wir ihn mit Sepsis, Verwesung und Horror verbinden. Er ist archaisch und scheint unkontrollierbar und gefährlich. Für uns Astro- und Xenobiologen ist Schleim dagegen der Stoff, aus dem die Träume sind. Wir glauben immer noch an Erkenntnis, die den Verstand übersteigt, und fragen uns: Wie entstand das Leben aus dem Schleim einer Planetarien Ursuppe? Was strukturiert Materie und bringt immer komplexere Verbindungen hervor? Welche emergente Kraft verbindet Atome zu Aminosäuren, Proteinen und Zellen? Schleimsein oder Nichtsein, das ist die Frage.“

Rei und Hans-Peter schauen gespannt durch das gläserne Reaktorgefäß und beobachten, wie die zu kleinen Tröpfchen kondensierte Feuchtigkeit vom Schleim absorbiert wird. Hans-Peter öffnet den Kühlschrank und stellt ungefragt jedem eine Flasche Beck’s auf den Tisch, was Boris als Einladung zum Weiterdozieren versteht.

„Sperma, Blut, Eingeweideflüssigkeiten, Lymphe, Speichel. Der Mensch ist ein Schleimwesen, und weil wir uns dafür schämen, haben wir Kultur erfunden, um dem Schleim zu entrinnen. Kultur heißt, einen trockenen und festen Aggregatzustand einzunehmen. Ein verzweifelter Versuch, die Dinge zu stabilisieren, damit sie uns nicht entgleiten. Gesetze, Museen, Bibliotheken, Archive, Regeln, Moral, Riten sind Konservierungsstrategien. Kultur ist ein aussichtsloser Kampf gegen Entropie, Verwesung und Verfall. Sind wir krank, spucken wir Schleim. Quillt Schleim aus unseren Körperöffnungen, fürchten wir, uns aufzulösen. Schleim hat etwas Alarmierendes, Infektiöses und Epidemisches. Er rinnt aus allen Poren, benetzt unsere Haut und vernetzt uns mit allem, was wir berühren. Er steckt uns an und macht uns zum Teil seines Systems, indem wir zum Nährboden seiner Existenz werden. Wir haben Angst vor ihm, weil er uns bewusst macht, dass wir nur ein Schleimpatzen unter anderen sind. Schleim kennt keine Grenzen, er kriecht, fließt und tropft über alle Hindernisse hinweg. Es gibt aber keinen Grund für Furcht und Schrecken. Das Fließende verbindet uns Menschen. Wir lösen uns im Schleim auf und vermengen unsere Zellsäfte. Wäre uns bewusst, dass wir alle ein Plasma, ein einziger wabernder Biofilm sind, wären alle Kriege vorüber. Schopenhauer schrieb über den Schimmelüberzug der Welt, der lebende und erkennende Wesen erzeugt hat, und meinte damit einen Schleim wie diesen. Wenn ihr mich fragt, was sich im Bioreaktor vor uns befindet, antworte ich mit Schopenhauer: Das ist die empirische Wahrheit, das Reale, die Welt.“ Zurück im Hotel legt sich Rei aufs Bett und fällt in einen Halbschlaf. Das Laken wird feucht, und von der Decke tropfen dünne Fäden. Aus allen Ritzen im Zimmer quillt zähe Gallerte und taucht den Raum in fahles Licht. Die Luft riecht nach Methan. Hinter der halb geöffneten Kastentür gegenüber dem Bett spannen sich Schleimfetzen wie nasse Tücher über die Kleiderbügel. Sie dehnen sich bis zu der Schuhablage und formen schlaffe Hautsäcke ausgeronnener Körper. In einem langsamen Rhythmus blähen sie sich zu Blasen auf und verändern ständig ihre Kontur. Eine seltsame Skulptur ohne Gestalt, Bestand und Struktur. Alles scheint haltlos und ohne Identität. Der Schleim unterläuft jede Ordnung und gehorcht einem unheimlichen Prozess. Nichts ist vorhersehbar. Innerhalb der Schleimwelt gibt es keine Maßstäbe, keine ruhende Zeit, keine dauernden Zustände, keinen Anfang und kein Ende. Das Ferne und das Nahe sind unscharf und verschwommen. Der Schleim wirkt wie eine Linse ohne Fokus und Tiefenschärfe, die Raum und Zeit nivelliert und keine Unterscheidungen und Gegensätze zulässt. Die Bilder sind ohne Vorder- und Hintergrund, ohne Perspektive und Tiefe. Sie sind flach wie ein Manet und spannen eine hyperbolische Folie in den Raum, auf der diffus ein von innen projizierter Film schimmert. Die Indifferenz schafft ein Ineinander des Verschiedenen, das sich verschlingt und mischt, um variantenreich blubbernde Schlieren hervorzubringen. Der Schleim am Teppich gleicht einem Ozean, auf dem Wellen unscharfe Gestalten zeichnen, die von Strudeln nach unten gerissen werden. Behutsam tastet Rei nach einem Tropfen, der sich über die Nachttischlampe schiebt. Mit der Fingerspitze taucht er in die an nasse Ölfarbe erinnernde Masse. Ein Teil löst sich und bleibt als vibrierender Kegel auf seiner Fingerkuppe haften. Weitere Tropfen lösen sich und formieren dreidimensionale Pixel zu einem Gemälde im Raum. Jeder Punkt schillert in einer anderen Farbe und konstelliert sich zu einem Pointilismus unbekannter Art. Das Bild faltet und dehnt sich zu Bändern, die sich wie von einem Taffy Puller scheinbar unendlich gestreckt und geknetet zu einem Relief von Frank Stella verknoten. Kurz darauf implodiert das skulpturale Gebilde und saugt den Schleim wie ein Attraktor aus allen Winkeln des Raumes. Das Unheimliche weicht einem interesselosen Wohlgefallen, und in einem ruhig knisternden neuronalen Feuer lodern Gedanken. Für Rei steht fest, das sind keine Bilder seines Unterbewusstseins. Das ist kein Surrealismus. Das ist etwas Subreales, eine Schicht unter der Realität oder vielleicht das Reale an sich. Etwas, das revolutionär ontisch ist. Soll Kunst uns der Realität näher bringen oder eine eigene Wirklichkeit erzeugen? Ist Kunst eine Droge oder ein Alka-Seltzer? Hat sie Erkenntnisfunktion, und zeigt sie uns Geheimnisse der Existenz, oder hilft sie uns, unsere Existenz unbeschadet zu überstehen? Ist Kunst ein Eskapismus oder eine Konfrontation mit der Welt? Gibt sie Antworten, oder stellt sie Fragen? Ist Kunst ein Ästhetikum oder Anästhetikum?

Rei betrachtete Kunst bisher als Scheinwelt. Sie fungierte als Accessoire der Reichen und diente der sozialen Distinktion. Kunst kam von Gagosian wie Taschen und Schuhe von Gucci oder Prada. Doch nun, unmittelbar vor seinen Augen, spielt sich etwas radikal anderes ab. Das Fiktive und das Reale stehen nicht länger im Widerspruch, und die Unterscheidung zwischen Kunst und Natur erscheint plötzlich bedeutungslos. Kunst ist mehr als eine symbolische Sprache, mehr als Metapher und Allegorie. Sie ist keine imaginäre Scheinwelt, sie ist reale Schleimwelt.

Leise schleichen sich Töne ein und spielen eine vertraute Melodie, Some Velvet Morning von Lee Hazlewood. Es ist sein Klingelton.

„Rei, kommen Sie nach Paris. Es gibt Neuigkeiten. Nehmen Sie den Zug um 8.44 Uhr – ich hole Sie um 15.59 am Gare du Nord ab. Außerdem vermisse ich Sie.“


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Eine Stunde später sitzt Rei im IC und denkt an Zoé. Ihr letzter Satz am Telefon geht ihm nicht aus dem Ohr. Er schließt die Augen und mustert die Worte als stehende Welle, die er wie ein Saurierskelett im Naturhistorischen Museum umschreitet. Ein Gefühl der Vertrautheit steigt in ihm auf. Vielleicht ist es ein Volltreffer Amors oder doch nur ein Hormonschub Oxytocin.

Der Blick aus dem fahrenden Zug zeigt keine Blumen am Feldrain. Bäume und Häuser vermischen sich auf eine verrückte Weise mit dem Horizont. Alles, was wir denken, ist ein Echo. Aber die Echos werden schneller und dehnen sich. Dopplereffekte überall. Erinnerungen werden von Ereignissen eingeholt. Sie zerfließen und schlagen Wellen. Die Dinge, die geschehen, sind schon geschehen, aber erst im Moment des Geschehens geben sie die Erinnerung frei. Das Sich-Erinnern und das Beobachten des Moments laufen parallel und ermöglichen keine gegenseitige Beeinflussung, weil sie identisch sind. Das Wissen um die Zukunft kann die Gegenwart nicht berühren. Leben wir wirklich in der Posthistorie? Ist alles, was geschieht, bereits geschehen? Wenn alles Gesprochene von schwingenden Atomen getragen wird, bilden die Schwingungen ein unvergängliches Archiv alles Gewesenen. Vielleicht sind ab einem bestimmten Punkt die Interferenzen stark genug, um auf die Gegenwart zurückzuwirken. Charles Babbage dachte, dass alle Geräusche und ausgesprochenen Wörter in Atomen gespeichert sind. Materie wäre demnach eine universelle Bibliothek, die von einem Dämon zweiter Ordnung ausgelesen werden könnte, um Informationen und Beweise aller Art bis hin zur Aufklärung von Verbrechen abzurufen. Jedes Sandkorn und Luftmolekül wäre Teil eines gigantischen Speichers, und selbst die Atome unseres Körpers wären voller Daten. Die biologische Introspektion muss tiefer gehen und der Erkenntnis folgen, dass der Mensch in das Fleisch, das er ist, hinabsteigen muss, um jene Regionen zu erreichen, an denen die Verwandtschaft der Materie mit dem Geist offenbar wird.

Der Zug rollt quietschend über die letzten Weichen und kommt am zentralen Gleis des Kopfbahnhofes zu stehen. Zoé wartet am Ende des Bahnsteiges.

„Rei, Sie sehen blass aus. Sie brauchen eine Dusche, aber zuvor trinken wir einen Pastis und schlürfen Belon-Austern in meiner Lieblingsbrasserie Cap Vernet. Sie liegt am Weg. Übrigens, Sie schlafen bei mir. Das Institut weiß nichts von Ihrem Aufenthalt und zahlt ohnehin nur Spesen für windige Absteigen.“

„Erzählen Sie mir von den Neuigkeiten.“

„Alles der Reihe nach und niemals auf hungrigen Magen. Wir werden heute Abend eine Ausstellung besuchen und Mitglieder der Neunaugen treffen.“ Zoé ist Anfang dreißig und machte ihren Abschluss in allgemeiner Biologie an der Université Pierre et Marie Curie in Paris, bevor sie in Roscoff über mikrobiologische Habitate in der Tiefsee dissertierte. Mit achtzehn wollte sie wie viele Wale retten, aber während des Studiums erwachte ihr Interesse für tote Wale. Bis zu 130 Tonnen Fleisch, Fett und Knochen sinken beim Tod eines Wals auf den Meeresgrund und bilden eine Fressinsel für unzählige Arten. Flohkrebse, Schleimaale und Haie fallen über den Kadaver her. Borstenwürmer, Muscheln und Schnecken erledigen den Rest. 45.000 Tiere auf einem Quadratmeter Meeresboden sind keine Seltenheit. Walkadaver sind gigantische verrottende Schleimhaufen, die Biofilme und Bakterienrasen mit rätselhaften biochemischen Eigenschaften hervorbringen. Die sogenannten Flokati-Würmer, die zu Tausenden wie Teppichflusen vom Walgerippe hängen, lassen an Lovecrafts Necronomicon denken. Zoé hat sich auf Osedax, den Knochenfresser, auch „blinder Zombie-Wurm“ genannt, spezialisiert. Der Ringelwurm injiziert Bakterienschleim zur Fettverdauung in das Knochenmark und ist auch außen über und über mit Schleim bedeckt, was Zoé während ihrer Doktorarbeit zu Rei führte. Nach dem vierten Pastis fühlen sie sich entspannt und erfrischt. Rei würde noch gerne einen Chablis und Livarot bestellen, der vom Nachbartisch herüberriecht, aber Zoé drängt zum Aufbruch. In der Rue Newton bewohnt Zoé das Apartment ihrer Schwester, die Kunst studiert und wegen eines Stipendiums ein Jahr in Turin verbringt. Nach einer schnellen Dusche stehen sie wieder auf der Straße und drängen sich in ein Taxi. Es ist kurz nach acht, und der Verkehr rollt langsam. Eine halbe Stunde später hält der Wagen vor einem Gebäude mit der Aufschrift Maison Mise en Misère. Jugendliche in Kapuzenpullis, ältere Herren in schwarzen Rollis und Schaftstiefeln posieren vor dem Eingang und rauchen Gitanes und Joints. Hinter dem breiten Eingangstor öffnet sich eine hohe Halle, fensterlos und nahezu quadratisch im Grundriss. In dem großen weißgetünchten Raum gruppiert sich eine Menschenmenge um eine weißgekleidete Dame an einem Rednerpult. Rei blickt sich nach Werken um, doch die Ausstellung ist bis auf die Besucher leer. Er befürchtet Performancekunst, die für ihn Theater ohne Stühle und Folter für die Sinne verspricht. Die Dame in Weiß beginnt leise ihre Eröffnungsrede. Sie spricht von Leere und Immaterialität, von Raum und Reduktion, von Ausdruck und Präsenz. Wie langweilig diese Reenactments, und das Platteste ist wohl, Yves Kleins Ausstellung Le Vide bei Iris Clert nachzustellen.

Die Stimme wird fester, und die Worte ziehen die Besucher in den Bann. Die Sätze schweben und werden zu Objekten, die sich atmosphärisch im Raum verteilen und sich wie Exponate materialisieren. Der Text bewirkt eine Endorphinausschüttung. Er ist doppelcodiert, einmal in Form einer schnöden Geschichte, die sich leicht und unverbindlich anhört, und dann dieser Subtext, geschrieben für die Moleküle des Körpers. Das Gehirn folgt den Anweisungen wie einem Bauplan, löscht und verschiebt Inhalte, um neuen Verbindungen Platz zu machen. Die symbolisch codierten Wörter übersetzen sich in molekulare Strukturen und schaffen eine neuronale Realität. Das Bewusstsein wandelt sich tiefgreifend, und die Grenzen zwischen den Besuchern lösen sich auf. Die Eröffnungsrednerin haucht den Satz „Die Ausstellung ist jetzt“, und der helle weiße Raum färbt sich rot, violett, dann purpur. Raum und Zeit erfahren eine fundamentale Umstrukturierung, und Rei glaubt sich an einem anderen Ort. Er empfindet Gleichgewichts- und Orientierungsstörungen, und ein koordinierter Bewegungsablauf zum Buffet ist nur eingeschränkt möglich. Den Besuchern fällt die Schminke aus dem Gesicht, und sie gleichen Carpenters Aliens aus They Live. Rei dämmert es. Großartig, das ist posthypnotische Neurokunst. Keine Materialschlacht, keine Sockel, alles ohne Aura, hundert Prozent neuro-performativ und suggestiv induziert. Es braucht keine Videos und Beamer, jeder ist sein eigener Projektor. Die Brötchen vom Buffet kriechen wie Käfer über den Boden, in den Wänden öffnen sich Risse. Panik bricht aus, und die ersten Besucher stürmen Richtung Ausgang. Kunst ist nicht für jedermann. Übrig bleiben ein paar Kunststudenten, zwei Sammler, ein betrunkener Galerist, der die Rede verschlafen hat, und eine Handvoll Künstler. Ruhe kehrt ein, und die eigentliche Ausstellung kann beginnen.

„Das ist die Apokalypse, die Katharsis des Nichts, die langersehnte Reinigung vom Kapital. Kunst pur. Was bleibt, ist die Leere voller Nuancen. Tous pareils: où est la différence?“

Die Rednerin trägt immer noch ihr weißes Kleid. Es glänzt aber nicht mehr wie Satin, sondern ist pelzig. Sie sieht jetzt aus wie ein Furry, und ihr Kostüm erinnert an das Haarkleid eines Faultiers. Die anthropomorphe Tiergestalt tanzt Rei entgegen und nimmt ihn bei der Hand. Ist es Zoé? Zumindest fühlt es sich so an. Das Werk schwebt unaussprechlich als unendliche Geschichte im Raum. Wie ein unsichtbares Raumschiff im Nebel der Nacht, das auf den letzten Dreck und Abschaum wartet, um ihn zu retten. Die Verbliebenen begreifen sich als eingeschworene Gemeinschaft. Auserwählte der Kunst, Eschatologen, die das jüngste Gericht der Avantgarden überstanden haben und nun in den ewigen Musenolymp der Kunst auffahren.

Im oberen Stockwerk spielt eine fünfköpfige Band schnelle Rhythmen, überlagert von einer einschmeichelnden Melodie. Der Sound klingt invers, irgendwie indisch, zumindest orientalisch. Der ansonsten von Bässen geschlagene Beat ist hoch, und die Melodie wird von tiefen Tönen getragen.

trois, trois – le jour de gloire est arrivé quatre, deux – contre nous de la tyrannie sept, six – que veut cette horde d’esclaves neuf, neuf – marchons, marchons

un, trois, neuf, six, zéro – pour qui ces ignobles entraves cinq, huit, huit, trois – c’est nous qu’on ose méditer neuf, huit, cinq, cinq – liberté, liberté chérie

six, sept, cinq, huit – nous entrerons dans la carrière trois – le jour de gloire est arrivé

Im Argot der Band reimt sich der Text, und Rei summt mit. Die Zahlen kommen ihm bekannt vor, und er überlegt, ob es Telefonnummern oder PIN-Codes sind. Als der Refrain die Zahl wiederholt, fällt es ihm ein. Es ist die Anzahl an Molekülen in einem Liter Wasser: 33427699139605883985567583. Für Rei eine Schlüsselzahl, denn Schleim, der aus bis zu 99,9% Wasser bestehen kann, verändert die Molzahl. Er mustert die Bandmitglieder, die ekstatisch hinter Keyboards stehen und Gitarre und Bass wie Waffen ins Publikum richten. Zwei Männer, drei Frauen wippen ihre Körper wie von einer schweren Dämonomanie erfasst. Eine davon mit Augenklappe. Das müssen die Neunaugen sein. Die Luft ist heiß und feucht. Aus Reis Poren quellen Schweißtropfen, die ab Erbsengröße mäandernd der Schwerkraft folgen und schleimig über die Haut ablaufen, bis sie klebrig in Textilien dringen. Zu trinken gibt es Tono-Bungay mit oder ohne Tonic, mit viel Eis und Zitrone. Rei hat Zoé aus den Augen verloren und sucht nach ihr im Gedränge. Zwei Mädchen in engen weißen T-Shirts schieben sich an ihm vorbei. Auf ihren Brüsten prangen die mit Strass-Steinen bestückten Initialen D&G, die nicht für Dolce und Gabbana, sondern für Deleuze und Guattari stehen. Auf die Frage, wie ihnen Band und Ausstellung gefallen, zitieren sie im Duett. „Das Unglück der Menschen rührt von der Meinung her. Zu Wissenschaft, Philosophie und Kunst gehört stets ‚ein Ich weiß nicht‘, das positiv und schöpferisch, zur Bedingung der Schöpfung selbst geworden ist und darin besteht, dasjenige zu bestimmen, wodurch man nicht weiß.“

Schlagartig wird Rei klar, dass das, wodurch er nicht weiß, seine Bestimmung ist. Zoé ist das Mädchen unter der Perücke an der Bassgitarre und der Schlüssel zu den rätselhaften Ereignissen. Es riecht nach Ärger. Rei hat sich verliebt.


Fiction of no friction

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Wir kommen aus dem Staub und enden als Staub, dazwischen haben wir eine Menge Ausgaben. Den Satz hörte Rei von seinem Vater, der Ökonom war und früher eine Fabrik leitete. Kunst zählt dabei zu jener Sorte von Ausgaben, die dazu bestimmt ist, den Staub der Geschichte zu Geld zu machen. Alles gehorcht der herrschenden Logik des Kapitals und dient der Selbstverwertung der ererbten Werte. Mit wachsendem Reichtum und Erfolg wird das Leben immer ordentlicher. Oder ist es umgekehrt und alles nur eine Täuschung? Mit der Größe des Hauses weiten sich die weißen Wände, und das Bedürfnis nach Kunst erwacht. Die Autos in der Garage, der glitzernde Pool im Garten, der gemähte Rasen, die Kinder auf der Privatschule, die Frau im Kostüm von Versace. Alles ordentlich und aufgeräumt. Zur Kompensation braucht es ausgewiesene Zonen für Chaos und Anarchie. Restmengen, die unter Beweis stellen, dass unter der smarten Oberfläche eine Tiefe ruht, eine unergründliche Erfahrung über die Wildheit des Lebens. Das Hemmungslose ist schon lange ausgetrieben und der Funktion des Alltags geopfert. Was gibt es Besseres in der existenziellen Öde als einen Baselitz an der Wand? Kunst ist teuer und markiert die Klassenzugehörigkeit. Malerei ist expressiv und schreit, ich bin wild und Rock ’n’ Roll. Hehre Kunst soll es sein, aber nicht anspruchsvoll. Kunst hat alles, wovon das Bürgertum nicht genug bekommen kann. Ein öliger Fettfleck an der Wand, triefendes Kapital, ohne Humor und ohne Ernst. Das perfekte, weil ungefährliche Leben im gezähmten Geviert. Der Malerei ist die Welt ohnehin egal. Es geht ihr allein um das Malerische. Das Gegenständliche ist nur Vorwand für das freie Spiel absoluter Arroganz. Zen-Buddhismus für tranquilizergeschädigte Banker. Der soziale Aufstieg ist nicht über Autos und Schmuck, eine Mitgliedschaft im Golfklub oder bei den Rotariern erkaufbar. Wer von ganz unten nach ganz oben will, braucht die Kunst als Passierschein. Sie ist der Schlüssel ins Nirwana des Kapitals. Es gibt im Wesentlichen zwei Sorten von Sammlern. Die Langeweiler, die mit Umsicht in Redundanzen, vor allem in die gemalte Perpetuierung des Identischen der Geschichte investieren, um sich in Watte zu bauschen und im Glauben zu vegetieren, alles bliebe beim Alten. Und jene, die schnelle Kohle eilig verheizen, um ihre finanzielle Potenz unter Beweis zu stellen. Beim Nachhauseweg nach einem guten Geschäft kaufen sie in noblen Galerieboutiquen Dinge, die niemand anderer hat und niemand braucht: Derivate verschwendeter Lebensoptionen. Aus der Küche duftet es nach Gallets bretonnes. Zoé stellt Café au lait in Schalen auf den Tisch und wirft Aspirin ins Wasserglas. Die Nacht war lang, und für eine Rückkehr ins alte Leben ist es zu spät. Rei trieb bislang in der Schwerelosigkeit eines [[|Laplace'scher Dämon | Laplace’schen Universums]] und war von Dämonen besessen, die jeden seiner Gedanken vor ihm dachten. Geschichten, Mythen, Moral, Methoden, Dogmen und Gesetze waren Parasiten und steuerten sein Schicksal wie Sacculina eine Krabbe. Er denkt, nichts ist seltener geworden als eine selbstständige Handlung; die meisten Leute sind andere Leute; ihre Gedanken sind Meinungen anderer, ihre Lebensführung ist Mimikry, ihre Leidenschaft sind Zitate. Aber das ist kein wildes Denken, das ist Oscar Wilde. Bis gestern Abend fühlte sich Rei entfremdet und ausgebrannt. Es gab keine Lücke und Kontingenz. Wo ist die radikale Freiheit? Eine Freiheit, die das Leben als Fiktion denkt und die Kunst als höchste Form der Fiktion feiert. Was es braucht, ist eine panfiktionalistische Befreiungsfront. Die Fiktionen, die aus dem Meer unbewusster latenter Geschichten herausragen, sollen die Fesseln der Welt sprengen. Alles andere ist Zerstreuung und Illusionismus. Zoé schaut neckisch über den Küchentisch und lächelt Rei ins blasse Gesicht.

„Du bist verwirrt. Damit hast du nicht gerechnet. Die Welt hält sich an keine Reinheitsgebote. Die Unterscheidungen zwischen Gut und Böse stabilisieren die Macht, verändern aber nichts. Deswegen gibt es die Neunaugen. Wir bekämpfen nicht die Krise, wir sind die Krise.“

Rei scherzt selten, aber ist er schlecht gelaunt, schlüpft er in die Rolle von Bruce Lee und redet mit Händen und Beinen.

„Zhè shiii! Nehmt ihr euch da nicht zu wichtig? Mit welcher Stimme sprecht ihr und woher habt ihr, euren naiven Glauben an Kritik? Yīii! Die Kritik stabilisiert die Krise. Sie beschreibt die Normalität des Kapitalismus. Sìii! Das wusste bereits Marx, denn Krisen sind das Resultat der notwendigerweise fallenden Profitrate in einer auf Innovation geeichten kapitalistischen Ökonomie. Deswegen steht jede Kritik, besonders jene seitens der Kunst, im Verdacht, das System zu stützen. Lìuuu! Kritik ist nicht nur impotent, sondern auch kontraproduktiv. Kritische Kunst ist das Placebo einer Politik, die domestizierte Kritik wünscht. Bāaa! Der Deal lautet: umso heftiger die Kritik, desto höher die Anerkennung von Kunst. Das weiß die Kunst, die Politik und das Kapital, nur einige Künstler wollen das in ihrer Naivität nicht wahrhaben. Lāó dù zii! Warum kaufte wohl die Deutsche Bank mit Vorliebe Arbeiten von Beuys? Kritik und Krise sind wie Yin und Yang. Je heftiger die Kritik an der Krise, desto stärker das System.“ „Das trifft auch auf deine Kritik zu. Ich werde deinen Überfluss an Vorstellung und Mangel an Vorstellungskraft kurieren. Wir fahren heute Nachmittag nach Turin. Ich werde dich dort lieben.“

Der alte Pickup zerreißt Nebelfetzen auf der Autoroute du Soleil. Zoé sitzt am Steuer, und Rei beobachtet den schleimigen Film auf der Windschutzscheibe. Es nieselt, und die Wischerblätter verteilen quietschend den breiigen Belag. Als die Tropfen dicker werden, bilden sich klebrige Schlieren, die durch die Seife in der Scheibenwaschanlage ölig schillern. Der Regen fließt träge vom Asphalt, und nach ein paar Kilometern steht er wie Schneematsch zentimeterhoch auf der Fahrbahn. Sie nehmen die nächste Ausfahrt und halten auf einem Parkplatz wenige Kilometer vor Lyon. Die Luft ist warm, riecht aber nicht nach Regen. Die vom Himmel fallende Flüssigkeit zieht Fäden und bedeckt den Boden wie ein Teppich aus Gewürm. Von Sträuchern hängt die transluzente milchige Masse wie Lametta. Rei fährt mit der Hand über die Motorhaube und verreibt den Schleim zwischen den Fingern. Durch die Reibung wird er hochviskos, bei-nahe fest, verflüssigt sich aber wieder nach kurzer Zeit. Er ist fast geruchslos, erinnert aber leicht an eine Mischung aus Erdbeeraromen und Schweiß. Vergleichbares hat Rei vorher noch nie gesehen. Einige Kosmologen behaupten, dass durch einen kurzen Sturm von Elementarteilchen Irregularitäten der Materie ausgelöst werden können. Eine sogenannte Asymptopia wäre in der Lage, das Verhalten von Materialien wie Wasser, zumindest für eine bestimmte Zeit, grundlegend zu beeinflussen. Als Biologe hält Rei wenig von physikalischen Spekulationen, denn was physisch unter irdischen Bedingungen möglich ist, hat die Evolution durchgespielt und für das Leben genutzt. Der atmosphärische Niederschlag kann viele Gründe haben. Er tippt auf Pollen, die sich mit Regenwasser vermengen und aufquellen. Aus der Ablage in der Seitentür nimmt er eine leere Wasserflasche und fängt das vom Autoblech herabtropfende Himmelssekret auf.

„Für meine Sammlung. Ich werde das Zeug bei Gelegenheit untersuchen. Vielleicht entdecke ich den Urschleim des Lebens, und sie verleihen mir den Nobelpreis für infusorialen Glibber.“

Zoé ist begeistert und fühlt sich privilegiert, dem Naturschauspiel beizuwohnen. Sie fotografiert mit ihrem Smartphone, schmeckt den Schleim auf der Zunge und rutscht auf dem glitschigen Belag wie ein übermütiges Kind. Rei setzt sich wieder ins Auto und kämmt sich mit den Fingern den Schleim aus seinen Haaren. Das Szenario hat etwas Banales von einer Kinderparty. Aber wie der Clown sich zum absolut Bösen wandeln kann, läuft ihm schaudernd ein Schleimpatzen über den Rücken, der von Wirbel zu Wirbel tiefer ins Mark fährt. Der Schrecken ist nicht erhaben, er ist bodenlos. Es gibt keinen delightful horror. Das Schlimmste ist nicht zerstückelt und aufgefressen zu werden, sondern für den Rest des Lebens etwas im Nacken sitzen zu haben, das an einem nagt. Mit dem Horror im Kino verhält es sich wie mit dem Humor. Man kann schaudern oder lachen, aber in jedem Fall das Leben unbeschadet fortsetzen. In Rei steigt die Vorahnung auf, dass nichts mehr sein wird, wie es war. Der Alltag löst sich auf wie Fleisch in Schwefelsäure und Perhydrol. „Zoé, ich habe Angst. Die Menschen haben die Natur verändert, und jetzt verändert die Natur uns Menschen. Wir glaubten, die Dinge immer besser zu verstehen, aber die Dinge haben ihren eigenen Willen und treten in Streik. Sie begehren auf und erheben ihre Stimme.“

„Was gibt uns die Sicherheit zu glauben, dass morgen alles so ist, wie es gestern war? Die Naturgesetze schenken uns wie die Religion eine verlockende Geborgenheit. Sie stabilisieren uns, schaffen Vertrauen und Orientierung. Ohne Naturgesetze würden wir verrückt werden, gäbe es keine Gesellschaft, keine Politik und Ökonomie. Die Aufgabe von uns Wissenschaftlern ist, alle Wunder in die große naturgesetzliche Erzählung einzubinden. Schaffen wir das nicht, haben wir als Hohepriester der Vernunft versagt, und die Weltordnung zerbricht. Wir werden auch für dieses Phänomen eine einfache Erklärung in der Zeitung lesen.“ „Die Banalität der Medien wird uns nicht retten. Das Banale ist der Posthorror, der Horror ohne Ende, so wie der Posthumorismus das Lachen ist, das im Wahnsinn endet.“

„Wissenschaft ist rationalisierte Magie, aber nicht Wissen und Gewissheit. Wissenschaft leistet nur Verschiebungen auf der Skala des Nichtwissens.“ „Zoé, ich habe Angst. Das Nichtwissen hat einen Punkt überschritten, den kein Paradigmenwandel kompensieren kann. Die Welt verändert sich ohne uns. Mein ganzes Leben habe ich Reformen ersehnt, aber das Begehren ging von mir aus. Die Natur der Menschen schien mir unveränderlich, borniert und starr. Ich dachte, ich wäre eine Eintagsfliege im Zyklus der ewigen Dinge. Aber jetzt spüre ich meine jugendliche Revolte als versteinertes Fossil in mir. Ich bin wie ein Stück Kohle, das von der Glut der Evolution verzehrt wird.“ Der Regen lässt nach. Alles läuft geschmiert, ohne Schranken und Barrieren. Keine Übergänge und Brüche, kein spürbarer Widerstand, keine Verluste bei Übersetzungen. Aber wohin verschwindet die Energie, wenn es keine Reibung gibt? In Chambéry schiebt sich die Abendsonne durch die Wolken und taucht die Savoyer Alpen in ein rosa Licht. Im Auto ist es trotz halbgeöffneter Fenster stickig. Der Schleim an den Schuhen hat sich auf den Fußmatten verteilt und beginnt sich dunkel zu färben. Die Haare sind feucht und fühlen sich fettig an. Alles klebt und ist von einem öligen Film überzogen. Sie schwitzen, und die Kleidung wird muffig und schwer. Der Speichel verdickt sich, und in Nase und Rachenraum bildet sich ein zähes Sekret. Der Schweiß unter den Achseln, am Haaransatz im Nacken und auf den Handflächen wird schmierig, seifig und schließlich kleisterartig. Auf der Haut schäumt er und beginnt zu nesseln, bis schließlich dicke, feste, aber transparente Gallerte aus den Poren quillt.

Sie sind müde und wollen schlafen. Gegen Mitternacht fahren sie bei La Citadelle von der Autobahn und übernachten in einem Motel. Unter der Dusche scheint die Welt wieder in Ordnung. An Liebe ist nicht zu denken. Sie liegen wie Incubus und Succubus im Doppelbett, und Levania singt sie in den Abyssus der Träume.

Im Schlaf verliert der Schleim seinen Schrecken. Das Grauen weicht einer zärtlichen Berührung, die alle Hautstellen benetzt und eine intime Bindung zwischen den Körpern schafft. In einer ozeanischen Entgrenzung fühlen sie sich eins mit der Welt, und ihre Organe stülpen sich nach außen. Ihre Identitäten verflüssigen sich, und die Körpersäfte fließen aus ihren Eingeweiden, bis sie sich vereinen und in einer gleichmäßigen Flut über das Laken ergießen. Der Schleim ist das Polymer der Eskalation. Er sprengt alle Volumengrenzen und verzaubert die Körper in sprudelnde Quellen der Ekstase. Das Bett ist zu einer Fontäne geworden, aus deren Bassin der Schleim als transluzente liquide Skulptur entsteigt und seine Gestalt wie in Zeitlupe wechselt. Der Schleim kennt keine Maßstäbe, keine Unterscheidung zwischen dem Ich und der Welt. Er ist der Geist, der in allen Dingen wohnt. Ein Animismus, der alles belebt und zum Sprechen bringt. Sie sind nicht länger Ichgeborene, sondern Andersgeborene. Sie sind zur wörtlichen Alternative geworden. Keine Tautologien ihrer selbst. Kein Individualismus als Konformismus. Kein Kapitalismus als Kannibalismus.


Fiat mucus

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Am nächsten Morgen erwacht Zoé in den Armen von Rei. Ihre nackten Körper zeichnen sich unter dem dünnen Leintuch ab und formen wie Amor und Psyche eine Marmorskulptur von Canova. Sie sind trocken und hungrig. Im endlos scheinenden Tunnel du Fréjus verzehren sie Cornetti. Sie haben den 45. Breitengrad fast erreicht, und Turin liegt vor ihnen. Es ist Sonntag, und der Stau auf dem Corso Francia entfällt. Kurz nach 10 Uhr parken sie in der Via Antonio Gramsci nahe der Piazza Statuto. Zoé lässt ihre Hand über Reis Rücken gleiten und schmiegt ihren Kopf an seine Schulter.

„Ich liebe, an Sonntagen durch Städte zu flanieren. Besonders durch Turin. Das Rationale und das Irrationale treffen sich hier. Mit Lyon und Prag bildet Turin das weiße Dreieck der Magie, mit London und San Francisco das schwarze.“ „Astrologie und Okkultismus sind ideologische Systeme, die mir das Fürchten lehren. Sie ersetzen die Zivilgesellschaft durch Geheimgesellschaften. Was Gramsci über Totalitarismus notierte, trifft auch auf Esoterik zu.“

„Ich gebe dir recht, aber in Turin gibt es mittlerweile mehr Satanisten als Kommunisten.“ „Mussolini hätte hier wohl nicht unterschieden.“

„Schau dir diesen monumentalen Brunnen an. Er erinnert an die Toten des Fréjus-Tunnels. Über den geschundenen Körpern der Arbeiter schwebt ein Genius als Allegorie für den Triumph von Wissenschaft und Technik.“

„Er ist attraktiv. Auch Ingenieure können sexy sein.“

„Für Satanisten stellt der Teufel den schönsten aller Engel dar. Eine Allianz aus Sinnlichkeit und Vernunft. Wissenschaft, Politik und Okkultismus lassen sich nicht so einfach trennen. In Turin gab es immer schon Logen, Geheimbünde und Initiationssekten wie Carboneria, Giovane Italia oder Massoneria. ‚Der Teufel ist ein Logiker‘, sagte Heinrich Heine, und vielleicht lag er nicht falsch. Unter dem Fréjus-Tunnel sind nicht nur Tote begraben, er beherbergt auch das Ettore Majorana Observatorium. Dort passiert Teilchenforschung, die beweisen soll, dass das Neutrino sein eigenes Antiteilchen ist. Gelingt der Nachweis, wäre das nicht nur Physik jenseits des Standardmodells, es wäre für Satanisten der wissenschaftliche Beweis für die Existenz des Teufels.“

Rei lacht.

„Die Faschisten hatten die Eugenik, die Stalinisten den Lyssenkoismus, und nach dem Antichristen haben die Satanisten jetzt die Antimaterie.“

Neben ihnen hält ein dunkelblauer Maserati. Das Seitenfenster öffnet und verströmt eine angenehme Kühle. Hinter dem Sportlenkrad sitzt Zoés Schwester Élaine. Sie ist 28 und das blühende Leben. Durch die Sonnenbrille funkeln ihre Augen, und Rei stockt der Atem. Zoé lässt sich in den Beifahrersitz fallen, und während sich die beiden küssen, quetscht sich Rei verlegen auf die Rückbank. Das weiße Leder im Fond riecht neu, und das Multimediasystem spielt Atmosphere von Joy Division. Am Olympiastadium vorbei geht es nach Lingotto in die Via Giordano Bruno . Ein Portier öffnet den Schranken zur Einfahrt in den Hof eines alten Industriegebäudes. Der Wagen schleicht zwischen rostigen Maschinen und Containern über einen Schotterplatz in eine Lagerhalle. Das Rolltor senkt sich, und sie stehen in einem Raum wie von Shôji-Papier umhüllt. Das Licht hat wie in einer diffusen weißen Wolkenschicht keine Richtung, weder Quelle noch Ziel. Alles befindet sich in einer syndetischen Ordnung. Auf Tischen reihen sich Laborgeräte, chemische Apparate, Kühler und Schläuche. Weiße Kristalle wuchern wie Korallen über Glaskolben, Messzylinder und Spachteln. Dicke Krusten quellen aus dem Überlauf eines Beckens und überziehen den Rand mit einer samtig funkelnden kristallinen Schicht. Jedes Gefäß ist mit Thermostaten bestückt und mit Kühlern, Kolonnen und Reaktoren verbunden. Wie Zahnräder eines Getriebes bilden die Geräte eine Einheit und verschmelzen zu einer Maschine molekularer Prozesse. An den Tischen stehen weißgekleidete Menschen, manche in Overalls, andere in Anzügen von Brioni und Kostümen von Elie Saab.

„Benvenuti, detto per brindare! Nehmt euch eine Tasse heiße Schokolade und esst von den frischen Frühjahrstrüffeln, dem Fleisch der Götter. Wir genießen die Pilze mit Honig. Ihr werdet vor Freude tanzen, lachen und weinen. Lasst uns auf das süße Leben anstoßen und die Zukunft sehen. Ich begrüße euch in der Accademia dei Segreti. Wir werden scherzhaft Tute Bianche genannt, mit denen wir nichts gemein haben, außer dass wir Kommunisten sind. Wir nennen uns selbst Otiosi, weil wir Müßiggänger sind oder besser Menschen mit Muse. Die leere Betriebsamkeit liegt uns nicht. Es ist eine Illusion zu glauben, je aktiver man werde, desto freier sei man. Den Tätigen fehlt gewöhnlich die höhere Tätigkeit. In dieser Hinsicht sind die Emsigen faul, oder wie Nietzsche sagte: ‚Die Tätigen rollen, wie der Stein rollt, gemäß der Dummheit der Mechanik.‘ Unsere Gesellschaft geht auf das 16. Jahrhundert zurück und wurde von Giambattista della Porta gegründet. Die Magie der Natur ist unsere Obsession. Sie ist unser Daimon, dessen Stimme wir folgen. Man hat uns als okkulte Organisation bezeichnet, aber das ist nicht richtig. Das Okkulte von heute ist obszön wie käufliche Liebe. Es findet sich nicht auf einsamen Friedhöfen und in dunklen Kellern, es regiert in den Vorstandszentralen und politischen Parteien. Es posiert in der grellen Sonne der Medien. Das Okkulte der Gegenwart ist nicht das Verborgene, sondern das Verlogene.“ Paolo ist ein geborener Agnelli, nennt sich aber Angeli, weil er in seiner Jugend Stimmen von Engeln vernommen hat. Er ist spezialisiert auf Glossolalie, und sein Zungenreden ist für romantische Avancen bei Damen berühmt. Mit dem Fiat-Konzern wollte er nie etwas zu tun haben. Er strebt nach einem neuen fiat. Eine neue Gesellschaft der Gerechtigkeit, des Wissens und der Erkenntnis soll werden und geschehen. Eine neue conditio humana soll erstehen, die Menschen in Freiheit und Gleichheit global verbindet und zu einer Einheit verschmilzt. Rei beginnt zu schwitzen. Vielleicht liegt es an der heißen Schokolade und den üppigen Honigtrüffeln. Er fährt sich an die Stirn und spürt die dickflüssige Konsistenz der Schweißtropfen. Als er genauer um sich schaut, sind die Wände von einem wattigen Pilzmyzel überwachsen. Die Stimmen klingen dumpf und gleichzeitig klar wie in einem Tonstudio ohne Nachhall und frei von Störgeräuschen. Dunst setzt ein, und Sprache wird zum Isolationsmaterial, Zeichen werden zum Dämmstoff. Der Blick trübt sich, und die Luft kondensiert zu feinem Nebel, der als rauchiger Schleier auf Kniehöhe über dem Boden schwebt. Feste Gegenstände nehmen einen schleimigen Aggregatzustand an und vibrieren wie Gelee im Speisewagen eines Zuges. Kleidung und Haut bedecken Reis Körper wie Wellen den Ozean. Wabbelndes Fleisch, aber keine Muskelmasse, keine Sehnen, nur einzelne, zusammenhanglose Zellen. Die Verflüssigung der Welt als ultimative Flotation der Zeichen und Körper lässt die Erinnerung implodieren, und die Zeit wird zähfließend, bis sie stillsteht. Dickflüssig und träge, Sirup und Gelatine, Melasse und Sole. Alles, was jemals gewesen sein wird, ist gleichzeitig eingetroffen. Alles in vitro, nichts in vivo.

„Rei, Sie sehen blass aus. Trinken Sie ein Glas Wasser und reinigen Sie ihre Gedanken. Wir brauchen Sie hier. Sie haben die richtigen Fragen für unsere Antworten. Wir haben die Lösung, wissen aber nicht warum und wofür. Ich bin ein Analphabet der Wissenschaften, ein Genie, dem Engel die Hände führen wie Lukas den Pinsel. Unsere Erfindung ist non humana manu factum, ein Acheiropoieton der Aufklärung.“

Rei reißt der Faden. Er kann sich nicht konzentrieren. Élaines weiße Bluse spannt, und der perlmuttfarbene Knopf unter dem Dekolleté droht in sein Auge zu springen. Eine kleine Abweichung im Stoffwechsel, eine Änderung des Hormonspiegels, eine Störung der Neurotransmitter und wir nehmen die Welt in unserem Gehirn völlig anders wahr. Ob jemand agil bei der Arbeit sitzt, drei Häuser baut, 30 Romane schreibt oder der Welt passiv gegenübersteht, ist nur eine kleine Divergenz physischer Parameter.

Rei taumelt ans hintere Ende der Halle und steigt auf der Suche nach dem Waschraum eine Treppe hinab. Eine Schleusentür gibt den Weg frei, und ein Gang voller Serverracks und Kabelstränge führt in eine helle Kammer. Rei schwindelt es. Er ist müde und träge, wie vom Mittagsdämon gepackt. Seine Seele entgleitet ihm.

„Sie sehen blass aus. Setzen Sie sich. Mein Name ist Adamo. Ich bin Künstler und werde Sie porträtieren. Ich arbeite nicht mit Farbe, Pinsel und Leinwand. Ich bevorzuge Medien und Werkzeuge, die tiefer in die Materie vordringen.“ Willenlos sinkt Rei in einen weichen Kunstlederstuhl. Ein Helm wie aus Fassbinders Welt am Draht stülpt sich über seinen Schädel, und sanfte Ströme massieren die Kopfhaut.

„Haben sie keine Angst. Der Molekularscanner tastet das Gewebe ab und schickt die Rohdaten an einen Computer. Ein Molekulardrucker wird eine atomgenaue Kopie erstellen, und in wenigen Stunden werden wir ihr Porträt aus Fleisch und Blut in Händen halten.“

Der Drucker ist mit Elementen des Periodensystems bestückt, die zu allen existierenden natürlichen und allen denkbar möglichen künstlichen Molekülen synthetisiert werden können. Wird ein Stück Brot kopiert, schmeckt es wie das Original. Ist es ein Käfer, kriecht dieser nach der Prozedur davon. Eine neokabbalistische Schreibmaschine, die nicht alphanumerische Zeichen, sondern Atome und Moleküle manipuliert. Wie aus Buchstaben und Wörtern Texte entstehen, materialisieren sich aus chemischen Bindungen reale Objekte. Adamo nutzt den selbst gebauten Molekularschreiber für seine Lyrik. Adamo begann mit kleinen Haikus zum Schlucken, die kurz ins Gehirn schießen. Bekannt wurde er durch seine molekulare Kunstgeschichte. Für jeden Stil synthetisierte er entsprechende Substanzen, die in der Wahrnehmung Bilder des Impressionismus, Expressionismus, Kubismus oder Surrealismus hervorrufen. Tausende Picassos rauschen durch das Gehirn, und Bilder von Paul Klee ziehen imaginär vorüber – mehr als dieser sein gesamtes Leben gemalt hat. Derzeit schreibt Adamo molekulare Gedichte, die er Poems nennt und als bizarre biokristalline Strukturen präsentiert. Die zweite Generation von Molekularkünstlern sind junge Wilde wie Havva. Sie entwirft Insekten mit vielen Beinen und absurden Flügeln, die sich aus Larven entwickeln. Im Puppenstadium harren sie jahrelang in Museen und Sammlungen aus, um über Nacht zu verschwinden. Flimmerndes Licht massiert Reis geschlossene Augenlider, und ein Strom von Farben durchflutet sein Gehirn. Ist Adamo ein neuer Prometheus, der über ästhetische Effekte hinaus lebendige Werke schafft? Wirkliche Kunst als reales Leben? Keine bourgeoise Poesie, sondern Werke der Autopoiesis? Aber wenn eine Funktion der Kunst darin besteht, das Zukünftige zu entbergen, will Rei nicht als inverser Dorian Gray enden. Er will kein Porträt von sich. Er hasst Selfies und Gadgets mit I. Jeder Individualismus ist ihm Konformismus. Gleichzeitig ahnt er, dass das 21. Jahrhundert neuronal und molekular bestimmt ist. Die Revolutionen des 20. Jahrhunderts haben beim Größten, dem Volk, angesetzt und mussten scheitern. Die Veränderung der Gesellschaft beginnt bei den kleinen Dingen. Es braucht keinen Totalitarismus, es braucht den Minimalismus der Moleküle. Es braucht Katalysatoren und Enzyme. Das Kleinste hat die größte Wirkung.

Rei befreit seinen Kopf aus der Maschine und schwankt in den Waschraum. Im Spiegel erblickt er entsetzt sein Haar, das sich wie Spiralfedern aus dem Scheitelbein schraubt. Seine Frisur ist ihm heilig. Als Jugendlicher las er einen Bericht über Vahram Hakopian, in dem der fromme Mann aus dem Iran mit einer diamantbesetzten Nadel einen Spruch aus dem Buch Salomo in ein einzelnes Haar einer Jungfrau gravierte. Seitdem glaubt Rei, die Haare sprießen wie Magnetbänder aus dem Kopf und speichern alles, was er denkt. Die Sätze wachsen Tag und Nacht, wobei manche Träume farbliche Schattierungen von Weiß bis Dunkelbraun ins Deckhaar zaubern. In seiner Vorstellung trägt er eine ganze Bibliothek auf seinem Haupt, die jetzt in Unordnung geraten ist. Die ­Haare sind verfilzt und seine Erinnerungen durcheinander.

„Rei, du siehst blass aus. Wir haben dich gesucht. Paolo möchte dir die Fabrik zeigen.“

Zoé klingt ungeduldig.

„Mach mir jetzt nicht schlapp. Wir ziehen das durch. Ich werde dich dafür lieben.“

„Angeli braucht mich nicht. Die Oberschicht braucht keine Erkenntnis. Die Oberschicht hat alles richtig gemacht.“

Zurück in der Halle sind alle versammelt. Sogar die Einäugige von den Neunaugen ist hier. In den Kolben und Reaktorgefäßen kochen Lösungsmittel, Rotationsverdampfer und Vakuumpumpen surren.

„Signore Rei, ihre Arbeiten über Schleim haben uns die entscheidenden Hinweise geliefert, und Sie werden auch das letzte Rätsel lösen. Sie haben ein Bündel von Transposons in Neunaugen unbekannten Ursprungs lokalisiert. Diese springenden Gene sind viel faszinierender als Viren. Viren sind egoistisch. Sie wollen die Welt nicht verändern. Sie wollen sich nur reproduzieren. Transposons sind viel intelligenter und altruistischer. Sie codieren eine Reihe von Proteinen, mutieren und lernen. Sie teilen ihr Wissen, kommunizieren untereinander und mit uns. In der Geschichte unserer Gesellschaft hat es Wachstum, Macht und Sex immer nur vertikal gegeben, von oben nach unten, von unten nach oben. Das ist das Übel der Welt, das Ungleichheit und Kriege verursacht. Der wahre Sozialismus ist horizontal, gleichberechtigt und genetisch. Um von Demokratie zu sprechen, müssen wir zuerst begreifen, was demos bedeutet. Demos ist nicht einfach das Volk. Demokratie heißt das Volk, das seinen Daimon gefunden hat. Unser eudaimon sollen die Transposons im Schleim sein, und Ihnen zu Ehren taufen wir hiermit die Accademia dei Segreti in Accademia dei Secreti um. Ab nun sind wir keine Geheimgesellschaft mehr, sondern eine Schleimgesellschaft. Es lebe die Schleimzeit!“


P+

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Vom Dach der Halle hängen fingerdicke Schlauchstränge mit grüner Flüssigkeit, die sich am Boden verzweigen und in gläserne Reaktoren münden. An einigen Stellen verdichten sich die Schläuche zu einem Geflecht schwebender Knoten, die ein labyrinthisches Muster in den Raum zeichnen. Feierlich gestikulierend, schreitet Angeli wie einem grünen Faden folgend an einem Schlauchbündel entlang und führt durch die biochemische Fabrik.

„Wir kultivieren Pilze und Algen im industriellen Maßstab, um Extrakte für neue chemische Verbindungen zu gewinnen. Grüne Schwebealgen fließen durch kilometerlange Schlauchsysteme und absorbieren am Dach des Gebäudes Sonnenlicht für die Fotosynthese. Die Algen produzieren Tyrosin, die Pilze an den Wänden Psylocibin. In den Glasreaktoren findet die Umwandlung in Dopamin und Psilocin statt. Durch Synthese entsteht aus der Verbindung der beiden Substanzen das neue, bislang in der Natur nicht vorkommende Molekül Psilamin, kurz P+ genannt.“

Zoé bringt ein Tablett mit Cocktails und verteilt die Gläser. Wie einen Gral erhebt Angeli die transparente schleimige Flüssigkeit und versenkt seinen Blick in das Glas, als wäre es eine Kristallkugel, die ihm die Zukunft offenbart.

„Lasst uns P+ trinken! P+ ist die molekulare Skulptur, die nicht im Museum verstauben will. Sie soll in unserem Blut und unserem Gehirn ästhetisch wirken und unsere Empfindungen stimulieren. Wir wollen ihr Sockel, ihr Raum, ihr Medium sein. Sprache und Bilder werden nicht länger getrennte Sphären bilden. Logik und Sinne, Vernunft und Emotion werden zu einer neuen Synthese finden. P+ stiftet die Identität von Geist und Materie. Ein kleines Molekül und die Welt ist eine andere.“

Angelis Augen beginnen feurig zu funkeln. Er ist von Besessenheit gezeichnet und in freudiger Erwartung eines Anfalls von Glossolalie. Er spürt eine epileptische Kraft aufsteigen und zuckt verheißungsvoll.

„Rei, die meisten Menschen fragen sich, wer sie sind, woher sie kommen und wohin sie gehen. Die Antworten sind banal und inflationär. Sie füllen Bände von Lebensberatungsliteratur. Die entscheidende Frage lautet, WAS sind wir? Aus welchem Stoff setzen wir uns zusammen? Was ist Materie, und wie beginnt sie zu leben? Die Accademia dei Secreti hat die Antwort in P+ gefunden. P+ offenbart das Sein als Schleim. Es befreit die Objekte der Wahrnehmung von falscher Phänomenologie und macht sie zu wahren Gegenständen der Erkenntnis. Die versklavte Materie, die um des Tauschwerts und eines inszenierten Gebrauchswerts willen vergewaltigt wurde, findet zu ihrer Nacktheit. P+ öffnet die Tür in die Tiefe der Materie, zu Psychadelia und Fantasia des Fleisches.“

Ein Laborant im weißen Arbeitsmantel löst sich von einer Apparatur wie eine Stabheuschrecke. Er ist bislang nicht aufgefallen, zu mimetisch war er mit den Geräten verschmolzen. Als er näher kommt, erkennt Rei den Studenten aus Bremen. Boris schiebt sich die Brille zurecht und startet ohne Lippenbewegung wie ein Bauchredner einen Monolog.

„Bei der Produktion von P+ fallen große Mengen schleimiger Biomasse an. Wir betrachteten den Schleim zuerst als lästigen Nebeneffekt. In ihren Arbeiten über Schleim fanden wir schließlich den entscheidenden Hinweis. Er ist nicht Nebenprodukt und Abfall des Prozesses, er ist dessen Ursache und Beginn.“ Reis Hirn füllt sich wie ein Schwamm mit Blut, und die Amygdala flutet das limbische System. Die Schleuse zum Unheimlichen öffnet sich und gibt die Einsicht in eine verschüttete und verdrängte Welt frei.

Der Schleim ist keine beiläufige Ausscheidung, kein normales Körpersekret. Er ist eine eigene Lebensform. Vielleicht lag Boris mit seinen Spekulationen in Bremen richtig, und der Schleim ist älter als das Leben auf der Erde. Vielleicht wartet er nur auf den richtigen Zeitpunkt für seine Auferstehung. Und vielleicht ist P+ das Medium seiner Kommunikation, eine molekulare Sprache, in der er sich mitteilt. Boris hat zu viel Speculative-Fiction gelesen, aber es braucht Fantasten wie ihn, um die Natur als einen schleimigen Prozess zu erkennen, der alle Dinge und Lebewesen in einem kriechenden Netz aus Relationen zu einem Nexus verschmilzt.

Boris wirkt auf seine Mitmenschen emotionslos, doch der Eindruck täuscht. Sein Gesicht ist mimiklos, aber voller Sommersprossen. Sie erregen Reis Aufmerksamkeit und erzeugen wundersame Pareidolien. In den kurzen Pausen zwischen den Sätzen werden die Pigmentpunkte zu Pixel, die sich zu Mustern und Zeichen formieren. Das Melanin zaubert Emoticons in sein Gesicht, die seine Worte begleiten wie Untertitel einen Film.

„P+ ist die kleinste Skulptur der Welt, deren Produktion die größte Skulptur hervorbringt. Bei der Herstellung von P+ fallen Unmengen von Schleim an, und gleichzeitig verflüssigt P+ bei Einnahme unsere Wahrnehmung der Welt in einen schleimigen Zustand. In anderen Worten, der Konsum von P+ verändert Wahrnehmung und Psyche, und die Erzeugung von P+ modifiziert die Beschaffenheit der materiellen Welt. Wir dachten zuerst an Zufall, dass der Zustand, den P+ in der Innenwelt psychotrop hervorruft, sich bei der Fabrikation in die Außenwelt übersetzt. Aber P+ ist im doppelten Sinn ein janusköpfiges Molekül. Es wirkt in zwei Richtungen, nach innen und nach außen. Es zielt auf das Kleinste und das Größte. Es hat zwei Seiten, über die es im Gehirn andockt. Eine Seite agiert als Partialagonist der D2-Rezeptoren, die andere als derjenige des 5-HT-Rezeptors. Es wirkt psychisch und physisch, imaginär und real. Die halluzinogen-fiktionale Energie im Inneren der Psyche deckt sich mit der Veränderung der äußeren Realität. Es ist psychotrop und physotrop. Eine Kongruenz zwischen Denken und realem Sein, zwischen Gen und Mem stellt sich ein und setzt eine Pumpe zwischen innen und außen, dem Kleinsten und dem Größten in Betrieb. In ihrer legendären Arbeit über Transposons in Neunaugen haben Sie Gene für die Schleimproduktion lokalisiert, die viel älter als die Tiere selbst sind, und die Frage aufgeworfen, ob diese springenden Gene auf andere Arten übergehen können. Für mich ist das der Beweis für eine uralte schleimgeborene Lebens-form, die am Meeresgrund den richtigen Zeitpunkt abwartet, um aufzusteigen und Spezies zu besiedeln. Ich nenne diese urtümlichen Schleim-Transposons in Verehrung für H.P. Lovecraft Cthulhu-Gene. Unter Laborbedingungen ist es uns bislang nicht gelungen, ein Protoplasma herzustellen, das P+ selbstständig erzeugt. Das springende Gen regt wie in den Neunaugen keine Ausschüttung von P+ an. Nur im Menschen wird das Gen für eine erweiterte Proteinsynthese ausgelesen und bewirkt die körpereigene Produktion von P+. Vermutlich weil P+, wie viele andere psychotropen Substanzen, primär im Menschen wirkt. Wir fragen uns, wie wir das Gen an der richtigen Stelle einschleusen können, damit es die Produktion von P+ im menschlichen Körper anregt. Was es braucht, ist der geeignete Schleimproduzent, um einen lebenden Bioreaktor für die Produktion von P+ nutzen zu können.“

„Boris, Sie haben die richtigen Fragen. Wozu braucht es mich?“ „Rei, die Antwort sind Sie!“

Zoé legt die Hand auf Reis Schulter und küsst ihn am Ohr.

„Das Transposon ist übergesprungen und lebt in deinem Körper. In dir hat es den geeigneten Wirt gefunden. Du bist der Träger des Cthulhu-Gens!“

Angeli hebt feierlich ein weiteres Glas. Die Situation verlangt nach Pathos, und nach einer Pause verkehrt sich sein verinnerlichter Blick nach außen, um sich in Rei zu vertiefen.

„Rei, Sie sind die Hoffnung auf Veränderung. Alles, was Sie denken, wird sich in die Realität übersetzen. Sie leiden an der Heiligen Krankheit und wurden für die Übertragung auserwählt. Ihre Gedanken sind ansteckend und werden die Welt mit Ideen infizieren. Lasst uns auf Rei trinken! Er ist Anfang und Ende, Geminus und Biceps. Er ist Janus mit den zwei Gesichtern. Er schaut in die Vergangenheit und blickt in die Zukunft. Er verbindet Geist mit Materie.“

Rei spürt, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Seit Tagen leidet er an Schweißausbrüchen, Halluzinationen, [[|Albtraum | Albträumen]] und Entfremdung. Er ist blass und fühlt sich zuweilen krank. Malariaschüben gleich, überkommen ihn Stimmungen, die eine Denkseuche auslösen und ihn wie ein Descartes'scher Dämon quälen. Die Transposons müssen in seine Blutbahn gelangt sein. Aber wie haben sie sich an der richtigen Stelle im Genom platzieren können? Wie haben sie Billionen Zellen besiedelt? Wieso er?


Arbeit am Fleisch

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Rei fühlt die Schwerkraft. Sein Körper wird weich und beginnt wie warmes Wachs zu schmelzen. Seine Knochen bestehen nur noch aus Mark, und sein Kopf versinkt im Rumpf. Wie ein Unterseeboot taucht er in die Gedärme, und sein Äußeres stülpt sich nach innen. Die Konsistenz der Welt wird löchrig und locker wie Hefeteig bei der Gärung. Überall ist Schaum. Die unzähligen Bläschen wölben sich zu architektonischen Sphären und kosmischen Domen, um plötzlich zu platzen. Die Sicht wechselt vom Komplex- zum Fischauge, und das Spuma zersetzt sich zu Schleim. Die Maßstäbe verfließen, und Rei kann in der Zeit vor- und zurückschwimmen, im Raum auf- und abtauchen. Er hat keinen Durchblick, den braucht er nicht. Die Dinge verhalten sich wie unter einem Brennglas. Aus der Ferne nebulos diffus, aus der Nähe detailgenau und scharf. Die Idee eines panoptischen Blicks und einer totalen Transparenz erscheinen ihm als verlorenes Paradigma. Das Panorama einer Landschaft oder der Anblick einer Bibliothek ist verführerisch schön, aber leer, ohne Sinn und Entität. Der Löwe lauert unsichtbar im Gras, und die Bombe zündet im Schatten der Buchdeckel. Rei ist ohnmächtig geworden und erwacht auf einer Chaiselongue. Er liegt in einem von Carlo Bugatti möblierten Büro. Fremde Schriftzeichen, Dünndärme, Venen und Sehnen sind in die Textiltapete eingewoben. Seine Farbwahrnehmung ist intensiviert, und periphere Dinge am Rande des Sichtfelds beginnen lebendig zu werden, zu krabbeln und leise zu flüstern. Die unheimlichen Wesen erinnern an Kafkas Odradek und schieben sich als Hybride aus Stuhl und Insekt, Maulwurf und Zimmerpflanze, Bierflasche und Gnom über den Boden. Der Orientteppich verwandelt sich in eine Riesenschildkröte und rezitiert Sätze aus Huysmans À rebours.

Rei hofft, alles sei nur ein Traum. Er wartet auf den Signalton des Weckers oder einen Anruf, aber was er hört, ist das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Wenn die Ununterscheidbarkeit zwischen Traum und Realität Fakt wird, bleibt nur noch die Fiktion. Erst jetzt bemerkt er Zoé und Élaine. Sie sitzen mit überkreuzten Beinen wie Psychoanalytiker in Ohrensesseln hinter ihm. Zoé ist klug, Élaine ist schön. Zusammen sind sie wie Dick und Doof. Élaine ist durch und durch mittelmäßig. Sie hat die perfekten Maße, verkörpert Symmetrie und Harmonie. Würde man alle Mädchen aus Paris vermessen und von den Proportionsdaten das arithmetische Mittel nehmen, Élaine wäre das Produkt. Genau das, wonach sein Trieb begehrt.

„Rei, entspann dich, es ist bald vorüber.“

Darmwinde lösen sich, und ein Reflux befördert dicken Auswurf aus dem Schlund. Vielleicht war die Psychoanalyse nur eine vorübergehende Kränkung der Menschheit, und der große Andere heißt Schleim? Vielleicht wurde Freud bislang völlig missverstanden, und das eigentliche Trauma ist ein muköses Drüsenorgan? Die Reparatur und Erneuerung des Menschen musste jedenfalls in der Zelle ansetzen und im kleinsten Molekül des Körpers beginnen. Die Therapie muss sich durchs Fleisch fressen wie die Hornzähne des Neunaugensaugmauls. Élaines Stimme beginnt, Rei sanft zu massieren. Die Worte werden in seinen Träumen Fleisch, und er will sich mit ihren Sekreten vereinen.

„Die kleinste Spur eines Stoffes vermag unser Schicksal zu bestimmen. Ohne Stoff keine Träume und ohne Träume keine Wirklichkeit. Deine Geisteskräfte sitzen in den Drüsen und Poren, nicht im Hirn. Im Schweiß deines Angesichts spiegelt sich die Zukunft. Jetzt, wo die Revolutionen vergessen sind, beginnt die Arbeit an der Fiktion. Aber wie soll man den Kopf und die Welt frei bekommen? Alles ist verstellt von den Trümmern der Ideologie. Nach dem Tod der großen Erzählungen bleibt nur die Sorge um Gesundheit und Sicherheit. Die Menschen glauben an ein Ich, das im Gehirn sitzt, und halluzinieren ihre Identität. Sie fürchten sich, Fleisch zu sein, ekeln sich vor Eiter und Lymphe, schämen sich für Rotz und Ausscheidungen. Wir wollen geistige, hehre Geschöpfe sein, aber das ist Schall und Rauch. Was es braucht, ist Arbeit am Fleisch.“

Bevor Reis Gene Amok laufen, meldet sich Zoés klare Stimme der paranoischen Vernunft.

„Es braucht mehr Entropie, denn Entropie ist Realität. Zum Wesen des Seins gehört auch das Verwesen als Verwandlung und Transsubstantiation. P+ speist den Fluss, der die Gedanken mitreißt und das Bewusstsein in den Aggregatzustand des Fleisches versetzt. Wir müssen den Anthropozentrismus hinter uns lassen und in den Zustand der Verdauung übergehen. Wir müssen andere Wesen werden, um das Wesen des Seins zu ergründen. Wir sind es leid, uns an Symptomen abzuarbeiten. Die Religion, die Politik, die Ökonomie, die Kunst, alles nur Epiphänomene. Zerstreuende Unterhaltung für verzweifelte Ichsucher. Schleim dagegen ist eine radikal ontologische Kategorie. Die Wahrheit wächst im Fleisch. Sie ist nicht Luft, sie hat Gewicht und Körper. Ontologie ist etwas für Metzger. Es geht um den faschierten Leib, um Knochen und Fett, Fleisch und Innereien. Die Körper wollen aufgebrochen werden wie reife Feigen. Der Saft soll sich auf den Boden ergießen und zu einem schlammigen Tümpel eindicken.“

Rei fährt sich streichelnd durch sein Haar und geht jeden Erinnerungsstrang einzeln durch. Bei welcher Gelegenheit sind die Transposons übergesprungen? Es muss in Pauillac passiert sein. Bei der Probenentnahme des Keimzellengewebes fiel es ihm nicht auf, aber am Abend hatte er einen Einstich im Handballen. Die Nadel der Biopsiestanze dürfte durch Tier und Handschuh gedrungen sein und Zellen in die Blutbahn gedrückt haben. Fresszellen verhinderten eine Entzündung, setzten aber die Transposons frei, die mit dem Blut in die Organe geschwemmt wurden. Zu ersten harmlosen Schüben kam es in Bremen und Paris. Im Unterschied zu einer Virusinfektion gibt es kein Fieber, kein Immunsystem kämpft gegen etwas an. Stündlich schreitet der Prozess voran. Die Transposons haben begonnen, sein Genom umzuprogrammieren und seine Zellen in eine neue Ordnung zu bringen. Rei realisiert, was er lange verspürt hat. Er ist nicht mehr Herr in seinem Körper. Sein Name ist Legion, denn er ist viele.

Auf Reis glänzender Stirn kriechen dicke Schweißtropfen wie Nacktschnecken umher. Angeli beugt sich über ihn und setzt ihm einen Katheter unter die Bauchdecke, aus dem tranige Flüssigkeit tropft. Gierig benetzt er seine Zunge und verteilt die Sülze über Zahnfleisch und Gaumen. Er will P+ in reinster Qualität schmecken und blickt sehnsüchtig auf den aufgedunsenen Körper.

„Rei, Sie sind der erste Mensch, der seine eigene Artgrenze überschritten hat. Sie sind das Plus ultra einer neuen Zukunft. Menschen sind in den Weltraum geflogen und in die Tiefsee abgetaucht, aber noch niemand hat seine genetischen Grenzen überschritten und sich aus dem Verlies seines Körpers befreit. Sie mutieren zu einem Gestaltwandler, der sich auf die Flucht aus der Notwendigkeit begibt. Wir alle sind im Schleim geboren und werden im Tod wieder zu Schleim. Sie aber werden als Schleim ewig existieren. Sie werden frei sein. Sie werden gleichzeitig formlos und jede erdenkliche Form sein. Sie werden Form und Anti-Form, die personifizierte Kontingenz sein. Wir beneiden sie. Wir haben alles versucht, ein anderer zu sein. Wir haben mit enthemmenden Substanzen experimentiert, die direkt auf das Nervengewebe einwirken. Wir haben Rezepte von Giambattista della Porta probiert, Natriumoxybat getestet, Drogen aus harmlosen Supermarktartikeln gewonnen, Solarcaine aus Sonnenschutzsprays und Benzocain aus ejakulationsverzögernden Peniscremen extrahiert und riesige Dosen wasserlöslicher Vitamine geschluckt. Nichts konnte uns befreien. P+ gibt uns die Möglichkeit, für kurze Zeit ein wenig wie sie zu sein, die innere Stimme der Welt zu vernehmen und das Sein zu spüren. Sie aber werden P+ für immer sein. Sie werden in uns wirken und zu uns sprechen. Sie werden unser Daimonion sein.“


Schleimzeit

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Die Zeit fließt träge und dehnt sich, bis abrupt der Faden reißt. Es ist Nacht, und der blaue Maserati nimmt im Kreisverkehr die Ausfahrt auf den Corso Giulio Cesare. Rei liegt im Fond des Wagens und blickt auf die von Regentropfen gepunkteten Seitenfenster. Wie Facettenaugen reflektieren sie die Umgebung. Auf der A4 nach Triest werden die Punkte zu Linien und ab 180 Stundenkilometer zur Fläche. Élaine liebt Geschwindigkeit. Sie sitzt neben Zoé am Steuer und bringt den V8 zum Atmen. Die Reifen zentrifugieren das Wasser der Fahrbahn und zerstäuben es zu feinem Sprühnebel. In das Brummen des Motors mischt sich das Reifengeräusch und überlagert sich zu einem vibrierenden Ton, der je nach Regenstärke und Geschwindigkeit seine Höhe wechselt. Rei ist für alle Arten von Apophänie empfänglich. In Wolken sieht er Gesichter, im Lärm einer Kreissäge vernimmt er ausgelassenes Lachen. Mit zunehmendem Alter verschwinden diese Sinnestäuschungen meist, bei Rei verstärkten sie sich aufgrund seines erhöhten Dopaminspiegels. Er pflegt sie in seinen Tagträumen, und die Dinge reden mit ihm. Im Gesäusel des Wagens hört er Sirenenstimmen, und der Wasserfilm auf dem Straßenbelag beginnt zu singen. Mit der Müdigkeit setzt der Chor ein, der seine ruhelosen Gedanken orchestriert und in einer polyphonen Flut ertränkt. Alles fließt. Das Auto, die Gedanken, die Körpersekrete und der Regen. Die Straße wird zum Strom des Unterbewussten. Ein letzter Satz aus der Aeneis kommt ihm in den Sinn, bevor ihn die Musentöchter des Acheloos in den Schlaf wiegen und ihn der Sog des Vergessens forttreibt: „Die Seelen, denen das Fatum anderer Leiber bestimmt ist, schöpfen aus Lethes Wellen heiteres Nass.“ Bei Udine setzt die Morgendämmerung ein. Mit dem Licht versiegt Lethe, und die 500 PS jagen alétheia entgegen. Sie wollen es wissen und beschleunigen den Wagen zwischen Amaro und Zöbern auf 300 Stundenkilometer.

Zoé steckt ihren Kopf zwischen die Nackenstützen und streichelt Reis aufgedunsene Beine.

„Wir sind bald in der Stadt der Schnecken. Die Wiener sind am Boden und kriechen. Sie lechzen nach dem Konjunktiv und verhalten sich zur Realität wie die Schnecken zum Salz. Bei Berührung mit der Wahrheit krümmen sie sich und beginnen zu schäumen. Die Wiener interessieren sich nicht für die Welt. Ein Russe ist ein gerollter Hering, ein Mohr ein Dessert und ein Indianer die Begleitung zur Melange. Du wirst in ihre Körper dringen wie ein warmes Messer durch Butter. Du wirst ihre Körper besiedeln und ihr Fleisch zum Brät wurstiger Skulpturen kuttern.“

Élaines glitzernde Fingernägel tanzen über den Touchscreen des Armaturenbretts, und Flesh for Fantasy von Billy Idol erklingt über die Lautsprecher.

„Rei, du bist das Fleisch für die Phantasie, das Nährmedium für unsere Träume und Sehnsüchte. In dir wird eine Gesellschaft heranwachsen, die alle Menschen, Organismen und Dinge in neue Verhältnisse setzt. Wir sind keine okkulten Drogenfreaks, die glauben, dass sich die Realität durch die Wahrnehmung verändert. Wir glauben vielmehr, die Veränderung der Wahrnehmung geht mit der Veränderung der Wirklichkeit einher. Wir fordern eine Ästhetik des Realen und der Materie. Materialitäten spielten in der bildenden Kunst immer schon eine wichtige Rolle, aber nun ist es die Materie an sich, die zur Kunst wird. So wie die Wissenschaft zur Kunst werden musste, um Wirklichkeit zu werden, muss die Kunst Materie werden, um wirklich zu sein. Wir werden durch dich eine ganz neue Vorstellung von Materie bekommen. Wir werden in dir wohnen, sprechen und lieben.“

Kurz vor Schwechat wird die Luft schwer. Der Nieselregen verdichtet sich und beginnt lange Fäden zu ziehen. Die feuchte Luft im Auto kondensiert an den Scheiben, und die Sitze füllen sich wie Schwämme. Es riecht modrig, und das weiße Leder am Himmel scheint von einem feinen Myzel durchzogen. Die Chromleisten werfen Bläschen, unter denen Rost kriecht, und im Fußraum stauen sich Pfützen. Auf der Radetzkybrücke über dem Wienfluss ist Schluss. Der Maserati läuft nur mehr auf drei Zylindern und raucht aus dem Motorraum. Sie steigen aus dem Wagen, und Rei beugt sich matt über das Brückengeländer. Er steht an dem Ort, den die Wiener als Tor zur Hölle bezeichnen, und erbricht wässrigen Schleim. Der Dämon, der ihn in Pauillac gefunden hat, ist am Ziel. Die Cthulhu-Gene, die in den Neunaugen am Grund des Meeres schlummerten, werden seit ewigen Zeiten wieder ausgelesen. Sie leben im Fleisch ihres Wirtes auf und bestellen ein gewaltiges Festmahl, von dem sich die Welt endlos nähren wird. Von der Zirbeldrüse ausgehend, hypertrophieren alle Drüsen in Reis aufgeschwemmtem Körper und beginnen P+ zu produzieren. Die Keimdrüsen in seinen Hoden schwellen mächtig an, und die Schweißdrüsen sondern pralle Tropfen ab. Aus seinen Augen laufen pastös dicke Schleimpatzen und sammeln sich vor seinen Pupillen wie aufgeblähte Kontaktlinsen. Zoé umarmt ihn zärtlich von hinten und knetet seinen schwammigen Bauch.

„Die Menschen sind ausgetrocknet und brennen wie Zunder. Sie leiden an Burnout und Depression. Sie sind krank vor Sorge um Gesundheit und Sicherheit. Museen und Kunsthallen verwandeln sich in Spas. Wellnesskünstler inszenieren Naturlandschaften, Sonnenuntergänge und Bachläufe für denaturierte Großstädter, die den Bezug zur Welt und zur Natur verloren haben. Seit der Moderne glaubt die Kunst an Produktion ohne Narration. Aber wenn es nichts mehr zu erzählen gibt, reißen die Fäden und die Verbindung zur Welt bricht ab. Das Dörren der Menschen hat ihre Mumifizierung zur Folge. Sie sind saftlos, petrifizieren und werden zu Fossilien. Bevor die Menschheit ausstirbt, konserviert sie sich. Sie kuratiert ihr Verschwinden im Museum der Posthistorie als Paradies des ewigen Jenseits. Die Accademia dei Secreti will die Menschen mit Feuchtigkeit versorgen und uns alle protoplastisch zu einer neuen Gemeinschaft verschmelzen. Der Schleim, der du bist, wird uns retten. Er wird unser Phalanstère, unser Oikos und unsere Polis sein.“ Rei ist kalt. Sein Körper ist nass und glitschig. In seinem Kopf perlen Gedanken wie Gas im Blut eines dekompressionskranken Tauchers. Im Broca-Areal bilden sich kleine Sprechblasen und kitzeln ihn mit Fragen. Was passiert, wenn Systeme irrational werden? Steigt damit ihre Komplexität oder ihre Intransparenz? Verselbstständigen sich die Ausdifferenzierungen und Unterscheidungen? Schwellen die Diskurse, Regeln und Logiken zu einem polyphonen Rauschen an? Oder verbergen sich dahinter schlichte Machtspiele, die sich in der vermeintlichen Unübersichtlichkeit geschickt tarnen? Wann kollabiert Komplexität? Wie entsteht aus Chaos Ordnung und Harmonie? Wie bilden sich Symmetrien und Strukturen, Kristalle und Muster? Wodurch wird alles einfach, klar und sauber? Die Sprechblasen platzen. Sie sind das letzte, was er von seinem Ich hört. Sein Selbst verflüssigt sich und ertränkt den Durst nach Antworten. Der Hunger nach Reinheit, Übersicht, Kontrolle und Überwachung ist erloschen. Der Schleim hat Rei besiegt, um ihn zu retten. Der Leviathan ist aus den Tiefen des Meeres aufgestiegen, um die Individuen in seinem Protoplasma zu verschmelzen. Er ist nicht feuriger Geist und brennende Ideologie, er ist nasse Materie. Ein einzelnes Lebewesen und gleichzeitig ein ganzes Ökosystem. Er wird alle Oberflächen mit einem Biofilm überziehen und ein Superfizium, ein biologisches Internet der Dinge und Wesen errichten. Der schleimige Belag wird über Böden und Wände kriechen, über die Haut in den Mund und durch den Darm wachsen und sich als Diarrhoe ergießen. Er wird ein globales Netzwerk sein, das von Wasserleitungen und Flüssen über Ozeane und Wälder bis in die kleinsten Eisspalten der Antarktis reicht. Der Schleim wird Demiurg und Daimonion sein.

Rei hat sich aufgelöst. Die Schleimzeit ist angebrochen. Alles kommuniziert molekular: quorum sensum.


Weblinks

Thomas Feuerstein PSYCHOPROSA

continent.